„Herr Schrader läuft Amok“

Theaterstück der WALI am Buß- und Bettag:

Es ging um Kapitalismus und Machtstreben, um Konkurrenz und Besitz, aber auch um Zusammenhalt und Solidarität, um das Bewusstsein, gemeinsam etwas erreichen zu können, das allen dient. Am Ende blieben rund 150 Zuschauer begeistert, aber auch berührt und nachdenklich zurück. „Herr Schrader läuft Amok“ haben acht Schauspieler der Theatergruppe der Arbeitsloseninitiative „WALI“ im Nachbarschaftszentrum Niedergirmes am Buß- und Bettag aufgeführt. Dies im Anschluss an den zentralen kreiskirchlichen Gottesdienst unter dem Thema „…und richtet Erniedrigte auf!“ Darum, Menschen ihr Selbstwertgefühl zurück zu geben, geht es auch im Theaterstück unter Regie von Erich Schaffner, das auf zwei historischen Ebenen, nämlich im 18. Jahrhundert und im Jahr 2017 spielt. Gleich zu Anfang treten die „Bremer Stadtmusikanten“ auf, vier im Alter schlecht behandelte Haustiere, die von ihren Herren getötet werden sollten und in Richtung Bremen reisen um dort Stadtmusikanten zu werden. Vorher vertreiben sie jedoch eine Räuberbande und können fortan in deren Haus friedlich gemeinsam leben. So wie die Tiere es schaffen, durch Mut und Zusammenhalt die Bösen zu überwinden und sich ein neues Leben aufzubauen, ergeht es auch Handwerksgesellen dieser Zeit, die sich das menschenverachtende Tun ihrer Obrigkeit nicht gefallen lassen. Strategisch geschickt verlassen sie einer nach dem anderen ihren Arbeitsplatz und nötigen ihre Meister auf diese Weise, sie zu besseren Bedingungen wieder aufzunehmen. Denn „geächtete“ Meister können in dieser Zeit keinen Gesellen halten. Und dann tritt „Robbi“ auf, Industrieroboter in einer heutigen Fabrik, der den Bremer Stadtmusikanten und den Handwerksgesellen die moderne Gesellschaft 2017 mit ihrem Zeit- und Leistungsdruck erklärt. Eine beachtliche Leistung zeigten hier die Protagonisten Irmtraut Franken, Monika Gottwald, Sigrid Nickel, Nihal Yilmaz, Stefan Lerach, Stefan Wagner, Michaela Brozda und Desiree Schmidt.

Während Herr Schrader und sein Kollege noch von teuren, schnellen Autos mit tollem Design und allen technischen Finessen schwärmen und sich dabei gegenseitig übertrumpfen, leidet Schrader gleichzeitig an der Menge seiner Überstunden und am allgegenwärtigen Konkurrenzdruck. Eindrücklich dargestellt auch die Szene mit dem Bild eines Suizidkandidaten, der dem Druck des Arbeitgebers nicht mehr standhält und wie zahlreiche seiner Kollegen dem eigenen Tod den Vorzug gegenüber dem Aufstand in der Gruppe gibt. Soweit kommt es bei Herrn Schrader nicht. Robbi, der allen gegenüber sehr deutlich wird: „Handwerker gibt’s 2017 nicht mehr, eine Handvoll Milliardäre hat sie niedergeboxt, zerquetscht in der Mühle des Kapitalkreislaufes und alle haben Angst“, kann ihn beruhigen. Er zeigt, wie wichtig es ist, zusammen zu halten und Solidarität zu zeigen um den Teufelskreis eines Kapitalismus zu durchbrechen, der nicht ewig anhalten kann.

Volks- und Handwerkslieder, mal lustig, mal zum Aufbruch rufend („Das Wandern ist des Müllers Lust“), mal politisch aufrüttelnd wie das „Bürgerlied“ oder ein Handwerkslied der Pariser Kommune lockerten die Szenen auf. Für Abwechslung sorgten zudem die sich frei durch den Raum bewegenden Schauspieler, gefolgt von einer ausgefeilten Licht- und Tontechnik, um die sich insgesamt Rene Philipps, Frank Watzel und Mario Seidler kümmerten.

Verbunden war das Theaterstück mit der Ausstellung „Türen öffnen. Gerechtigkeit leben“ des „Atelier Kunst Inklusiv“. Bei der Kampagne der Diakonie Lahn Dill e.V. zum Reformationsjubiläum hatten Menschen ihr Engagement und ihre Visionen zum Thema durch die entsprechende Gestaltung einer Tür öffentlich gemacht. Für die mit angeregten Gesprächen gefüllte Zeit zwischen Gottesdienst und Theater hatten Mitarbeiter der WALI ein leckeres Buffet vorbereitet.

bkl

„Herr Schrader läuft Amok“ hieß das von der WALI aufgeführte Theaterstück am Buß- und Bettag im Nachbarschaftszentrum Niedergirmes.