Predigt anlässlich der letzten Synode des Kirchenkreises Braunfels am 2. November 2018 in der Christuskirche Niedergirmes

Predigttext: Apostelgeschichte 2, 42:

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes, des Vaters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Sie aber hielten fest an der Lehre der Apostel und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und am Gebet.

So ist die Kirche. Das ist die Kirche, unsere Kirche. In den 436 Jahren verfasster Evangelischer Kirche im Kirchenkreis Braunfels, in den über fünfzig Jahren mehr oder weniger wilden evangelischen Existenz und den Jahrhunderten zuvor ebenso.

Das ist die Grundlage unserer Existenz als Kirche, auch im neuen Kirchenkreis. Eine Zukunft hat der und die vielen Gemeinden in ihm nur, wenn wir gemeinsam so unser Sein als Kirche verstehen.

Sie aber hielten fest an der Lehre der Apostel, das ist dann für uns die Bibel.

Bleiben wir dabei? Bleibt die Bibel die Grundlage für unser Dasein als Kirche?

Das ist keine rhetorische Frage.

Die „Lehre der Apostel“ – das bedeutet doch, dass da welche lehren und andere belehrt werden. Wir leben in dieser Zeit und die ist noch nicht die Zeit, von der die Propheten sprachen, in der niemand eine andere oder einen anderen lehren müsse, weil alle voll und ganz vom Geist Gottes ergriffen und wissend sind.

Lehren wir? Lassen wir uns belehren? Nicht einmal in einer der sogenannten Kernkompetenzen einer Pfarrerin oder eines Pfarrers – dem Kirchlichen „Unterricht“ darf das mehr so sein. Von „Unterricht“ wird, wenn wir uns nach den Ordnungen unserer Kirche richten, nicht mehr gesprochen. Konfirmandenarbeit heißt das jetzt korrekt. Warum da die Konfirmandinnen völlig aus dem Blick geraten sind, habe ich immer noch nicht verstanden. Auf jeden Fall unterrichtet und gelehrt wird da nicht, sondern eben gearbeitet. Von wem eigentlich?

An „der Lehre der Apostel“ festhalten, also mit Blick auf die Bibel sagen: „Da geht es lang! Das ist richtig! Das ist falsch!“, so sind wir wirklich die Kirche Jesu Christi.

 

A: Was machst du denn da die ganze Zeit mit dem Spiegel? Das macht mich völlig nervös. Du bist ja schlimmer als die Konfirmanden.

B: Was denn – Licht einfangen und gucken, wo es sich spiegelt? Stimmt, das machen die Konfirmanden auch.

A: Ja, und dann kann ich mich gar nicht mehr konzentrieren, weil irgendwo Lichtpunkte wandern und ich automatisch dahin gucke oder weil es mich blendet und ablenkt.

B: Genau das ging mir gerade durch den Kopf. Kirche ist dazu da, die Blickrichtung der Menschen zu durchkreuzen und ihre Sicht auf etwas anderes zu lenken. Und ich finde, das passt sehr gut zu dem, was der Kollege da gerade gesagt hat: “Sie hielten fest an der Lehre der Apostel“. Wir fangen Licht ein, das uns nicht gehört und geben es weiter, manchmal wohltuend, manchmal störend.

A: Jetzt weiß ich, worauf du hinauswillst: Wir hören auf die Bibel und sagen anderen: “Da geht es lang, wenn es nach Gottes Willen geht.“ Wir machen sie aufmerksam, schärfen ihren Blick, lenken ihn vielleicht auf andere Bahnen. Wir geben das weiter, was wir einfangen, manchmal wohltuend, manchmal störend.

B: Wir ernten schon strafende Blicke. Vielleicht sollten wir lieber wieder zuhören.

 

Sie aber hielten fest … an der Gemeinschaft.

Ja, das tun wir als Kirche. Selbst an der Gemeinschaft mit „der“ Gemeinschaft. Selbst mit denen, die uns nicht wollen, weil wir nicht gut genug seien, oder mit denen, die sich für die eine, wahre Kirche halten, also die (römisch-)katholische Kirche, für die wir gar nicht Kirche sind.

Und weil uns das mit der Gemeinschaft so wichtig ist, haben wir auch untereinander weitreichende, lang anhaltende, nachhaltige Gemeinschaft. Bei uns gibt es nicht hier ein Grüppchen, dort eins. Nicht nur hier und jetzt fehlt niemand in der Gemeinschaft im Kirchenkreis, ist nicht eine oder einer bei uns allein mit dem eigenen Süppchen beschäftigt.

Für die, die diesen Gottesdienst gerade nicht per Livestream verfolgen, sondern wirklich live: Da war jetzt gerade ein Insert zu sehen: Vorsicht! Ironie!

 

B: Jetzt bist du aber die, die rumspielt.

A: Naja, irgendwie reizt es mich jetzt auch. Es ist ja nicht nur so, dass ich das Licht um die Ecke lenken kann, ich selber kann auch um die Ecke sehen. Ich sehe zum Beispiel die Menschen, die in meinem Rücken sind. Und wenn ich die Hand ein bisschen ausstrecke, sehe ich alle, die in meiner Reihe sitzen.

B: Und du definierst die Aufgabe der Kirche gerade neu?

A: Also, so wie ich mich immer einsetze für die Ökumene und für die Gemeinschaft im Kirchenkreis?! Na klar! Wir lassen mit unserem Lebensstil oft genug Menschen hinter uns zurück. Kirche ist dazu da, sie in den Blick zu nehmen. Viele haben diesen schrecklichen Geltungsdrang und wollen in der ersten Reihe sitzen. Kirche ist dazu da, dass wir mal neben uns schauen, wer noch mit uns auf dem Weg ist.

B: Und vielleicht müssen wir uns oder anderen mal den Spiegel vorhalten, damit sich die Sicht der Dinge ändert.

 

Sie aber hielten fest … am Brechen des Brotes. Das Abendmahl feiern. Eine Form der Gemeinschaft, die sich unseren Regeln entzieht.

Nicht wir bestimmen, wer eingeladen ist. Und dann stehen sie plötzlich neben uns, die Menschen, die uns in der letzten Sitzung das Leben so schwer gemacht haben, und die Menschen, die wir im wahrsten Sinne des Wortes nicht riechen können, weil ihre Darmschließmuskeln den Dienst versagten und die Windel den Geruch nicht auffängt, und die Menschen, die intellektuell deutlich unter unserem Niveau sind, und die Menschen, die lauthals kichern, weil sie nicht wissen, wie man sich so verhält am Tisch des Herrn, und die Menschen, denen das ein großes Bedürfnis ist, Jesus zu erfahren, und Sie und Du und ich.

Und wir brechen gemeinsam das Brot, ohne uns vorher über die Konzeption oder das Verständnis geeinigt zu haben. Wir feiern Abendmahl, auch wenn der Zeitplan durcheinander kommt, denn das gemeinsame Brechen des Brotes ist uns wichtig.

 

B: O Mist, jetzt ist er mir runtergefallen. Ba, ist das hier unten dreckig. Man sieht genau das, was man als guter Küster nicht sehen will. Spinnweben! Staub! Aber das gehört wohl auch dazu, wenn man Kirche ist.

A: Was? Dreck sehen?

B: Naja, du hast es doch gerade gehört. Kennst du das nicht, dass du auf Menschen triffst, die vornherum ganz freundlich sind und wenn du nur ein bisschen hinter die Fassade schaust, zeigen sie ganz andere Seiten?

A: Oder die immer so untadelig scheinen wollen und schrecklich viel Mühe darauf verwenden, ihre Fehler zu verstecken?

B: Oder die, die alles können und alles wissen und nur ihre Unsicherheit verbergen wollen?

A: Klar kenne ich die. Es ist manchmal ganz schön anstrengend sie auszuhalten.

B: Siehst du, und das ist genau das, was ich gerade mit dem Spiegel gemacht habe, auch die Schmuddelecken sehen. Aber ist nicht auch das Aufgabe der Kirche: Sehen, dass da Fehler und Schwächen sind und trotzdem vor Gott eine Gemeinschaft zu bleiben?

A: Naja, da muss ich ja nur mal selbst in den Spiegel schauen. Ich weiß um meine Fehler und Gott erst recht, und trotzdem lädt er mich zum Abendmahl. Da kann und will ich das anderen nicht verweigern.

B: Vielleicht konnten wir als Kirche nur deswegen so lange existieren, weil wir das Abendmahl als fröhliches Versöhnungsmahl haben und feiern.

 

Sie aber hielten fest … am Gebet. Wir reden mit Gott. Wir trauen Gott etwas zu. Wir vertrauen ihm an, auf was wir hoffen, was es zu klagen oder zu bitten gibt.

Wir tun das nicht nur für uns, im stillen Kämmerlein, als eine persönliche Angelegenheit. Wir lassen es auch nicht zu, dass uns etwas dazwischen kommt, sondern wir beten. Gemeinsam.

Wir machen uns selbst und anderen damit deutlich, dass es nicht unsere Ideen, Konzepte, Berichte, Entwürfe, Anträge und Einwürfe sind, die für die Zukunft unserer Kirche entscheidend sind, sondern dass es Gott ist. Wir legen unsere Kirche in Gottes Hände.

 

A: Jetzt bin ich aber gespannt, wie du das mit dem Spiegel verbindest.

B: Guck mal, so. Leg den Spiegel auf den Nasenrücken und guck nur in den Spiegel, was siehst du?

A: Alles was über mir ist: das Kirchendach, die Baumkrone durchs Fenster, die allerhöchsten Orgelpfeifen. Ich bin im selben Raum und doch nicht im selben Raum. Du, das ist eine völlig neue Perspektive.

B: Siehst du. Beten heißt: Die Perspektive wechseln. Den in den Blick nehmen, der über mir ist. Und das ist ganz sicher Aufgabe der Kirche. Und wenn wir jeden Sonntag beten „dein Reich komme“, dann ist das ähnlich. Wir sind im selben Raum wie die Welt um uns herum und doch nicht im selben Raum, weil wir eben diese andere Perspektive haben.

A: Faszinierend!

Sie aber hielten fest an der Lehre der Apostel und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und am Gebet.

Die Kirche Jesu Christi, die nicht sichtbare, wahre Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden, hängt nicht davon ab, ob wir auch wirklich weiter treu daran festhalten wollen.

Unser Recht, die sichtbare Kirche und damit auch unseren Kirchenkreis als Kirche Jesus Christi zu bezeichnen, steht und fällt jedoch damit, mit der Lehre der Apostel, der Gemeinschaft, dem Brechen des Brotes und dem Gebet. Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als unsere Vernunft, bewahre uns in Jesus Christus. Amen.

(Es gilt das gesprochene Wort.)

Die Predigt haben Pfarrerin Hildegard Twittenhoff und Pfarrer Marcus Brenzinger verfasst, vorgetragen wurde sie von Heidi Stiewink, Hildegard Twittenhoff und Marcus Brenzinger.