Zeit und Verständnis haben

Zwei Neue bei der Notfallseelsorge Lahn-Dill:

Beide haben sie erfolgreich den „Grundkurs Notfallseelsorge“ mit insgesamt elf Abendterminen und zwei ganzen Wochenenden absolviert. Jetzt sind Heike Grüner aus Garbenheim und Klaus Zörb aus Weidenhausen regelmäßig ehrenamtlich im Einsatz, um Menschen in einer akuten Notsituation seelsorglich zu begleiten.

„Ich habe Zeit“, beschreibt Heike Grüner ihre Motivation, sich bei der ökumenischen Notfallseelsorge Lahn-Dill zu engagieren. Die pensionierte Diplom-Psychologin möchte ihre Fähigkeiten so einsetzen, „dass andere etwas davon haben.“ Zu dieser Entscheidung beigetragen hat bei der 69-Jährigen auch ein persönliches Erlebnis: „Als meine Mutter im Krankenhaus starb, war ein Seelsorger sehr einfühlsam für meinen Vater da.“ Das hat sie zum Einsatz für Menschen in derart schwierigen Situationen ermutigt.

Klaus Zörb, in der Kerckhoff-Klinik Bad Nauheim (Herzzentrum) tätig, hat sich nach einem Perspektivwechsel gesehnt. „In der Klinik bin ich in einer Art geschützten System, wenn ich mit den Menschen zu tun habe“, sagt der 50-Jährige, der als Baukirchmeister in seiner evangelischen Kirchengemeinde ehrenamtlich arbeitet und darüber hinaus den Sanitätsdienst der Freien evangelischen Gemeinde Deutschland leitet. „Mir hat einfach noch etwas gefehlt und ich wollte quasi ‚auf die andere Seite’ gehen.“ So habe er Menschen mit viel Empathie bei den Rettungsdiensten erlebt, schildert  Zörb seine Erfahrung, zunehmend aber auch mit deutlicher Distanzierung vom Ergehen der Betroffenen. Deutlich wird, dass es vielen Menschen schwer fällt, extreme Notsituationen zu ertragen. Da ist dann professionelle Distanz nötig. „Ich kann es aushalten“, weiß Heike Grüner, die bei ihren Einsätzen von ihrer beruflichen Erfahrung profitiert: „Manchmal ist es besser, nichts zu sagen. Manchmal ist es wichtig, jemanden einfach festzuhalten. Andere wieder möchten keine Berührung. Dafür braucht man ein Gespür“, erklärt die Seelsorgerin, die schon Angehörige nach einem Suizid begleitet hat. „Ich führe jetzt mit Betroffenen ganz andere Gespräche“, sagt Klaus Zörb, der auch beruflich schon Todesnachrichten überbracht hat, beispielsweise nach einer Reanimation. „Als Notfallseelsorger gehe ich dann nicht nach zehn Minuten weg, sondern bleibe einfach für die Menschen da.“

Die Einsätze laufen in der Regel je über sieben zusammenhängende Tage. Manchmal gibt es in dieser Zeit keinen einzigen Anruf. Oder es kommen gleich zwei an einem Tag. Das hat sie auch schon erlebt, erzählt Heike Grüner.

Aber es ist auch möglich, eine Einheit zu zweit zu belegen um flexibler zu sein. Oder einzelne Tage an einen Kollegen zu delegieren. Den Einsatzplan koordiniert Eberhard Hoppe aus Eibelshausen. Er hat für die Bereiche Nord und Süd im Lahn-Dill-Kreis seit 2009 eine Pfarrstelle für Notfallseelsorge von 50 Prozent Dienstumfang inne und ist gleichzeitig Verbandspfarrer im Evangelischen Gemeinschaftsverband Herborn. Auch die Leitung der Grundkurse, in denen es um Themen wie Trauerformen, Schockreaktionen, Schweigepflicht, Gesprächsführung in Krisen oder das Überbringen einer Todesnachricht geht, fallen in Hoppes Aufgabenbereich. Mitmachen bei der Notfallseelsorge können nicht nur interessierte Pfarrer. „Auch Diakone, Pastoral- und Gemeindereferenten, Prädikanten und Ehrenamtliche, die geeignet sind, um den Einsatz für „Erste Hilfe für die Seele“ in unserer Region sicher zu stellen, sind herzlich willkommen“, wirbt Pfarrer Hoppe für neue Interessierte.

„Tritt der Notfall ein und kommt der Anruf von der Einsatzleitung, kontaktieren wir als Notfallseelsorger zuerst die zuständige Pfarrperson“, erklärt Jürgen Ambrosius (Biskirchen), Synodalbeauftragter der Evangelischen Kirchenkreise Braunfels und Wetzlar, die korrekte Vorgehensweise. „Hat sich der Notfall außerhalb des häuslichen Bereiches ereignet, wie beispielsweise auf der Autobahn, oder ist spontan keiner erreichbar, machen wir uns unverzüglich auf den Weg.“ Denn in der akuten Situation ist es wichtig, so schnell wie möglich für die Betroffenen da sein zu können.

Thematische Fortbildungen und anonymisierte Fallbesprechungen sowie ein ökumenischer Jahresgottesdienst begleiten die Notfallseelsorger in ihrem verantwortungsvollen Dienst.

Der nächste Jahresgottesdienst ist am Mittwoch, 28. Februar. In diesem Rahmen werden die neuen Notfallseelsorger Heike Grüner und Klaus Zörb mit Gebet und Segen sowie mit der Überreichung einer Urkunde in ihr Amt eingeführt – gemeinsam mit vier weiteren Seelsorgern aus dem nördlichen Bereich des Lahn-Dill-Kreises. Der ökumenische Gottesdienst in der Katholischen Herz-Jesu-Kirche in Dillenburg beginnt um 18 Uhr und steht unter dem Titel „Wo geh ich hin?“.

 

Die „Notfallseelsorge Lahn-Dill“ als Rufbereitschaftssystem gibt es seit 1999. Die Notfallseelsorger arbeiten eng mit den Einsatzkräften aus Polizei und Rettungsdiensten zusammen. Träger sind die Evangelischen Kirchenkreise Braunfels und Wetzlar, das Evangelische Dekanat an der Dill sowie der katholische Pastorale Raum Wetzlar und Lahn-Dill-Eder (Bistum Limburg).

Wer Interesse hat und sich beteiligen möchte: Im neuen „Grundkurs Notfallseelsorge“, der am Mittwoch, 7. März, beginnt und am Donnerstag, 26. April endet (Abend- und Wochenendtermine), sind noch Plätze frei. Informationen gibt es bei Pfarrer Eberhard Hoppe, Tel. 02774 – 91033 oder per E-Mail eb.hoppe@t-online.de.

 

 

Erkennbar an den gelben Jacken mit entsprechender Aufschrift: Heike Grüner aus Garbenheim und Klaus Zörb aus Weidenhausen (v.l.) engagieren sich in der Notfallseelsorge Lahn-Dill.