Guter Auftakt für die Wettenberger Gespräche

Den Glauben zu bekennen braucht Zivilcourage:

Erfolgreich ist die neue Veranstaltungsreihe „Wettenberger Gespräche“ gestartet. Rund 30 Besucher folgten dem Referat und beteiligten sich anschließend an der lebhaften Diskusssion. Pfarrer Georg-Christoph Schaaf freute sich über den guten Auftakt. Zunächst sei die evangelische Kirchengemeinde alleine gestartet. Die Wettenberger Gespräche sollen aber auch die katholische Gemeinde und auch evangelische Nachbargemeinden aus Biebertal und Wettenberg umfassen. Für das zweite Halbjahr sind bereits drei weitere Themen angedacht, so Schaaf. Das sind „Schöpfung und Urknall“, Pflege bis zum Umfallen – Grenze der Pflege und Seelsorge sowie Argumente zum Glauben.

Dr. Kerstin Sander vom Vorbereitungskreis konnte zu dem ersten Abend der Wettenberger Gespräche den Theologen Okko Herlyn aus Duisburg am Niederrhein zum Thema „Ich glaube… Ja, was eigentlich“ begrüßen. Der Vortrag war mit dem Untertitel „Reformatorisches Erbe in einer veränderten Welt“ überschrieben.

Reformierter Theologe, emeritierter Professor, Kleinkünstler – all das könnte auf der Visitenkarte von Herlyn stehen. Zu Beginn seines Vortrags erinnerte er sich an seine Zeit als Pfarrer in Duisburg und an eine Begegnung zwischen Christen und Muslimen: „Beide Seiten sollten einmal in Kürze sagen, was das Wesentliche ihres Glaubens sei. Die muslimische Seite war damit rasch durch. Knapp und bündig zählten sie die berühmten fünf Säulen des Islam auf. Das dauerte etwa eineinhalb Minuten. Nun waren wir an der Reihe. Antwort: Schweigen im Walde. Da saßen etwa 80 wackere und auch einigermaßen regelmäßige evangelische Gottesdienstteilnehmer zusammen und wussten nicht zu sagen, was evangelisch ist. Zumindest nicht auf die Schnelle.“

Herlyn verstand es sehr anschaulich und schlicht vom christlichen Glauben zu reden. Im Rahmen des Reformationsjubiläums 2017 hatte er sich besonders mit den Grundsätzen evangelischen Seins auseinander gesetzt und versuchte nun, die Wettenberger Besucher fit zu machen, damit es ihnen nicht ergeht, wie einst die Christen in Duisburg.

Dabei hielt er sich an die grundlegenden Erkenntnisse der Reformatoren, die in den Begriffen „Christus allein, allein die Bibel, allein aus Gnade, allein der Glaube zusammen gefasst sind. Der 71-Jährige wies darauf hin, dass Martin Luther diese Erkenntnisse in eine andere Zeit mit anderen Herausforderungen gesprochen habe. „Wir leben eher in einer Welt, in der es überhaupt keine Wahrheit zu geben scheint. Was wahr und richtig ist, hat in Zeiten der Pluralisierung jeder für sich zu entscheiden“, so Herlyn. „Was Gott ist, bestimme ich“, zitierte er die Zeitschrift „Psychologie heute“. Und dabei dürfe es dann religiöserseits durchaus auch von allem etwas sein: hier ein bisschen protestantische Rationalität, dort ein wenig katholische Sinnenfreude, hier ein bisschen fernöstliche Mystik, dort ein wenig Rückkehr zur Naturreligion, hier ein bisschen jüdische Kultur, dort ein wenig islamische Mythen“. Demgegenüber meine das „Christus allein“ schlicht und einfach: „Was Gott ist, bestimme nicht ich, sondern einzig und allein Gott selbst. Und was sich als herrliche Wahlfreiheit aufplustert, könnte sich am Ende womöglich als üble Tyrannei entpuppen, die den Menschen in eine heillose Überforderung und Einsamkeit stürzt“. Es könne doch befreiend sein, zu wissen, dass die Wahrheit vorgegeben ist, dass man sie gerade nicht ständig neu erfinden muss, dass man sich auf sie verlassen kann, wie sich ein Kind auf die Liebe der Mutter verlässt.

Zu der zweiten Erkenntnis, der Bibel, sagte der Referent: „Gott finden wir zuallererst und einzig in seinem Wort. Sie ist die Richtschnur der Wahrheit. Wir werden als Christen heute nur im Streit um die Wahrheit bestehen können, wenn wir die aufgeschlagene Bibel ernst nehmen.“ Sehr lebensnah und erfrischend packte der Theologie-Professor die Themen an. „Schuld, Sühne, Rechtfertigung – wer denkt heute noch in diesen Kategorien? An die Stelle Gottes sind andere Institutionen getreten, die Gesellschaft, der eigene Anspruch. Sie fordern von uns zahlreichen Tribut“, meinte der Theologe. Vor Gott brauche der Mensch nichts zu tun. Dies sei eine tiefe, befreiende Erkenntnis. Der etwa 45-minütige Vortrag wurde bereits durch Fragen der Besucher unterbrochen. Nach seiner Rede hatten die Gäste noch viele weitere Fragen, die der Referent geduldig in mehr als einer Stunde beantwortete. Herlyn hat seine Antworten zu der Frage „Was ist eigentlich evangelisch?“ als Buch herausgebracht, das inzwischen auch einen theologischen Preis gewonnen hat.
Rundum also ein erfolgreicher Abend und ein positiver Auftakt für die Reihe „Wettenberger Gespräche“.

lr

 

Bild 1: Prof. Dr. Okko Herlyn sprach zum Thema „Was ist eigentlich evangelisch?“ im Gemeindehaus in Krofdorf.

Bild 2 von links: Pfarrer Georg-Christoph Schaaf, Dr. Kerstin Sander und der Referent Prof. Dr. Okko Herlyn.

Bild 3: Besucher des ersten Abends der Wettenberger Gespräche.