Niemand kann sich freisprechen von Schuld

Prof. Athina Lexutt über evangelische Kirche und Nationalsozialismus:

 

Welche Lehre lässt sich in einer Zeit, in der Vergessen und Verleugnen wieder salonfähig geworden zu sein scheinen aus dem Verhältnis der evangelischen Kirche zum Nationalsozialismus ziehen?

Mit dieser Frage hat sich Athina Lexutt im evangelischen Friedrich-Winter-Gemeindehaus in Kölschhausen auseinandergesetzt. Es war die Auftaktveranstaltung zur Themenwoche „Kirche im Widerstand“. Die Professorin für Kirchengeschichte an der Justus-Liebig-Universität Gießen schlug dazu einen Bogen von der Weimarer Republik bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Und kam zu dem Ergebnis: „Schuld ist Schuld ist Schuld.“ Niemand könne sich freisprechen oder Dinge schönreden. Wachsam müsse man bleiben und den kirchlichen Auftrag auch als gesellschaftlichen, kulturellen und politischen verstehen, verkünden und leben.

 

In ihrem Vortrag vor rund 50 Teilnehmenden beschrieb Lexutt  anschaulich das Bild eines uneinheitlichen, teilweise zögerlichen, gespaltenen, aber in Teilen auch widerständigen Protestantismus gegenüber dem Agieren des NS-Staates. Bereits die „Vaterländische Kundgebung“ des Deutschen Evangelischen Kirchentags in Königsberg 1927 habe die Tür für den Missbrauch des nationalen Gedankens geöffnet. Gegenüber der religionsneutralen Weimarer Republik habe Hitler in seiner Regierungserklärung 1933 betont, die beiden christlichen Konfessionen seien „wichtigste Faktoren der Erhaltung unseres Volkstums“ und damit die Politik der NSDAP für Kirche attraktiv gemacht.

Vereinzelt gab es zu dieser Zeit schon Widerstand: So sprach sich der lutherische Theologe Hermann Sasse deutlich gegen eine „Vermischung von Christentum und Parteiprogramm“ aus. Allgemein gehörte jedoch der Antijudaismus wie selbstverständlich zum Gedankengut evangelischer Geistlicher, machte die Theologin deutlich. Absicht der Nationalsozialisten sei  gewesen, die Kirchen in ihr Gleichschaltungsprogramm einzubeziehen. Die Gründung der Glaubensbewegung „Deutsche Christen“ (DC) 1932 mit ihrer Nähe zu den Überzeugungen der Nationalsozialisten sei von daher keine Überraschung. Der Regierungswechsel habe die Hoffnung geweckt, antireligiöse Kräfte würden nun endgültig zurückgedrängt und die Unfähigkeit zu eigener politischer Urteilskraft habe zu einem naiven Mitläufertum geführt. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass schon bald kein Leiter einer Kirchenbehörde gegen ausdrückliche Zustimmung einer staatlichen Institution mehr ernannt werden durfte.

Zu denen, die die Gefahren des Nationalsozialismus schön früh erkannten, zählt Athina Lexutt auch Ina Gschlössl, die sagte: „Nirgends im ganzen Neuen Testament wird ein Mensch verdammt auf Grund seiner Rassenzugehörigkeit“. Dabei liege der Irrtum schon darin, das Judentum als Rasse  und nicht als Religion zu bezeichnen, wie der Theologe Dietrich Bonhoeffer verstanden habe, erklärte Lexutt. Dieser hatte ein politisches Handeln der Kirche für den Fall gefordert, dass die Kirche den Staat versagen sieht und als Möglichkeit aufgezeigt, „nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen“.

Auf Initiative von Martin Niemöller entstand 1933 der „Pfarrernotbund“, der sich gegen den Arierparagraphen richtete. Daraus ging eine innerkirchliche Widerstandsbewegung hervor, die sogenannte „Bekennende Kirche“. Mehrere Bekenntnissynoden sollten das Desaster für die evangelische Kirche verhindern und die enge Verbindung zum Staat aufgeben – mit dem Nachdruck auf die Richtschnur der Bibel und das Bekenntnis zu Jesus Christus allein. Auf diese Weise entstand unter Federführung des reformierten Theologen Karl Barth 1934 die sogenannte „Barmer Theologische Erklärung“.

 

Die evangelische Kirche habe es nicht geschafft, gegen die NS-Ideologie geschlossen Position zu beziehen, beklagte Lexutt am Ende und fügte hinzu: „Vor allem fehlte eine öffentliche Stellungnahme zur Judenfeindlichkeit.“ Erst nach dem Krieg kam es zum Neuanfang: Die „Stuttgarter Schulderklärung“ benennt die Schuld der Kirche und spricht davon, dass „durch uns unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden ist“ und: „Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“

 

Pfarrerin Tanja Kamp-Erhardt (Kölschhausen), die den Abend moderierte, freute sich, Interessierte aus insgesamt neun Orten begrüßen zu können, die im Anschluss an den Vortrag intensive Gespräche führten.

 

Die Veranstaltungsreihe „Kirche im Widerstand“ wird fortgesetzt:

 Dr. Georg Plasger, Professor für Systematische und ökumenische Theologie an der Uni Siegen wird am Dienstag, 20. November über „Das Bilderverbot als Wurzel reformierten Widerstands“ referieren. Er geht dabei von einer Predigt des Theologen Karl Barth von 1935 aus. Die Frage „Dem Bösen widerstehen?“ wird Professor Marco Hofheinz, Hannover,  am Donnerstag, 22. November in den Blick nehmen. Dabei geht es um die Aktualität der Widerstandslehre reformierter Theologie. Über die Barmer Theologische Erklärung referiert der Moderator des Reformierten Bundes, Pfarrer Martin Engels, Wuppertal, am Freitag, 23. November.

Alle Veranstaltungen starten jeweils um 19.30 Uhr im Friedrich-Winter-Gemeindehaus (Friedrich-Winter-Str. 2).

Den Gottesdienst am Buß- und Bettag, 21. November, wird Pfarrerin Tanja Kamp-Erhardt zu Friedrich Winters Predigt vor 80 Jahren über Verse aus dem Buch Daniel, Kapitel 9, halten. Beginn ist um 19 Uhr.

 

Vor 80 Jahren, am Buß- und Bettag 1938 und wenige Tage nach der Pogromnacht, hielt Friedrich Winter, Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Kölschhausen, eine denkwürdige Predigt zur aktuellen Situation von Politik und Kirche.

Aus diesem Anlass findet vom 19. bis 23. November die Themenwoche „Kirche im Widerstand“ in Kölschhausen statt.

bkl

 

Bild 1: Prof. Athina Lexutt, evangelische Kirchenhistorikerin an der Uni Gießen, referierte im Friedrich-Winter-Gemeindehaus über die Frage, wie sich die evangelische Kirche zum Nationalsozialismus verhielt.

Bild 2: Zahlreich Interessierte waren ins Friedrich-Winter-Gemeindehaus gekommen um die Auftaktveranstaltung zur Themenwoche „Kirche im Widerstand“ zu erleben.

Bild 3: Pfarrerin Tanja Kamp-Erhardt (2.v.l.), engagierte Zuhörerin, moderierte den Abend zu „Evangelische Kirche im Nationalsozialismus“.