Zwischen Demokratie und Theokratie

Wetzlarer Gespräch zur Staatsgründung Israels vor 70 Jahren:

„In Israel und Palästina müssen demokratische Wahlen abgehalten werden. Dabei sollen die Israelis ein palästinensisches Parlament wählen und umgekehrt, dann muss man miteinander reden.“ Diese originelle Lösung in der Konfliktsituation zweier Völker, die Anspruch auf dasselbe Land erheben, propagierte der Nahostexperte Igal Avidan beim Wetzlarer Gespräch im Gemeindesaal der Hospitalkirche. Anlass zur Vortragsveranstaltung, zu der die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, der Sozialethische Ausschuss und der Arbeitskreis Frieden der Evangelischen Kirchenkreise Braunfels und Wetzlar eingeladen hatte, war das Jubiläum „70 Jahre Staat Israel“. 1948 hatte David Ben Gurion die Gründung Israels verkündet.

Bei der Frage, wohin der Weg des Landes zwischen Demokratie und Theokratie (als demokratischer und als jüdischer Staat) hinführen könne, präsentierte der 1962 in Tel Aviv geborene Israeli seinem Publikum zahlreiche Fakten und Statistiken, die Aufschluss über die aktuelle und künftige Entwicklung gaben. Interessant sei beispielsweise, dass es zwischen Jordan und Mittelmeer aktuell erstmals genau so viele Juden (6,5 Millionen) wie Palästinenser (6,2 Millionen) gebe. Für die jüdischen Israelis sei wichtig, dass die Juden in der Mehrheit bleiben, so Avidan. Daher wundere ihn, dass rund 400.000 Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion und deren Kinder, die in Israel geboren wurden, hier nicht als gleichwertige Juden anerkannt werden. Jerusalem habe eine jüdische Mehrheit von 63 Prozent und ein Palästinenser könne der nächste Bürgermeister sein sofern die Palästinenser zur Wahl gingen, die sie bislang jedoch boykottieren und wenn sich mehrere jüdische Kandidaten gegenseitig Stimmen abnehmen. Der Schlüssel für die Zukunft Israels liege bei den Orthodoxen, die viele Kinder haben, sagte der freie Berichterstatter für israelische und deutsche Zeitungen und Hörfunksender aus Berlin. Grund seien das biblische Gebot, sich zu mehren, das Militär, denn viele bekämen zusätzliche Kinder angesichts der Gefahr, dass eines im Krieg sterben könnte und der Holocaust. Avidan erzählte vom Demographie-Experten Alon Tal, der sechs Kinder zeugen wollte: „Eines für je eine Million ermordete Juden“. So sei ein Grund, warum Juden in Israel mehr Kinder bekämen als die Menschen in Europa, dass sie die im Holocaust Ermordeten durch eigene Kinder ersetzen wollten.

„Wenn wir erklären, dass Israel die einzige Demokratie im Nahen Osten ist, dann trägt die Unabhängigkeit des obersten Gerichtes wesentlich dazu bei“, sagte der Nahostexperte. So habe sich dieses Gericht beispielsweise bei einem Vorstoß des Verteidigungsministers Avigdor Liebermann durchgesetzt, eine gemeinsame Trauerfeier von jüdischen und palästinensischen Angehörigen am Tag des Andenkens an den gefallenen Soldaten zu untersagen, da die Palästinenser die Gefühle der Juden verletzen könnten. Das Gericht entschied, dass hier Sicherheitsgründe eine tragende Rolle spielen müssen.

Drei Lösungen zeigte Avidan für den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern auf: die Situation von heute in einem gemeinsamen Staat fortzusetzen, ein gemeinsamer binationaler Staat, der demokratisch, aber nicht unbedingt jüdisch sein müsse und in dem alle gleichberechtigt leben sowie die Teilung des Landes. Dazu hätte sich die neue Friedensinitiative „Zwei Staaten, eine Heimat“ gebildet. Die Idee sei, dass alle bleiben wo sie sind und kein Siedler weg müsse. Israel verpflichte sich jedoch, Palästinenser aus den Flüchtlingslagern zurückkehren zu lassen, die prozentuell den gleichen Anteil in der Bevölkerung bilden wie die jüdischen Siedler im Staat Palästina. Das würde zur Zustimmung der Palästinenser führen und nicht die jüdische Mehrheit gefährden. Diese Initiative werde von der EU unterstützt. Die meisten Israelis und Palästinenser könnten sich eine Zweistaaten-Lösung vorstellen, erklärte der Referent. Doch Misstrauen und Angst auf beiden Seiten verhinderten letztlich ein Friedensabkommen. Beide Seiten sähen sich als ultimative Opfer und seien nicht bereit, das Leid der jeweils anderen zu akzeptieren, so Avidan. Dennoch gibt es Hoffnungszeichen: Im Dorf Neve Shalom/Wahat al-Salam steht eine Schule für palästinensische und jüdische Kinder, in der bereits 12-Jährige sich mehr Gedanken als Politiker darüber machen, wie das Land so geteilt werden kann, dass es gerecht für alle wird, zeigte der Referent ein Vorbild für künftige Verständigung auf.

Begrüßt hatte die Anwesenden Pfarrer Stephan Hünninger, stellvertretender Vorsitzender des Sozialethischen Ausschusses. Pfarrer Wolfgang Grieb von der

Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit moderierte die anschließende Diskussion.

bkl

Bild 1: Nahostexperte Igal Avidan (Mitte) referierte anlässlich der Staatsgründung Israels vor 70 Jahren. Pfarrer Wolfgang Grieb (l.) moderierte, Pfarrer Stephan Hünninger (r.) übernahm die Begrüßung.

Bild 2: Bei der Solidaritätskundgebung „Berlin trägt Kippa“ im April dieses Jahres gewesen: Igal Avidan hat eine Muslima mit Kippa auf dem Kopftuch fotografiert.