Wort zum Sonntag – Jahr 2018

Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Hebräer 13, 14

Liebe Leserinnen und Leser,

was ist ca. 3 Meter hoch, 2,5 Meter lang, meist in weißer Farbe angestrichen, beliebig erweiter- und stapelbar und als vorübergehende Unterkunft konzipiert? Ganz genau, es handelt sich um Container. Auf dem Sportplatz unseres Dorfes stehen solche zurzeit, da die Schule saniert wird. Damit die Bauarbeiten zügig ausgeführt werden können, zog die gesamte Schule vorübergehend ins Provisorium. In den Containern ist es erstaunlich komfortabel: ordentliche Böden, Schultafeln, Fenster, Steckdosen und was man halt sonst noch braucht. Auch wenn nicht alles optimal ist; von einer „Notlösung“ mag man kaum sprechen.

Im Dorf macht schon die Frage die Runde, warum die Schule eigentlich neu gemacht werden muss. Die Container tun´s doch offensichtlich auch. Aber natürlich werden sich alle freuen, wenn die Schule fertig und bezugsfertig ist.

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Das vorläufige Leben im Container ist für mich ein Sinnbild für unsere Existenz. Wir richten uns gerne hier ein: Familie, Wohnung, Haus, Garten, Auto, Arbeit, Urlaub.

Alles gut! Das meiste haben wir! Wer Jesus nachfolgt weiß, dass wir diese Dinge genießen dürfen. Aber sie sind eben doch nur vorläufig. Sie sind gut, aber doch nur ein Provisorium. Auf uns wartet etwas Neues; etwas, das bleibt. Wir werden Wohnung nehmen bei unserem himmlischen Vater. Das Beste kommt noch. Täuschen wir uns nicht manchmal selber, indem wir alles auf dieses Leben setzen und nichts Zukünftiges mehr erwarten?

Die Kinder in unserem Dorf gehen (soweit ich das beurteilen kann) gerne in die Container-Schule. Aber die richtige Schule ist nur einen Steinwurf entfernt. Sie sehen und hören jeden Tag, wie dort gebaut wird. Sie werden einmal dort einziehen. Das ist ihnen klar. Auch wenn die jüngsten Schüler sich noch nicht genau vorstellen können, wie lange ein halbes Jahr dauert.

Nehmen wir uns die Schüler zum Vorbild. Gottes Reich wird vollendet werden – für uns. Gott hat es versprochen. Er baut daran. Jesus Christus ist uns vorausgeeilt und bereitet alles vor. Das Beste kommt noch. Wir werden es nicht aus dem Blick verlieren. Auch wenn wir keine Ahnung haben, wie lange es noch dauert. Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Ihr Pfarrer Sebastian Anwand (Evangelisch-lutherische St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf)

Heilung gelingt nicht immer, aber Krankheit ist keine Strafe

„Die Therapie schlägt an. Sie werden bald geheilt entlassen!“ Solche Worte von behandelnden Ärztinnen oder Ärzten zu hören erfreut die Betroffenen. Vielleicht können jene nicht einmal genau sagen, wer oder was die Heilung verursacht hat.

Leben zu retten und Krankheiten zu heilen, das ist das Ziel der Medizin. Damit steht sie durchaus in der Tradition Jesu, der als Arzt rettete und heilte. Anders als damals stehen dazu heute viele therapeutische Möglichkeiten zur Verfügung. Manchmal geschieht auch heute das Wunder, dass Menschen von einer schlimmen Krankheit geheilt werden und keiner kann letztlich sagen, wie es dazu gekommen ist.

David Ben Gurion, der erste Premierminister Israels, sagte einmal: „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.“ Manchmal passieren sie, diese Wunder, die dem Leben wieder eine ganz neue Perspektive eröffnen. Gut, wenn wir in diesem Sinn Realisten bleiben.

Was aber, wenn das Wunder ausbleibt? Viele Menschen müssen mit Krankheit leben bis zum Tod. Dann ist sehr viel Nacht und wenig Licht.

Auch Jesus konnte nicht allen Menschen helfen und sie heilen. Ihm selbst aber ist das Leiden nicht fremd geblieben. Die damit verbundene Dunkelheit hat er selbst durchlebt. Darum können wir darauf vertrauen, Gott kennt unser Leid von innen. Wir sind nicht allein.

Immer wieder erlebe ich auch, wie Kranke die Schuldfrage stellen. Dann höre ich sinngemäß: Was habe ich denn falsch gemacht, dass mich Gott mit dieser Krankheit straft? Doch diese Frage hilft nicht weiter. Dass der Kranke die Krankheit zu tragen hat, ist schwer genug. Soll er dann auch selbst schuld daran sein? Oft verbirgt sich dahinter eine fiese Strategie der Gesunden, die die Kranken zusätzlich belastet und den Gesunden hilft, sich von ihnen fern zu halten.

Jesus lehnt diese Strategie konsequent ab. Er legt Kranke und Leidende nicht auf ihre Vergangenheit fest. Er interessiert sich nicht für mögliche Ursachen in der Vergangenheit. Sein Blick ist nach vorne gerichtet, nicht rückwärts.

Das macht er unmissverständlich deutlich als er mit seinen Jüngern einem Blindgeborenen begegnet und sie danach fragen, ob dessen Eltern Schuld an der Erkrankung haben oder er selbst gesündigt hat. „Es ist weder seine Schuld noch die seiner Eltern. An ihm soll sichtbar werden, was Gott zu tun vermag.“ (Johannesevangelium, Kapitel 9, Vers 3).

Jesus fordert uns dazu auf, nach vorne zu blicken. Wir sind nicht auf unsere Vergangenheit festgelegt.

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, evangelischer Seelsorger im Klinikum Wetzlar

 

Am Schulanfang

Neulich im Freibad stand ein kleiner Junge auf dem Dreimeterbrett. Nach dem Ende seines Schwimmkurses sollte er sozusagen zum krönenden Abschluss von da hinunterspringen. Er stand lange zögernd und ängstlich da oben. Er wollte schon aufgeben und umkehren. Doch dann kam sein Freund, redete kurz mit ihm und die beiden nahmen sich an den Händen und sprangen gemeinsam. Von da an traute sich der Junge mit Freude immer wieder von Neuem vom Dreimeterbrett zu springen. Sogar alleine. Was für eine schöne Erfahrung fürs Leben. Da nimmt mich einer bei der Hand und schon geht es besser.

So einen Sprung in einen neuen Lebensabschnitt erleben in der kommenden Woche die Kinder, die zur Schule kommen. Sie feiern, ausgestattet mit großen bunten Schultüten, die mit allerlei Leckereien gefüllt sind und den beginnenden „Ernst des Lebens“ versüßen sollen, ihren Schulanfang. Alles ist neu und fremd. Vielleicht haben manche auch ein bisschen Angst. Da wünsche ich Ihnen, dass sie in der Schule von allen freundlich aufgenommen werden und dass sie von vielen älteren Schülerinnen und Schülern eine Hand gereicht bekommen, Hilfe und Unterstützung erfahren.

Wie wird wohl die neue Klassenlehrerin sein? Das fragen sich jetzt bestimmt viele Kinder. Ich wünsche ihnen, dass die Lehrkräfte an der Schule einfühlsame Lernbegleiter sind und dass eine gute Klassengemeinschaft entsteht, in der das Lernen Spaß macht. Auf dem Weg zur Schule müssen die Kinder vieles beachten. Ein unsichtbarer Schutzengel möge die Kinder auf Ihrem Schulweg begleiten und sie an die Hand nehmen. Die ganze Familie freut sich zum Schulanfang mit den Kindern. Möge der Zusammenhalt in der Familie der Kinder stark sein und ein gutes Miteinander zwischen Eltern und Lehrkräften zum Wohl der Kinder bestehen.

Den Eltern wünsche ich ein gutes Gespür dafür, wo sie die Hand ihres Kindes getrost loslassen können, wenn es etwas selbstständig kann. Alle Kinder freuen sich auf die Pausen auf dem Schulhof. Mögen die Kinder schnell neue Freunde finden, mit denen sie auf dem Schulhof spielen können und keine Kinder ausgeschlossen oder gemobbt werden.

Von Anfang an geht es den Lehrkräften darum, die Kinder auf ihrem Lernweg zu begleiten und zu entdecken, welche Fähigkeiten und Talente in ihnen stecken. Kinder brauchen positive Bestärkung. Kein Kind ist dazu da, irgendjemandes Erwartung zu erfüllen, sondern um immer mehr es selbst zu werden. Wie das gehen soll? Mit viel Verständnis und Zeit haben und mit Liebe natürlich.

Nimmt man sich für Kinder Zeit, fühlen sie sich geliebt, dann lernen sie mehr und mehr zu ihren Gefühlen und Gedanken, ja zu sich selbst zu stehen. Dann trauen sie sich etwas zu und haben den Mut, sich auf Neues einzulassen. Wenn man sich geliebt fühlt, wenn man an die Hand genommen wird, kann man sich selbst annehmen und neue, unbekannte Wege voll Vertrauen gehen.

So eine positive Sicht auf mich und meine Möglichkeiten steckt für mich auch in meinem Glauben, wenn ich den Psalm 23, „Der Herr ist mein Hirte“ lese, will er doch nichts anderes sagen, als: Lass Dich von Gott an die Hand nehmen!

 

Beate Mayerle-Jarmer, Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik, Wetzlar

„Den Entwurf für das Projekt maile ich Ihnen dann heute Abend rüber. Morgen früh können wir dazu ja nochmal eine Telefonkonferenz schalten, und nächste Woche bin ich dann ja wieder da.“

Eigentlich ein ganz normales berufliches Telefongespräch, das die junge Frau da mit ihrem Smartphone führt. Aber etwas an der Szene stimmt nicht. Sie sitzt dabei am Strand an der Ostsee, vor ihr tapst das zweijährige Kind durch den Sand, daneben baut der Vater mit dem älteren Kind eine Sandburg. Dieses „Projekt“ wäre doch jetzt eigentlich dran. Und ich registriere: schon die dritte Person in dieser Woche, die vom Strand aus ihre beruflichen Aufgaben weiter betreut. Und so richtig erholt wirkten die alle nicht.
Alles hat seine Zeit, auch die Arbeit. Das stellt der Prediger Salomo schon im Alten Testa-ment ausdrücklich fest. ( Prediger Salomo, Kapitel 3 ). Aber auch die Ruhe von der Arbeit hat doch ihre Zeit, oder? Schon ganz am Anfang der Bibel, gleich im zweiten Kapitel, wird davon erzählt, dass Gott von seinen Werken ausruht. Und dass ein Segen auf dieser Ruhezeit liegt ( 1. Mose, Kapitel 2, Verse 1 – 3 ).
„Aber Gott war auch fertig mit seinem Projekt, und ich bin’s nicht“, hat mir dazu mal jemand entgegnet. Diesen Einwand kann ich wohl so nicht stehen lassen. Gott ist nicht „fertig“ mit seiner Welt, was es für ihn alles noch zu tun gibt, davon erzählt die Bibel in 66 Büchern. Nein, er ruht einfach, bevor es mit den nächsten Projekten weitergeht. Und auch von Jesus wird erzählt, dass er sich immer wieder zurückzog, sich „Auszeiten“ gegönnt und diese auch gebraucht hat.
Viele von uns funktionieren nur noch im Dauermodus, und das ist nicht gut. Nicht gut für die Qualität der Arbeit und nicht gut für das eigene Befinden. Gott hat sich auch für uns etwas dabei gedacht, als er der Arbeitszeit die Ruhe an die Seite gestellt hat. Mal raus aus allem, Abstand gewinnen zu den Dringlichkeiten und Projekten, körperlich, seelisch und geistlich wieder zu Kräften kommen.

Wie wäre es damit, das auszuprobieren, auch wenn Sie selber gerade nicht im Urlaub sind: Heute ist Sonntag, Gott sei Dank.

 

Michael Lübeck, Schulreferent der Evangelischen Kirchenkreise Braunfels und Wetzlar

Liebe Leserinnen und Leser!

Jetzt sind für viele Menschen bei uns die schönsten Wochen des Jahres: Urlaubszeit, Reisezeit, Zeit zum Erholen. Kaum beginnen die Ferien, da werden die Koffer und Taschen gepackt und man verreist mit dem Auto, der Bahn, dem Flugzeug und dem Schiff. Man will die Welt erkunden, etwas von der Welt sehen.

Im Evangelium dieses Sonntags spricht Jesus zu seinen Aposteln ein freundliches und angenehmes Wort: „Kommt mit an einen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus.“ Jesus gönnt seinen Aposteln eine Zeit der Ruhe und der Erholung. Nachdem Jesus sie zuvor ausgesandt hatte, um in einer Art Probelauf schon einmal Erfahrungen mit dem Missionieren zu machen (Aufruf zur Umkehr, Austreiben von Dämonen, Salbung kranker Menschen mit Öl (vgl. Markus Evangelium Kapitel 6, Vers 12-13) waren sie zurückgekommen und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten. Und das offensichtlich mit Erfolg. Der Evangelist Markus bemerkt nämlich in seinem Evangelium dazu: „Sie fanden nicht einmal die Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen (Markus Evangelium Kapitel 6, Vers 31).
Auch Glaubensboten können bei ihrer Arbeit Stress und Anspannung haben. Doch jetzt gönnte Jesus seinen Aposteln Ruhe.
Gott gönnt auch uns heutigen Menschen nach den anstrengenden Arbeiten während des Jahres. Verschwenden Sie für ein paar Wochen keinen Gedanken an Beruf und Arbeit. Seien Sie unerreichbar, indem Sie die „Rufbereitschaft“ an Handy und Smartphone abstellen. Lassen Sie sich mit Ihren Augen und Ohren verwöhnen von den Eindrücken während Ihres Urlaubs. Der Urlaub dient nicht nur dazu, neue Kräfte für Arbeit und Beruf zu sammeln. Es gibt andere Ansichten dieser Welt als nur die berufliche Sicht und das Geldverdienen.

Ich wünsche Ihnen, neben Freude und angenehmen Begegnungen mit anderen Menschen auch Momente der Stille und Besinnung, in denen Sie zu sich selbst kommen und dabei erfahren dürfen: Gott trägt und begleitet mich, meistens still und kaum spürbar, manchmal aber auch sehr deutlich.
Heinz Ringel, Pfarrer der katholischen Pfarrei St. Anna Biebertal, Kirchort Ehringshausen/Katzenfurt

Jesus sagt: Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will Euch erquicken (Matthäus 11,28).

Entlastung

Es gab und gibt Menschen, die meinen, sie seien nur mit Gott verbunden, wenn sie bestimmte Vorschriften und Gesetze beachten. Zur Zeit Jesu haben Menschen, die Gott gefallen wollten, solche Vorschriften als eine drückende Last empfunden. Ihnen ruft Jesus zu: „Kommt zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen.“. Bei ihm kann einer, der unter seinen Lasten seufzt, entlastet  werden  Jeder! Vorausgesetzt natürlich, dass die Einladung angenommen wird. Das galt zu seiner Zeit, das gilt heute.

Es häufen sich Berichte, aus denen hervorgeht, wie groß die Zahl der Menschen ist, die mit den Belastungen des Lebens nicht fertig werden. „Kommen Sie zur Ruhe“ wird ihnen empfohlen.  Lebensberater, Psychologen und Gurus geben kluge Ratschläge. Esoterik, fernöstliche Religionen oder besonderer Meditationsübungen werden empfohlen.

Eine Projektmanagerin berichtet: „Vor zwei Jahren kam privat einiges bei mir zusammen und ich bin auf der Suche nach Ruhe ins buddhistische Zentrum gegangen…” Seither war sie bemüht umzusetzen was sie dort lernte; aber das nahm die Last nicht weg, die auf ihr lag.

Als Seelsorger habe ich immer wieder Belastete getroffen. Viele lehnten es ab, sich mit Jesus zu beschäftigen. Andere entdeckten, dass sich ganz neue Lebensperspektiven ergeben, wenn man sich für ihn öffnet, d.h. wenn man  ihn in sein Leben miteinbezieht. Das ist d i e  Hilfe, nach der so sehnlich Ausschau gehalten wird. Während der Mensch ohne Christus versucht seine Lasten abzuschütteln, um zur Ruhe zu kommen (was selten so richtig gelingen will), sagt Jesus Christus: „I c h werde Euch Ruhe verschaffen.“Diese Ruhe kann ich natürlich nur erleben, wenn ich wirklich zu Jesus gekommen bin. Wie aber kann das geschehen? Ich „komme“ zu Jesus, indem ich mit ihm spreche, mich im Gebet mit ihm verbinde. Ich glaube, daß er mich hört und sieht. Egal wo ich bin, wie spät oder früh es ist. Sich darauf einzulassen, ist unbeschreiblich beglückend.

Pastor Horst Marquardt (ehem. Direktor des ERF)

Der neue Konfirmandenjahrgang hat begonnen. Nach zwei Stunden des Kennenlernens steigen Pfarrerin und Jugendleiter in ein erstes Thema ein: Glauben – was ist das? Sie fragen die Konfirmandengruppe: Was glauben Menschen? Glaubt ihr irgendetwas? Wie verstehen Christen Glauben? Es gibt einen interessanten Austausch, in dem es zwischen „Glauben ist, etwas nicht zu wissen“ und „Glauben hat was mit Beziehung und Vertrauen zu tun“ hin und her geht. Die Leitenden sind überrascht: So tief ging es in den letzten Jahrgängen nicht.

An einer Stelle des Gesprächs kommt eine neue Frage auf, eine grundlegende Frage über Gott: Wenn so viele Menschen auf der Welt an Gott glauben: Wer oder was ist eigentlich Gott? Drei Jungen gehen besonders intensiv auf diese Frage ein und versuchen in einem Gedankenaustausch, Antworten zu geben. „Gott ist ein allmächtiger und allwissender Mann“, beginnt der erste Konfirmand. Ein zweiter reagiert: „Nein, ich würde sagen, Gott ist eine allmächtige und allwissende Person.“ Dann nimmt ein dritter die Worte seiner Vorredner auf: „Ich denke eher, Gott ist ein allmächtiges und allwissendes Etwas.“ Die Leitenden und andere Konfis hören aufmerksam zu: Gott – ein Mann, eine Person oder ein Etwas? Interessant, wie die Jungen nachdenken und aufeinander hören. Doch das Gespräch geht noch weiter, als der erste sagt: „Ihr habt recht, Gott ist kein Mann, er ist ja auch keine Frau. Person ist offener.“ Und dann beteiligen sich auch andere daran, zu überlegen, was es bedeuten kann, wenn Gott eine Person oder ein Etwas ist. Eins wird klar: Zu einer Person kann man eine Beziehung haben, ihr vertrauen und sich auf sie verlassen. Mit einer Person kann man reden, also beten. Mit einem Etwas redet man eher nicht. In der Vorstellung von Gott als Etwas kommt noch stärker zum Ausdruck, dass Gott ganz anders ist als Menschen, ungreifbar, unverfügbar.

Die Konfirmandenstunde geht zu Ende. Zurück bleiben Erwachsene, die sich Gedanken machen über ihre Konfirmanden. Und die andere Erwachsene einladen, doch auch mal wieder nachzudenken, was sie eigentlich glauben und wie man Worte dafür finden kann, wie oder wer Gott ist. Jetzt im Sommer ist dafür vielleicht ein bißchen Zeit.

Pfarrerin Alexandra Hans, Evangelische Kirchengemeinde Wißmar

Worte, die ein ganzes Leben, eine ganze Welt umfassen: „Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft« […] Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (Markus 12,31).

Zwei kurze und klare Gebote genügen. Das erste Gebot, die Liebe zu Gott, stellt Jesus allen anderen Ansprüchen, Sorgen, Wünschen, Ängsten, Begierden an die Seite. Die Sorgen und was mich sonst beeindruckt, verschwindet nicht. Und doch macht es einen Unterschied, ob Gott auch da ist oder eben nicht. Es macht einen Unterschied, ob ich meine ungeteilte Kraft und Aufmerksamkeit auf meine Sorgen und Begierden richte oder ob ich dabei unterbrochen werde, weil der sich hören lässt, der mir versprochen hat, dass er für mich da ist: Ich bin der HERR, dein Gott (2. Mose 20,2).

Wenn es gut geht, bekommt alles andere dann seine angemessene Größe, denn es ist nicht mehr das einzige was mich beeindruckt. Gott ist auch da, der vielen vor mir aus Not geholfen oder sie vor blindem Eifer bewahrt hat.

Und meinen Nächsten soll ich lieben, wie mich selbst. Eine der Wurzeln unserer Kultur und gleichzeitig der menschlichen Natur ganz entgegengesetzt. Schließlich weiß ich ja nicht, ob der Nächste, den ich lieben soll, mir wenigstens mit Respekt begegnet, oder ob ich befürchten muss, dass er keine Skrupel hat mir zu schaden, wenn es ihm selber nutzt.

Aber woher kommt die Selbstliebe? Sie kommt nur, wenn andere mich anerkennen und der Liebe für wert halten. Wenn man uns zuhört und auf uns eingeht, dann entdecken wir darin Respekt. Wenn wir aber respektiert werden, dann kann das, was wir denken oder tun, nicht so dumm sein. Auf diese Weise entdecken wir, dass irgendwas an uns ist, über das Menschen sich freuen und dankbar sind uns zu kennen. Die Welt wäre also ärmer, wenn wir plötzlich weg wären.

Jesus fordert auf, anzunehmen, dass es dem anderen geht wie mir, dass auch er geliebt werden will, weil seine Selbstliebe darauf beruht. Den Nächsten zu lieben wie sich selbst bedeutet, zu achten, dass der andere einzigartig ist und ihn dafür zu schätzen, weil er so unsere Welt reicher und schöner macht.

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar

 

Psalm 104, 14: HERR, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter.

Lieber Leser!

Auf vielen Karten sind Orte markiert, von denen aus der Wanderer einen herrlichen Ausblick genießen kann. Und da diese Orte auch gerne aufgesucht werden, sind meistens Bänke dort aufgestellt, die zum Verweilen einladen. Bestimmt haben sie auch schon einmal eine tolle Sicht erleben dürfen: auf einen ruhigen See, auf erhabene Berge oder aber die Skyline einer großen Stadt (wer das lieber mag).

Das Verhalten der wandernden Menschen an solchen Ausblickspunkten ist manchmal allerdings merkwürdig. Viele schauen nicht mehr „einfach so“ und genießen auch nicht wirklich die Szenerie. Sie drehen der schönen Aussicht hingegen den Rücken zu, halten ihr Telefon am ausgestreckten Arm und versuchen verzweifelt ein Bild von sich und der Landschaft zu machen (Selfie), auf dem sie trotz der Verrenkung noch erholt und glücklich aussehen. Ich bin auch schon so ein merkwürdiger Wanderer gewesen; ich gebe es zu.

Warum tun wir das? Geht es wirklich nur um die eigene Erinnerung an das Erlebte? Oder wollen wir anderen zeigen, an was für tollen Orten wir waren? Müssen wir immer im Mittelpunkt stehen; selbst auf einer schönen Landschaftsaufnahme?

In einem Lied aus unserem Jugendliederbuch heißt es: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum, du trägst mich auf Flügeln der Liebe. Freiheit beginnt, wenn wir Gott vertraun, er stellt uns auf weiten Raum.“

Ja, Gott stellt uns im Glauben auf weiten Raum. Wer glaubt, der hat von Gott Weite und eine tolle Aussicht geschenkt bekommen. Wir brauchen dann nicht immer selbst im Mittelpunkt zu stehen, sondern haben Gott und die Schönheit seiner Werke im Blick.

Wer nur auf sich selber schaut, der muss sich verrenken. Und der Versuch dabei auch noch glücklich auszusehen, wirkt manchmal ziemlich verzweifelt. Freiheit von solcher Selbstinszenierung beginnt, wenn wir Gott vertraun. Unsere Freiheit beginnt, wenn wir auf den Herrn Christus schauen und ihn den Mittelpunkt unseres Lebens sein lassen.

Dazu laden die Bänke in vielen Kirchen ein: zum Verweilen bei Gott. Lassen Sie sich bei einer Wanderung im Urlaub doch zur Ruhe dort nieder. Der wunderbare Ausblick auf Gottes Schönheit und Güte wird ihnen guttun.

Und noch ein Hinweis in eigener Sache: Bitte beachten sie die Hinweisschilder in der Kirche und fotografieren sie ohne Blitzlicht. Ob sie ein Selfie machen, bleibt hingegen ganz Ihnen selber überlassen.

Ihr Pfarrer Sebastian Anwand (Evangelisch-Lutherische St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf, Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche)

 

 

 

Der Lebensrucksack

„Da hat sich im Laufe der Jahre aber viel Schweres in ihrem Lebensrucksack angesammelt. Ist der nicht viel zu schwer geworden?“

Die Patientin machte einen angegriffenen Eindruck. Ihre Erkrankung machte ihr zu schaffen. Die Aussicht auf vollständige Heilung war getrübt. Damit leben zu lernen und das einigermaßen zu bewältigen, hätte schon als Aufgabe und Last gereicht.

Doch sie hatte mir im Laufe des Gesprächs erzählt, welche Lasten den Rucksack in ihrem Leben so überschwer gemacht hatten: Unerwartete Verluste von nahestehenden Angehörigen, immer wiederkehrende eigene Erkrankungen und Krankenhausaufenthalte und eine pflegebedürftige Person, die ihre Hilfe brauchte.

Natürlich hatte es auch schöne und gute Zeiten gegeben.

„Was hat Ihnen bisher in Ihrem Leben zur Bewältigung geholfen?“

„Menschen, die in den schlimmen Phasen für mich da waren und mein Glaube. Das Vertrauen, da ist einer, der meint es trotz allem gut mit mir. Wenn ich das nicht gehabt hätte …“

Für eine Wanderung packen wir unseren Rucksack in der Regel sorgfältig. Wir rüsten uns mit dem Nötigen für alle Eventualitäten aus. Gut vorbereitet ziehen wir los. Wir legen nach Bedarf Pausen ein und nutzen die Möglichkeit zu rasten und auszuruhen. Am Ziel können wir dann den Rucksack wieder leeren und für die nächste Gelegenheit bereitlegen.

Doch das Leben führt uns Wege, die wir nicht geplant haben. Packt uns Lasten in den Rucksack, die wir nicht so einfach wieder loswerden. Der Rucksack wird immer schwerer, manchmal sogar kaum oder nicht mehr tragbar.

Dann brauchen wir die Hilfe von anderen.

Wir suchen uns einen angenehmen Platz. Wir nehmen gemeinsam den Rucksack ab und halten inne.

Wir strecken uns, atmen durch und werden uns bewusst, wie gut das tut. Wir stärken uns mit Essen und Trinken.

Dann öffnen wir den Rucksack weiter und holen heraus, was sich da an Schwerem angesammelt hat. Eins nach dem anderen.

Vielleicht entdecken wir etwas, was wir schon seit Jahren mit uns schleppen, aber so gar nicht wahrgenommen haben. Das wird alleine vom Hinschauen und darüber reden schon leichter. Gemeinsam beraten wir, was auf jeden Fall zurückgelassen oder vielleicht kleiner und leichter neu eingepackt werden kann.

Vielleicht entdecken wir auch einen Zettel, irgendwann mal dazu gesteckt, dann aber wieder vergessen. Darauf die Zusage Jesu Christi: »Kommt zu mir, ihr alle, die ihr euch plagt und von eurer Last fast erdrückt werdet; ich werde sie euch abnehmen.“ (Matthäusevangelium, Kapitel 11, Vers 28)

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, evangelischer Seelsorger im Klinikum Wetzlar

 

 

 

Viele freuen sich auf die Fußballweltmeisterschaft, die in der kommenden Woche beginnt. Mögen es Nationen und Menschen verbindende, spannende, faire und fröhliche Spiele werden, die noch lange in Erinnerung bleiben. Wie schön ist es, wenn beim Mitfeiern für unsere Mannschaft ein Gemeinschaftsgefühl entsteht, dann bin ich jedes Mal mit Leidenschaft dabei.

Das ist ja wie im richtigen Leben, stelle ich fest:

Ich glaube, dass Gott unserem Leben und der Welt einst den Anstoß gab.

Gott ist es, der uns eine Vielzahl interessanter Spielräume zur freien und individuellen Entfaltung schenkt. Und wir dürfen sie nutzen.

Um Foulspiel zu verhindern und Fairplay zu ermöglichen, gab Gott uns einst klare Spielregeln, damit das Zusammenspiel mit unseren Mitmenschen gelingt.

Mit unseren je eigenen Talenten und Fähigkeiten können wir uns in das Lebensspielgeschehen einbringen. Jeder kann auf seinem Posten sein Bestes geben und die Torchance nutzen. Bekannt kommt es uns auch vor, eine gute menschliche Chance zu vergeben. Das ist dann wie ein verschossener Elfmeter.

Mal leisten wir uns Fehlpässe und hoffen dabei auf Vergebung bei den Fans.

Es kommt auch vor, dass wir uns verrannt haben und in die Abseitsfalle laufen.

Glücksgefühle spüren wir, wenn uns ein Passspiel gelingt, das dann der Lebenspartner in ein Tor verwandeln kann. Teamgeist tut so gut. Wer ist schon gern Einzelkämpfer im großen Spiel des Lebens. Wenn unser Lebensspielstand auf der Kippe steht, dann tut eine freundschaftliche Geste gut, da hilft ein aufmunterndes Wort eines Freundes oder einer Freundin wie ein guter Trainer.

Im Leben sind wir mittendrin im Spiel um Sieg und Niederlage, einem gelungenen Miteinander oder in einem offensiven Gegeneinander.

Alle kennen wir Formtiefs und Verletzungen, die uns in eine Auszeit zwingen. Da ist Geduld gefragt. Doch Gott gibt uns immer wieder die Chance eines Freistoßes.

Er verlangt von uns bestimmt keine Weltklasse und ständige Bestleistung in unserem Spiel des Lebens. Höchstens, dass wir so gut, wie wir es vermögen, am Ball bleiben, wenn es darum geht, seine Liebe immer wieder neu ins Spiel zu bringen.

Doch sollten wir sehr wohl um unsere begrenzte Spielzeit wissen. Sie ist einmalig und ohne Wiederholungsspiel.

Dank der modernen Medizin können wir manchmal auf Verlängerung hoffen. Gott will, dass der Mensch gewinnt. Keiner soll geschlagen vom Platz getragen werden. Vielmehr hat er uns durch Jesus ein Leben nach dem großen Spiel verheißen, in dem es keine Verlierer gibt.

Dabei sein ist alles, kann ich da nur noch sagen.

Ich wünsche Ihnen eine spannende Fußballweltmeisterschaft!

Vielleicht entdecken Sie auch die ein oder andere Parallele zum richtigen Leben.

 

Beate Mayerle-Jarmer, Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik, Wetzlar 

 

Auf dem Buffet einer Cafeteria steht eine große Schale mit großen roten, saftigen Äpfeln. Die Cafeteria gehört zu einer katholischen Schule und die Nonne hat ein Schild an die Schale gestellt; darauf steht: „Bitte nimm nur einen Apfel und denk daran: Gott schaut zu.“ Auf der anderen Seite des Buffets steht ein zweiter Teller mit frischgebackenen Schokoladen-Cookies, die sind noch warm vom Backen. Auch da findet sich bald ein Schild, aber in einer krakeligen Kinderschrift: „Nimm so viele, wie du willst, Gott passt gerade auf die Äpfel auf.“

Wie lautet das siebte Gebot nach Luthers Zählung? „Du sollst nicht stehlen!“ Kennen Sie aber auch seine moderne Abwandlung?! „Lass dich nicht erwischen!“ 60 Prozent aller Leute lassen Gegenstände von ihrem Arbeitsplatz mitgehen. Jeder Dritte würde im Supermarkt überhöhtes Wechselgeld behalten. Die Versicherungsgesellschaften gehen davon aus, dass jeder zweite Kaskoschaden willkürlich herbeigeführt wurde. Ja, lass dich einfach nicht erwischen.

Wie kommt es, dass wir so leichtfertig mit diesem Gebot vom Stehlen umgehen? Vielleicht kennen Sie noch die Zeile aus dem alten Schlager: „Ich will alles. Und zwar sofort!“. Im Grunde ist Stehlen ein Hunger nach Leben. Dahinter steht der Gedanke: „Ich will mehr und möglichst sofort“. Wir möchten ein ausgefüllteres Leben führen, und dazu, so meinen wir, wäre dies oder jenes nötig. Und so haben wir uns daran gewöhnt, uns unsere Wünsche zu erfüllen. Möglichst alle. Und bitte sofort. Das Verzichten, das Warten-Können, haben wir uns abgewöhnt. Und solange ich nicht erwischt werde, so scheint es, ist ja alles gut.

Was kann uns nun helfen? Das Einzige, was wirklich hilft: Lass dich erwischen von Gott! Wo auch immer du zu einem Dieb geworden bist, was auch immer du verborgen tust, sag es Gott. Er hat nur das Beste mit Dir im Sinn. Vertrau dich Jesus an und das Abenteuer beginnt. Das Gegenstück zu den cleveren kleinen und großen Regelbrechern ist nicht der saure Moralapostel. Das Gegenstück ist der von Jesus geformte Mensch, der anfängt anders an der Gemeinschaft und an seinem Charakter zu bauen. Er weiß: Für mich wird Gott sorgen, und darum übt er sich in Großzügigkeit. Er weiß: Integrität ist ein hohes Gut, und darum wehrt er sich gegen die Versuchung, zu tricksen und die Regeln zu dehnen. Er weiß: Andere werden mich beobachten, und darum lässt er sich gerne erwischen, erwischen bei überraschender Ehrlichkeit, erwischen bei vertrauensbildender Offenheit, erwischen bei unerwarteter Großzügigkeit, erwischen bei einem Verhalten, das an den Mann aus Nazareth erinnert.

Manuela Bünger, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach

 

Am kommenden Donnerstag ist wieder ein Feiertag, Fronleichnam. Es ist ein Hochfest der katholischen Kirche, mit dem die leibliche Gegenwart Jesu Christi im Sakrament der Eucharistie gefeiert wird. Eingeführt hat das Fest Papst Urban IV im Jahr 1264.

Das Wort „Fronleichnam“ leitet sich von mittelhochdeutsch „vrône lîcham“ – „des Herren Leib“ ab, gemeint ist die leibhafte Gegenwart Jesu in dem eucharistischen Brot. Dieses Brot wird feierlich bei Gesang und Gebet durch die Straßen getragen. Der Festtermin steht in enger Verbindung zum Gründonnerstag und der damit verbundenen Einsetzung der Eucharistie beim letzten Abendmahl. Die heutige Sinngebung der festlichen Prozession geht vom Bild des wandernden Gottesvolks aus, dessen Mitte Jesus Christus ist. Er kommt in unser Leben als Brot für den Hunger unserer Sehnsucht, Brot für die Armut unseres Herzens. Unsere Welt braucht dieses Brot, ein Brot, das sich verschenkt, um weiter verschenkt zu werden.
„Small is beautiful!“ – unter diesem Titel publizierte vor 40 Jahren der Ökonom Ernst F. Schumacher seine Thesen zur Wirtschaftspolitik. Wie der Mensch klein ist, sollten die Wirtschaft und die Wirtschaftspo¬litik sich am menschlichen Maß ausrichten. In Wirklichkeit aber, überall wo wir hinsehen, werden die Einheiten nicht kleiner, sondern größer. Doch es sind nach wie vor die kleinen Dinge, die unser Leben bestimmen: die kleinen Gesten, die uns zeigen, dass einer uns mag, oder die kleinen Freuden, die wir einander bescheren. Das Wesentliche verbirgt sich meistens in den kleinen Dingen und es ist so unscheinbar, dass man es nur mit dem Herzen sehen kann!

In dem kleinen geweihten Stück Brot, das feierlich in der Fronleichnamsprozession getragen wird, bekennen katholische Christen, dass Jesus Christus leibhaft unter uns gegenwärtig ist! Auch hier gilt: „Small is beautiful.“ Das kleine Stück Brot macht unser Leben lebenswert, allerdings nur dann, wenn wir selbst das Leben teilen, wie das täglich Brot, und wenn an uns erkennbar wird: In uns lebt Gott, ein dienender, nicht herrschender Gott, der sich für uns klein macht. Wir sollten seinem Beispiel folgen, wissend: „Small is beautiful!“
Ihr Diakon Janusz Sojka, Katholische Pfarrei Unsere Liebe Frau Wetzlar, Kirchort Sankt Markus

Wir feiern Pfingsten! Zum Pfingstfest im Jahre 1910 wurde Mahlers Achte Symphonie uraufgeführt. Sie beginnt mit den Grundworten dieses Festtages: „Veni Creator Spiritus“ – „Komm, Schöpfergeist!“

Bekannt wurde die Achte als die Symphonie der Tausend, da es sich um das größte Chor- und Orchesterwerk der damaligen Zeit handelte. Hunderte von Sängerinnen, Sängern und Instrumentalisten. Wie soll eine solche Menschenmasse gemeinsam musizieren? Klingt das noch? Versinkt das Opus nicht in einem großen Chaos? Laut, dissonant, unberechenbar …?

Die Gefahr besteht natürlich, aber im letzten hängt alles Musizieren von der Grundfrage ab, ob wir miteinander oder nebeneinander spielen, ob ich auf Gedeih und Verderb rausgehört werden will oder zuerst auf den anderen höre, meine Stimme über alle anderen erhebe oder auch die schweigende Pause meinerseits aushalten kann.

Die Grundmelodie des „Veni Creator Spiritus“ spinnt sich wie ein roter Faden durch die Symphonie. Der Heilige Geist, der vom heiligen Augustinus als Band der Liebe bezeichnet wird, will sich durch die gesamte Klaviatur unseres Lebens spinnen, in allen Tonlagen, Variationen und Rhythmen begleiten, die Dissonanzen aufheben, um immer wieder zur Grundmelodie, dem basso continuo der eigenen Existenz zurückzuführen.

Dieser basso continuo ist Gottes Melodie für unser Leben. Oft ist sie leise und verhalten, eben nicht eine Symphonie der Tausend – gerade da gilt es genau hinzuhören, um dann einzustimmen – allein oder zu zweit oder mit Tausenden.

Im Hören auf den anderen, im Achten auf die Harmonie und im richtigen Einsatz der eigenen Lebensstimme wird Gottes Melodie im Heiligen Geist für unsere Zeit und Welt hörbar: Es ist die Melodie von Erlösung, Liebe und Frieden!

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes und geisterfülltes Pfingstfest, das uns aus den schrägen und schiefen Tönen in hörende Harmonie führen will!

Pfarrer Christof May, Bezirksdekan der katholischen Bezirke Wetzlar und Lahn-Dill-Eder

„Wird ja doch alles immer schlimmer,“ sagt Stefan zu mir. „Überall zählen nur noch die Zahlen, es geht bei allem ums Geld. Der Mensch, Beziehungen oder sowas wie Werte fällt dabei komplett hinten runter. Und das ist doch mittlerweile in allen gesellschaftlichen Be-reichen und Gruppen so, überall. Machste nix.“

Das hat er gut beobachtet, ich kann ihm da nicht widersprechen. Aber am Ende steht dann: Machste nix? Wie bitte?  Ich habe dabei das Gefühl, in Resignation zu versacken. Damit mache ich es mir leicht. Ich brauche mich nicht mehr anzustrengen, mich nicht mehr zu engagieren, keine Veränderungen in Angriff nehmen. Damit mache ich es mir aber auch schwer. Denn das Leben könnte erfreulicher sein, wenn ich mich wenigstens an einer Stelle mal engagieren würde. Und Hoffnung? Fehlanzeige. Machste nix: Dann bin ich doch in meinem eigenen Leben nicht mehr dabei, dann verzichte ich darauf, Einfluss zu nehmen auf das, was mit mir und um mich herum geschieht und gebe meiner Zukunft keine Richtung.

So hat sich das Jesus für seine Leute aber nicht vorgestellt: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben,“ gibt er ihnen mit auf den Weg. ( Evangelium nach Johannes, 14,19 ) Das ist eine Zusage und gleichzeitig eine Aufforderung. Damit kann ich fröhlich einstehen für ein Leben, das sich nicht mit Zuständen abfindet, die einfach mies sind und das nicht sein müssten.

Wenn ich mich auf den Weg mache, muss ich dabei nicht alleine bleiben, ich kann mich mit anderen zusammen tun. Am 1. Mai in Wetzlar auf dem Eisenmarkt dabei sein. Sich den traditionellen Ostermärschen anschließen. Und für den Rest des Jahres: Am Sonntag ist Gottesdienst. Da trifft man einmal in der Woche andere Menschen, die auch aus der Hoffnung leben, dass nicht alles so bleiben muss, wie es ist. Ein Kanon, der dort manchmal gesungen wird, weiß etwas davon: „Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Welt verändern,“ so lautet der Text. Das Lied endet mit der Zeile: „Gottes Segen soll sie begleiten, wenn sie ihre Wege gehn.“ Und damit – machste am Ende doch was.

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent der Evangelischen Kirchenkreise Braunfels und Wetzlar

Auch wenn andere Bedeutungen und damit verbundene Aktivitäten den Tag überlagern: Am kommenden Donnerstag feiern wir Christi Himmelfahrt!

Der Tag erinnert daran, dass die körperliche Anwesenheit Jesu endet. Die biblische Geschichte erzählt, dass er auf einem Berg in einer Wolke in den Himmel gehoben wird.

Menschen haben immer versucht, sich solche Episoden aus dem Leben Jesu bildlich vorzustellen. So haben im ersten Jahrtausend Künstler das Himmelfahrtsereignis in einer ungewöhnlichen Art und Weise dargestellt: Auf den Bildern ist von der Person Jesu nur ein ganz kleines Detail zu erkennen. Am oberen Bildrand entdeckt man ein Paar Füße. Der restliche Körper ist schon entschwunden. Nur die Füße baumeln noch ins Bild. Das wirkt wie eine Momentaufnahme – ganz lebendig. Oft werden zusätzlich noch Fußabdrücke auf dem Boden unter Jesus dargestellt. Es soll ganz klar sein, dass es kein Geist ist, der in den Himmel aufsteigt, sondern der leiblich auferstandene Christus. Dadurch wird deutlich: Die Himmelfahrt Jesu so darzustellen, ist nicht nur eine phantasievolle, pfiffige, ausgefallene künstlerische Idee.

Die am oberen Bildrand sichtbaren Füße und die damit zusammengehörenden Fußabdrücke sagen: Jesus hat auf Erden eine Spur hinterlassen – eine Fußspur, in der wir weitergehen können. Es ist eine Spur der Achtung und des Respekts anderen Menschen gegenüber – eine Spur, auf der Menschen Schwächen haben dürfen und mit ihren Schwächen ernstgenommen werden – eine Spur, auf der ich mit anderen Menschen gemeinsam unterwegs bin und nicht nur um mich selbst  und meine Vorteile kreise. Diese Spur hat Jesus in diese Welt hineingelegt. Überall, wo sie sichtbar ist, wird die Welt hoffnungsvoller – ein guter Platz zum Leben.

Jesu  Himmelfahrt bedeutet aber nun, dass die Verantwortung dafür, dass diese Spur nicht im Sande verläuft, in die Hände seiner Jünger und damit in die Hände von uns allen gelegt wird. Die Jünger – wie alle – müssen nun selber Verantwortung übernehmen. Aber wir sind nicht alleine damit. Jesus verspricht, Begleitung zu schicken, die uns unterstützen wird. Er selbst wird nicht weit entfernt sein – bis an der Welt Ende. Wir alle haben Verantwortung für das Leben und unsere Mitmenschen. Daran erinnert uns der Feiertag „Christi Himmelfahrt“. Deshalb ist seine Bedeutung auch nicht zu vernachlässigen.

Wir dürfen uns am Donnerstag die Zeit nehmen, uns zu überlegen, wo und wann wir die Spur, die gelegt ist, weiterverfolgen, damit unsere Welt hoffnungsvoller und ein guter Platz zum Leben werden kann. Dann wird auf einmal „Christi Himmelfahrt“ ganz aktuell.

Pfarrerin Cornelia Heynen-Rust, Evangelische Kirchengemeinde Biskirchen

 

Singen Sie gern? Gehören Sie zu den Menschen, die Mitglied in einem Gesangverein sind oder einem Chor angehören? Singen Sie im Auto mit, wenn im Radio ein bekanntes Lied ertönt? Wenn ja, dann tun Sie sich etwas Gutes. Denn das ist Singen nachweislich: gut für den Menschen, für Körper und Seele.

Ich atme tief, bewusst und weit ein. Ich lasse Klänge, Töne durch meine Kehle. Ich bringe meine Seele nach außen, verschaffe dem, was in mir ist, Gehör.

Beim Singen bin ich ganz bei mir selbst und werde doch über mich hinausgeführt. Mit meiner Stimme und individuellen Klangfarbe mache ich einen fremden Text zu meinem Lied. Das tut mir gut. Und oft führt es mich mit anderen zusammen. Gerade beim Singen werde ich so beflügelt, daß Hemmungen und Gedankenhindernisse unwichtig werden.

Es gibt Lieder zu allen Gelegenheiten des Lebens. Singen ist eine Uräußerung des Lebens. Seit es Menschen gibt, gibt es Gesang: Man hat gesungen, um sich die Zeit und die Angst zu vertreiben – im Wald und auf dem Feld. Man sang, wenn man in den Krieg zog – und wenn man wiederkam. Kein Land der Welt ohne eine Nationalhymne. Und welch großes Gefühl, wenn vor einem Spiel im Fußballstadion die eigene Nationalhymne erklingt.

Man sang und singt bis heute, wenn einem das Herz übergeht. Viele unserer Lieder sind Liebeslieder und singen: von erfüllter, verlorener oder verschmähter Liebe.

Auch die geistlichen und Kirchenlieder gehören dazu. Es geht um die Liebe Gottes, seine zu uns und unsere zu ihm.

Unser Leben vor Gott ausdrücken. Dazu hilft auch das Singen.

Diesem Singen ist in der evangelischen Kirche ein ganzer Sonntag gewidmet, vier Wochen nach Ostern: Kantate. Singet dem Herrn eine neues Lied – die Wort aus Psalm 98, Vers 1 haben diesem Sonntag seinen Namen gegeben. Singt von der Zukunft und dem Leben, das Gott schenkt, singt von Gnade und Barmherzigkeit, singt von Hoffnung und Mut und Liebe.

Im gemeinsamen Lied der Glaubenden liegt die Chance, dass es mich mitzieht. Ich werde zu Worten befähigt, die ich allein so nicht gefunden hätte.

Es ist das Geheimnis des Singens, im Zusammenklang von Wort und Ton, im Zusammenspiel von mir und anderen Grenzen zu überwinden: Singen verbindet, aus Einzelnen wird eine Gemeinschaft, Zukunft und Verheißung werden im Augenblick des Singens schon erlebbar. Probieren Sie es ruhig mal wieder aus!

Alexandra Hans, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Wißmar

Liebe Leserinnen und Leser!

In manchen Dörfern unserer Umgebung gibt es Heimatmuseen. Dort kann man sehen, wie Menschen früher mit Werkzeugen arbeiteten. Allein schon an der Häufigkeit bestimmter Nachnamen lässt sich die Wichtigkeit der Berufe erahnen: Nachnamen wie Bauer, Müller und Schmidt sind heute weit verbreitet. Dennoch hat sich die Arbeitsweise dieser Berufe sehr geändert. Dies gilt insbesondere für den Beruf des Müllers. Das Mahlen des Getreides in einer Mühle am rauschenden Bach dürfte bei uns heute die seltene Ausnahme sein.

Ein Beruf aber hat sich seit der Zeit Jesu bis heute durchgehalten und in seiner Arbeitsweise kaum verändert. Es ist der Beruf des Hirten. Damals wie heute führen Hirten ihre Schafherden auf die Weiden und bewachen sie, damit ihnen nichts geschieht.

Aus der Heiligen Schrift wissen wir, dass es damals für die Hirten gefährlicher war als heute, weil sie auch mit Wölfen zu kämpfen hatten. In absehbarer Zeit könnte das auch bei uns wieder zum Problem werden. Im Buch Ezechiel lesen wir den Vers (Ez 34,15): „Ich werde meine Schafe auf die Weide führen, ich werde sie ruhen lassen.“ Auf die Weide führen – das ist ein Ausdruck für ein gelungenes, friedliches Leben der Herde. Im Evangelium von diesem Vierten Sonntag der Osterzeit spricht Jesus: „Ich bin der gute Hirte; ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich“.

Jesus, der Sohn Gottes, will die Seinen führen und sie „auf die Weide führen“ d. h. letztendlich zur unvergänglichen Gemeinschaft mit Gott im himmlischen Reich. So „lockt“ er die Menschen zu sich durch sein Wort, durch sein vorbildliches Verhalten, durch seine Erlösungstat im Sterben am Kreuz und seine Auferstehung aus dem Felsengrab in Jerusalem. Er, der gute Hirte, streckt jedem Menschen die Hand entgegen, um ihn zum Heil zu führen. Es steht jedem Menschen frei, seine Hand zu ergreifen. Denn darauf wartet er.

Den bösen Mächten – symbolisiert durch den Wolf, sollen wir nicht in die Hände fallen. „Ich bin der gute Hirte… ich gebe mein Leben hin für die Schafe.“

Heinz Ringel, Pfarrer der katholischen Pfarrei St. Anna Biebertal, Kirchort Ehrinshausen/Katzenfurt

 

Es gibt kleine Unterschiede, die haben eine große Wirkung. Ob ich das Wort „Konfirmand“ mit „d“ am Ende schreibe (wie es richtig ist!) oder ob ich ein „t“ verwende und zu „Konfirmanten“ spreche … zwischen diesen beiden kleinen Buchstaben liegen Welten.

In der einen Welt werde ich frei sein. Nicht angepasst an die Regeln meiner Umwelt, die sich sehr schnell verändern und zeitgebunden sind. In dieser Welt werde ich in der Verantwortung vor Gott leben und mich den Ideen anderer Menschen nicht unterordnen.

In der anderen Welt, der Welt des „Konfirmanten“ mit „t“, hab ich eine Menge zu tun. Es gibt unendlich viel, was andere von mir erwarten. Und diese anderen – die die Bibel meist nur vom Hörensagen kennen – die wissen genau, wie ein Christ zu sein hat und welche Aufgaben er abarbeiten muss, nämlich das, was sie im Moment zufällig für angesagt halten.

Kleiner Unterschied mit großer Wirkung. Mit „t“ muss ich die Sache Jesu mit meinem Leben weiterbringen, mit „d“ werde ich von Jesus in meinem Leben getragen. Es ist die Frage, ob Gott und sein Wort Kraft haben und in mein Leben und in diese Welt hineinwirken oder ob Gott keine anderen Hände hat als meine. Der Unterschied zwischen Aktiv und Passiv. Im Lateinischen zwischen „t“ und „d“.

Der Konfirmant muss mit seinem Leben das Bekenntnis zu Gott bekräftigen und darstellen. Der Konfirmand ist jemand, dem der Rücken gestärkt werden muss und soll durch die Zusage, dass Gott zu ihm hält. Zu ihm hält nicht für das, was er tut, sondern ihn liebt für das, was er ist, ein Kind Gottes.

Heute ist Konfirmation (=Stärkung) an der Gnadenkirche. Und ich werde zu Konfirmanden (=Leute die gestärkt werden müssen) sprechen. Meine Hoffnung ist, dass der Glaube, die Beziehung zu Jesus Christus, dem Menschen Kraft gibt. Dass der Glaube, wie Luther es sagte, einen Menschen fröhlich, mutig und lustig macht, so dass er weder vor anderen Menschen noch vor Gott(!) jemals einknicken wird. Ein lohnendes Ziel, finde ich.

Geboren wird solch ein Glaube an Karfreitag und Ostern. Dann, wenn Gott sich dem scheinbar Verlassenen zuwendet, der nicht tat, was andere wollten, aber auf Gott seine Hoffnung setzte. Jesus wurde auferweckt.

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar, Bezirk Gnadenkirche

 

Lieber Leser,
haben sie bei einer Beerdigung eigentlich schon mal gelacht? Vielleicht nicht auf dem Friedhof. Aber hinterher, beim Kaffeetrinken, da habe ich es schon manchmal beobachtet, dass nicht alle still und traurig waren, sondern hier und da auch gelacht wurde.

Richtig so! Wenn jemand im Glauben an seinen auferstandenen Herrn Jesus stirbt, dann hat er was zu lachen. Und die Hinterblieben auch. Denn Jesus Christus hat dem Tod ein Schnippchen geschlagen. Der Tod konnte ihn nur für drei Tage gefangen halten. Aber dann ist der Sohn Gottes entwischt und zum Leben auferweckt worden. Wer an ihn glaubt und getauft ist, den wird der Tod auch nicht halten können; der wird leben in Ewigkeit.

Das haben wir letzte Woche gefeiert in unseren Ostergottesdiensten. Der Apostel Paulus kann, wenn er an den Ostersieg seines Herrn Jesus denkt, über den Tod nur noch spotten: „Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel“? Ja, Ostern haben wir Christen etwas zu lachen!
Deswegen gab es die Tradition des Osterlachens. Es stand im Spätmittelalter in hoher Blüte. Die Priester gackerten in den Gottesdiensten wie die Hühner. Sie erzählten witzige, zum Teil schlüpfrige Anekdoten. Sie machten Handstände auf der Kanzel um das Kirchenvolk zum Lachen zu bringen – zum Lachen über den Tod und zum Ausdruck der Osterfreude. Irgendwann wurde es den Kirchenoberen zu bunt und sie verbaten alle theatralischen Darbietungen (zumindest in einigen Regionen).
Schade, dass es die Tradition des Osterlachens bei uns nicht mehr gibt. Es wäre doch schön, wenn sich rumsprechen würde: „Weihnachten geht man in die Kirche, weil es da ein Krippenspiel gibt. Und Ostern geht man in die Kirche, weil es da was zu lachen gibt.“

Einen guten Osterwitz hätte ich dann schon auf Lager: Sie alle kennen Josef von Arimathäa. Das ist der Mann, in dessen Grab Jesus Christus am Karfreitag nach seinem Sterben gelegt wurde. Dieser Josef von Arimathäa kommt schließlich nach Hause und wird sofort von seiner Frau angefahren: „Wie ich gehört habe, hast du diesem Jesus Christus unser Familiengrab zur Verfügung gestellt! Was hast du dir bloß dabei gedacht?“ Was antwortet dieser Josef von Arimathäa? „Schatz, beruhige dich, es ist doch nur übers Wochenende!“

Amen.

Ihr Pfarrer Sebastian Anwand (Ev.-Luth. St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf)

„Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?“ (Markus 16, 3b)

Sie war wieder aufgestanden.

Heftige Beschwerden hatten Schlimmes angekündigt. Untersuchungen folgten und brachten die schlimme Diagnose. Die Ärzte konnten wenig Hoffnung machen. Nach einer komplizierten Operation folgte die Chemotherapie.

„Ich liebe das Leben“, sagt sie.

Der schwere Stein auf ihrem Leben ist erst einmal weg.

Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen! Das ist Ostern.

Aufstehen. Aufatmen. Das Herz nicht länger von Sorge verkrampft. Der befreiende Seufzer. Licht, das die Dunkelheit überstrahlt.

Das hat für mich mit Ostern zu tun: Wo wir bewegt werden zum Leben. Bewegt zum nächsten Schritt, zum Arbeiten, zum Essen, zum Lieben und Streiten. Zurück ins Leben.

Durch Tiefen hindurch. Durch Brüche. Durch Scheitern. Durch Abschiede und Loslassen. Krankheit, die uns nicht erspart bleibt. Trauer nicht und Leid nicht.

Leben ist erschütterbar.

Der Ostermorgen schafft Neues für die Frauen, die zum Grab Jesu gehen. Ostern schafft Neues für die Jünger. Schafft Neues für uns. Das Leben bricht hindurch und siegt über den Tod. Gott sagt Ja zur Sache Jesu.

Die Auferweckung ist der Beginn dafür, dass seine Sache weitergeht. Bis zum heutigen Tag ist sie nicht zu Ende. Hier und jetzt. Heute und morgen.

Die Auferweckung Jesu Christi sagt uns: Dein Leben hat einen Sinn. Den musst du dir nicht erarbeiten, nicht verdienen. Der Stein vor der Tür deines Herzens ist weggenommen.

Werde wach für das Leben. Wach auf zum Leben. Erkenne es in seiner Einmaligkeit, in seiner Schönheit und Zerbrechlichkeit.

Österliche Hoffnung, die das Leben verwandelnd jeden Tag neu auf uns wartet. Christus ist uns voraus. Geht uns voraus (Markus 16, 7). Er ist ums uns. Unsere Hoffnung trägt seinen Namen. Sein Name trägt unsere Hoffnung.

Er lebt uns voraus.

Frohe Ostern! Der Herr ist auferstanden!

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, evangelischer Seelsorger im Klinikum Wetzlar

Die Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostern nennt man unter anderem Fastenzeit. Was bedeutet Fasten?

Ich kenne Leute, die außer Freitag jeden Tag Fleisch essen. Freitags, um zu sagen, dass sie fasten, essen sie Fisch. Ist das Fasten? Nein, das ist nur eine Menüabwechslung! Ich kenne auch andere Leute, die an bestimmten Tagen gar nichts essen. An solchen Tagen sind sie aber meistens sehr ungeduldig und schroff im Umgang mit anderen Menschen. Haben die gefastet? Nein, sie haben nur nicht gegessen, aber gefastet haben sie leider nicht!

Fasten ist etwas ganz anderes. Fasten heißt gegen den Strom zu leben. Übrigens, das ist die einzige Richtung, die zur Quelle führt. Doch der moderne Mensch tut sich schwer mit einer Rückwärts-Bewegung, denn sie widerspricht dem Fort-Schritt! Viele leben auf der Überholspur. Wer nicht überholt, wird überholt und vielleicht sogar disqualifiziert werden! Fasten dagegen führt zu mehr Rücksichtnahme und Achtsamkeit, was uns Menschen oft fehlt und was wir dringend nötig haben. Wir tun zu viel und achten dabei viel zu wenig auf das, was und wie wir es tun. Wir leben so oft aneinander vorbei und achten zu wenig auf das Empfinden der Mitmenschen, auf ihr Glück, auf ihre leidvollen Schicksale. Wir leben nicht selten an uns selbst vorbei und achten viel zu wenig darauf, was das Leben wirklich sinnvoll und lebenswert macht.

„Fasten heißt lernen, genügsam zu sein; sich weigern, in Materie zu ersticken; sich von allem Überflüssigen lächelnd verabschieden.“ (Phil Bosmanns). Bei solchem Fasten „kommen die Grenzen der Wirklichkeit in Bewegung; der Raum des Möglichen wird weiter…Der Geist wird fühliger. Das Gewissen wird hellsichtiger, feiner und mächtiger.“ (Romano Guardini). Solches Fasten macht das Leben heller!
Ihr Diakon Janusz Sojka, Katholische Pfarrer Unsere Liebe Frau Wetzlar, Kirchort Sankt Markus

„Ich sehe was, was du nicht siehst!“ – dieses Spiel hat viele von uns in Kindheit und Jugend begleitet. Zwar ein Spiel, aber dennoch sagt es etwas über unseren Glauben aus – etwas sehen, was andere nicht sehen. Haben wir damit den Durchblick oder gar den Überblick? Haben Christen eine bessere Sehschärfe?

Es geht nicht um das äußere Sehen. Im Buch des Propheten Jeremia heißt es: „Ich lege mein Gesetz in sie hinein und schreibe es auf ihr Herz!“ (Jeremia, Kapitel 31, Vers 33)

Mehr als um den Überblick und den Durchblick geht es um die Einsicht. Gerade die Fastenzeit lenkt unseren Blick vom oberflächlichen Schauen auf die Innenperspektive. Dabei geht es nicht etwa um eine Nabelschau, sondern vielmehr darum, jenen Punkt, jenen Ort zu entdecken, der – wie der heilige Augustinus sagt – „innerer als mein Innerstes“ ist. Wir können diese Zeit zur Augenschule nutzen, um zu erblicken, dass Gott sein Gesetz in unser Herz gelegt hat.

Mit der Fastenzeit dürfen wir den Blick nach innen wenden!

Diese Einsicht beginnt mit der äußeren Sehnsucht der Griechen, von denen wir an diesem Sonntag im Evangelium hören: „Wir wollen Jesus sehen!“ (Johannesevangelium, Kapitel 12, Vers 21)

Sie erwarten einen gigantischen Wunderheiler, einen Übermenschen, einen Helden. Dieser aber gibt die Antwort: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein … wer an seinem Leben hängt, verliert es!“ (Johannesevangelium, Kapitel 12, Verse 24 und 25)

Das gefällt den Griechen auf den ersten Blick nicht – und vielleicht auch uns nicht!

Aber auf den zweiten Blick dürfen wir erkennen, dass auch unser Leben dem Weizenkorn gleicht, das in die Dunkelheit der Erde fällt. Im Gehen auf  Ostern zu nehmen wir tastend wahr, dass wir selbst im Sterben nicht allein sind – Gott geht in Jesus Christus mit uns in die Dunkelheit von Trauer, Angst, Gottverlassenheit und Tod.

„Ich sehe was, was du nicht siehst“, mit den Augen des Glaubens dürfen wir erkennen: Gott geht mit uns – durch dick und dünn!

 

Christof May, Bezirksdekan und Pfarrer der katholischen Pfarrei St. Anna Braunfels

Triathleten sind erstaunliche Menschen. Die Besten legen in acht Stunden knapp 250 Kilometer zurück. Einer dieser Sportler verriet einmal das Geheimnis seines Erfolges: „Man steht die längste Strecke durch, wenn man sich gänzlich auf kurze Etappen konzentriert, sagte er. „Schwimmen Sie also nicht vier Kilometer, sondern immer nur bis zur nächsten Boje. Statt mit dem Fahrrad 100 Kilometer zu fahren, nehmen Sie sich zehn vor und dann wieder zehn. Beschäftigen Sie sich nur immer mit der Herausforderung, die unmittelbar vor Ihnen liegt.“

Ein weiser Rat, einen Schritt nach dem anderen zu tun und das Leben mit seinen Aufgaben und Anforderungen in Etappen einzuteilen, die zu bewältigen sind. Rät Jesus uns nicht das Gleiche? Er sagt: „Deshalb sorgt euch nicht um morgen, der nächste Tag wird für sich selber sorgen! Es ist doch genug, wenn jeder Tag seine eigenen Lasten hat.“ (Mt 6, 34)

Gott weiß um unsere begrenzte Kraft, und deshalb schenkt er uns ein überschaubares Maß für unser Leben. Dieses biblische Maß besteht nur aus einem einzigen Wort und lautet ganz schlicht: „Heute“. Das heißt: Lebe von einem Tag zum anderen. Lebe im Heute!

Die Bibel erzählt uns, dass das erste Werk Gottes die Erschaffung des Tages war. Als Gott, der Ewige, die Zeit schuf, da gliederte er sie in Tage, in den Rhythmus von Abend und Morgen. Gott hat den Tag geschaffen – und fortan geschieht auch seine segnende und rettende Zuwendung zu uns tageweise. Deshalb heißt es in Klagelieder 3,22f: „Die Güte des Herrn … ist alle Morgen neu.“

Das schönste Zeichen dieser Zusage ist die Geschichte von der Wanderung lsraels durch die Wüste, wo Gott seinem Volk alle Tage neu zuteilt, was es zum Leben braucht: das Manna (2. Mose 16,13ff). Und jeder bekommt, soviel er braucht. Nicht weniger! Aber auch nicht mehr! Das aber genügte den Menschen damals nicht. Und so begannen sie zu sammeln, wollten selbst Vorsorge treffen für den nächsten Tag. Doch das geht nicht. Gottes Güte lässt sich nicht „auf Halde“ legen. Wer hortet und stapelt, muss erfahren, dass da der Wurm drin ist und die ganze Sache fault. Mensch bleiben heißt: Gottes Güte täglich neu empfangen.

Und wir ahnen vielleicht auch schon, wie wohltuend das für uns wäre: heute das Heute zu leben. Also das Gestern vergangen sein zu lassen, es nicht immer noch einmal zurückzuholen, nicht am Vergangenen zu kleben … und das Morgen getrost abzuwarten, es in Gottes Hand zu legen, weil seine Güte morgen neu sein wird.

Manuela Bünger, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach

 

 

Konfirmandenfreizeit im Paul-Schneider-Freizeitheim nahe Dornholzhausen. Einige Mädchen haben es übernommen, einen Entwurf für das neue Konfirmanden-T-Shirt des Jahrgangs 2017-2018 vorzubereiten. Am Abend wollen sie ihn der Gruppe präsentieren und zur Diskussion stellen. Ihr Vorschlag, von dem selbst Jugendleiter und Pfarrerin überrascht sind, lautet: „Wir wollen eine Lutherrose oben links auf die Vorderseite des Pullis setzen!“ – „Und dazu ein Zitat von Martin Luther.“ Verwirrung steht in einigen Gesichtern in der Konfirmandengruppe: Eine Blume auf dem Konfi-Shirt? Doch dann werden die Mädchen deutlicher, man hört die Begeisterung in ihren Stimmen: „Unser Jahrgang hat das Glück, an einem historischen Moment im Konfirmandenunterricht gewesen zu sein! Wir haben das Jubiläum zu 500 Jahre Reformation miterlebt. So etwas gibt es so schnell nicht wieder! Das muss man auf unserem Konfi-Pulli sehen!“ Die Augen strahlen, als eine Konfirmandin um die Zustimmung der anderen wirbt. Und die Begeisterung springt über. Also eine stilisierte Lutherrose, dunkelblau, die alle an das besondere Jahr der Konfirmandenzeit erinnern soll. Und die Namen der Konfigruppe hinten, ebenfalls in dunkelblau.

Doch damit ist das Thema noch nicht beendet. Es soll ja noch ein Luthersatz hinzugefügt werden. Das allerdings gestaltet sich schwierig. Man findet zwar viele Worte Luthers im Internet, auch Jugendleiter und Pfarrerin können weitere liefern. Die Mehrheit entscheidet: Ja, es soll der Satz sein: „Tritt fest auf, tu’s Maul auf, hör bald auf!“

Ein paar Tage später in der Konfirmandenstunde: Die Mädchen, die sich bisher um das Design des Konfipullis gekümmert haben, sind ziemlich unglücklich. Sie freuen sich, dass ihr Vorschlag mit der Lutherrose angekommen ist, wollen aber auf keinen Fall mit so einem Satz wie „Tu’s Maul auf“ herumlaufen. „Es gibt so viele andere Sätze von Luther, und wir verstehen auch, worum es geht, aber so etwas wollen wir nicht anziehen.“ Ja, sie verstehen wirklich, was gemeint ist, dass man eintreten soll für die Wahrheit, für Gott und Glauben, für seine Position, auch wenn die von anderen abweicht. Und sie meinen es ernst mit dem historischen Moment, den sie miterlebt haben. Doch „Tu’s Maul auf“ auf einem Konfi-Shirt, nur weil es ein Zitat von Luther ist?

Die zweite Diskussionsrunde ist eröffnet.

Pfarrerin Alexandra Hans, Evangelische Kirchengemeinde Wißmar

 

Gedenke nicht der Sünden meiner Jugend und meiner Übertretungen, gedenke aber meiner nach deiner Barmherzigkeit, HERR, um deiner Güte willen!
Psalm 25,7

 

Liebe Leserinnen und Leser!

Bevor Sie weiterlesen, beachten Sie bitte folgenden Hinweis: Denken Sie jetzt bitte nicht an einen rosa Elefanten! Einen rosa Elefanten vor Augen zu haben, wäre jetzt nicht hilfreich! Und, haben Sie den Hinweis befolgt? Wie? Sie haben doch an einen rosa Elefanten gedacht? Warum nur? Es ist einfach: Wir Menschen können nicht anders: Wenn man nicht an etwas denken soll, denkt man an nichts anderes mehr.

Der heutige Sonntag heißt Reminiszere, zu Deutsch: Gedenke! Der Beter des 25. Psalms in der Bibel bittet Gott um Folgendes: ‚Gedenke nicht der Sünden meiner Jugend und meiner Übertretungen!‘ Ob Gott das kann? Ob er nicht dessen gedenken kann, was der Beter ihm da aufzählt? Was sind eigentlich Jugendsünden und Übertretungen: Beide Begriffe bezeichnen im heutigen Sprachgebrauch harmlose Dinge. Eine Jugendsünde ist verzeihlich. Sie sollte heute nicht so schwer wiegen. Und Übertretungen sind auch Kleinigkeiten: Hier mal falsch geparkt und dort mal abgelästert: alles nicht so tragisch! Der Beter meint es anders: Er meint damit seine ganze Existenz, wer er ist und was ihn ausmacht. Er steht vor Gott mit allem Versagen und aller Schuld, die er in seinem Leben angehäuft hat. Er bringt alles vor Gott, was er getan hat und alles, was er unterlassen hat. Da kommt im Laufe eines jeden Lebens viel zusammen. Sie können sich selber einmal befragen, wie es bei Ihnen aussieht.

Der Beter spricht: ‚Mein Gott, denke nicht daran, sondern denke an mich mit deiner Barmherzigkeit und mit deiner Güte.‘ Er vertraut darauf, dass Gott anders ist als wir. Er nämlich kann und er will unsere Schuld vergessen, wenn wir ihn darum bitten und ehrlich bereuen. Gott hat in seiner Barmherzigkeit und Güte ein Kurzzeitgedächtnis für unsere Schuld. Wenn er aber an seinen Sohn Jesus denkt, der zur Sühne für unsere Sünden und Übertretungen am Kreuz gestorben ist, dann hat er ein Langzeitgedächtnis. Er will vergessen, was wir getan haben. Er will sich für immer erinnern, was Jesus für uns getan hat. Er hat mit seinem Tod am Kreuz unsere Schuld bedeckt und sie aus dem Gedächtnis Gottes gelöscht.

Rosa Elefanten sind uns immer vor Augen. Ha, jetzt schon wieder! Aber Gott gedenkt nie mehr unserer Schuld, wenn wir ihn um Vergebung im Namen Jesu bitten. Darauf ist Verlass.

Eine gesegnete Passionszeit wünscht Ihnen,

Ihr Pfarrer Sebastian Anwand, Evangelisch-Lutherische St. Paulsgemeinde Allendorf/Ulm

„Hoffentlich komme ich jetzt nicht dran.“ Ein Gefühl, das mancher noch aus der Schulzeit kennt. Und demonstrativ abwesend starrt man ins Nichts. Eigentlich bin ich ja gar nicht da. Obwohl man seine Aufgaben erledigt hat. Und obwohl man vielleicht sogar gute Gedanken anzubieten hätte. Aber sich jetzt melden und das vorlesen – lieber nicht.

Den einen oder die andere begleitet dieses Unbehagen ein Leben lang: Wieso ich? Das können die anderen doch auch oder besser. Da halte ich mich lieber mal raus. Und jetzt hier vor allen? Ich bin nicht zuständig, vielleicht ist mein Beitrag auch gar nicht so gut, und eigentlich bin ich auch gar nicht da.

„Zeig dich! – Sieben Wochen ohne zu kneifen.“ So lautet in diesem Jahr das Motto der Fastenaktion „7 Wochen ohne“ in der evangelischen Kirche. Das lädt dazu ein, die jetzt beginnende Passionszeit einmal bewusst in diese Richtung zu gestalten: Wenn es darauf ankommt, keinen Vordermann suchen, hinter dem man in Deckung gehen kann. Und nicht darauf warten, dass jemand anders schon das Nötige sagen wird. Ich muss mich deshalb nicht im Dauermodus in alles einmischen. Aber aufmerksam zu werden für den Moment, in dem ich gemeint bin, das wäre eine gute Übung.

Unter den Passionsgeschichten in der Bibel findet sich die Erzählung von der „Verleugnung des Petrus“ ( Evangelium nach Matthäus, 26, 69 – 75 ). Petrus kommt jetzt dran. Vor allen soll er zu dem stehen, wer er ist und was ihn ausmacht. Doch da würde er sich in diesem Moment gerne heraushalten, er wäre in dieser Situation eigentlich lieber nicht da. Und anstatt einen überzeugenden Beitrag abzuliefern, scheitert er kläglich. Gleich dreimal hintereinander.

Das ist nicht gerade eine Heldengeschichte, aber immerhin hat sie auch etwas Ermutigendes: Auch jemandem wie Petrus ist dieses „Zeig dich!“ offenbar nicht in die Wiege gelegt worden. Das hat Überwindung gekostet, das hat nicht beim ersten Mal geklappt, das wollte geübt werden. Und gelungen ist es am Ende dann, weil Petrus sich von Gott im wahrsten Sinne des Wortes be-Geist-ern ließ.

Wenn nicht ich, wer dann? Wenn nicht jetzt, wann dann? Und wenn ich nur für mich bleibe, was bin ich dann? Zeig dich, wenn es dran ist, mit dem, was dir wichtig ist. Petrus würde sagen: „Das übt sich. Und begeisternd wird es mit Gottes Hilfe.“

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent der  Evangelischen Kirchenkreise Braunfels und Wetzlar

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Liebe Leserinnen und Leser!

In diesen Tagen freuen sich viele Menschen, die mit Herzenslust Fasching oder Karneval feiern wollen. Bei Umzügen, auf Faschingssitzungen und Bällen herrscht ausgelassene Fröhlichkeit. Die Narren sind los. Sie nehmen sich selbst, politische und gesellschaftliche Themen auf die Schippe, wirken heiter losgelöst von dem, was sonst ihren Alltag prägt und bestimmt.

Vielleicht schwingt auch manchmal die Sehnsucht mit, einmal aus der üblichen Routine auszusteigen und trotz mancher Sorgen und Probleme, Lebenslust und Lebensfreude zu spüren. Dann tut es gut, über einen Faschingswitz aus der Bütt herzhaft zu lachen. Ich bin überzeugt, eine solche lustige Unterbrechung des Alltags hat etwas Befreiendes: Einmal nicht alles so furchtbar ernst nehmen zu müssen und je nach Temperament auf den Straßen zu tanzen oder das Lied des Wetzlarer Prinzenpaares „Schön ist es, auf der Welt zu sein“ mitzusingen. Warum nicht?! Aber was bleibt von der Heiterkeit nach Fasching? War sie nur aufgesetzt und eine Maskerade? Oder gibt es einen tragenden Grund für eine positive Lebenseinstellung mit Heiterkeit und Lebensfreude über die Karnevalszeit hinaus? Der Kabarettist Hans Dieter Hüsch hat in seiner gekonnt humorigen Art seine Heiterkeit und Lebensfreude damit begründet, dass er sich von Gott gehalten glaubte:

„Ich bin vergnügt, erlöst, befreit,

Gott nahm in seine Hände meine Zeit,

mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen,

mein Triumphieren und Verzagen,

das Elend und die Zärtlichkeit.

Was macht, dass ich so fröhlich bin

in meinem kleinen Reich?

Ich sing’ und tanze her und hin

vom Kindbett bis zur Leich’.

Was macht, dass ich so furchtlos bin

an vielen dunklen Tagen?

Es kommt ein Geist in meinen Sinn,

will mich durchs Leben tragen.

Was macht, dass ich so unbeschwert

und mich kein Trübsinn hält,

weil mich mein Gott das Lachen lehrt,

wohl über alle Welt.

Ich bin vergnügt, erlöst, befreit,

Gott nahm in seine Hände meine Zeit,

mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen,

mein Triumphieren und Verzagen,

das Elend und die Zärtlichkeit.

Ja, an so einen Gott möchte ich glauben, gerade auch in meinem Alltag mit all’ seinen Sorgen und Herausforderungen, auch angesichts der vielen ungelösten Probleme weltweit und bei uns. In Psalm 23 heißt es: „Gott erquicket meine Seele“, und eine Schülerin von mir machte daraus: „Gott will meine Seele zum Lachen bringen!“ Wie schön ist das gesagt. Ich glaube an einen Gott, der uns zum Lachen bringt, uns durch das Leben trägt, und dass er das auch zukünftig tun möge, wünsche ich uns allen. Helau!

Beate Mayerle-Jarmer, Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik, Wetzlar

Wochenspruch: Heute, so ihr seine Stimme hören werdet, so verstocket euer Herz nicht (Hebräer 3,15)

In der Bibel wird von Leuten berichtet, die Gottes Stimme gehört haben. Erstaunlich ist, dass es auch heute noch möglich ist zu erfassen, was Gott sagt. Jeder, der mit ehrlichen Erwartungen in der Bibel liest, wird das erfahren. Der amerikanische Schriftsteller Mark Twain (1839 -1910) begegnete einem Mann, der sich über die Bibel beklagte. Da bekäme man Sätze zu lesen, die doch wirklich unverständlich und oft ärgerlich seien. Der Dichter hörte sich die Beschwerde an, schwieg ein paar Atemzüge und antwortete dann bedächtig: „Mir bereiten nicht die unverständlichen Bibelstellen Bauchschmerzen, sondern diejenigen, die ich verstehe.“

Für manchen Bibelleser mag es schmerzlich sein, auf Aussagen zu stoßen, die auf das hinweisen, was alles im Leben falsch gelaufen ist. Hilfreich dagegen ist es, lesen zu können, was ermutigt, was Freude macht, was Hoffnung weckt. Ein Beter aus alter Zeit hat einmal gesagt: „Herr, ich freue mich über den Weg, den deine Mahnungen zeigen wie über großen Reichtum“ (Psalm 119,14)

Das ist wortwörtlich zu erfahren. Da berichtet zum Beispiel der Leiter der jordanischen Bibelgesellschaft in einer Sondernummer des „Bibelreport“ von einer Begegnung mit irakischen Christen, die er im Flüchtlingszentrum traf. Es beeindruckte ihn, dass die Menschen nicht so sehr nach materiellen Hilfsgütern verlangen, als vielmehr nach Bibeln. Als er einen Flüchtling fragte, warum es für ihn so wichtig sei, eine Bibel zu bekommen, sagte der: “Wir haben alles im Irak zurückgelassen – für Christus. Wie können wir etwas Wertvolleres haben als sein Wort?“

Was bedeutet uns die Bibel? Haben Sie eine? Nehmen Sie die doch zur Hand. Beginnen Sie mit der Lektüre des Neuen Testaments. Wenn Sie an eine Stelle kommen, die Sie besonders anspricht, dann verschließen Sie sich diesem Wort nicht. Gottes Gebote und die Orientierungen, die uns Jesus Christus gibt, sind Anweisungen, die uns helfen wollen im Leben die richtigen Entscheidungen zu treffen. Wer sich angesprochen weiß und noch heute darauf reagiert, wird gute Erfahrungen machen.

Pastor Horst Marquardt, ehemaliger Direktor des ERF

Liebe Leserinnen und Leser!

Im heutigen Sonntagsevangelium (Markus 1, Vers 21-28) hören wir vom Auftritt Jesu in der Synagoge im Kafarnaum. Der Evangelist Markus schreibt: „In ihrer Synagoge saß ein Mann, der von einem unreinen Geist besessen war. Der begann zu schreien: Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazaret? Bist du gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen? Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes. Da befahl im Jesus: Schweig und verlass ihn! Der unreine Geist zerrte den Mann hin und her und verließ ihn mit lautem Geschrei.“ (Verse 23-26).

Auf den ersten Blick erscheint uns dieses Ereignis in der Synagoge eher befremdlich. Doch was war mit diesem Mann? Was heißt hier „Unreiner Geist?“ Der Mann war weder geistig krank noch seelisch krank. Aber die Tatsache, dass er Jesus beleidigende Fragen stellt und das Hin- und Hergezerre nach Jesu Machtwort zeigt: Er will sich nicht der Wahrheit Jesu stellen, er will sich nicht mit Fragen der Religion auseinandersetzen. Er sucht Ausweichmöglichkeiten, um ein Leben ohne Gott, ohne Jesus führen zu können. Fast scheint es so, als sei er von der sogenannten Heidenangst befallen, die dann auftritt, wenn man dem „Übernatürlichen“ begegnet. Dieser Mann in der Synagoge hatte keinen inneren seelischen Halt, den man zu einem guten Leben braucht.

Überraschend ist dann allerdings das Bekenntnis: „Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes.“ Jesus reicht dieses Bekenntnis allerdings nicht aus: Eher aus Einsicht in die Überlegenheit Jesu wurde dieses Bekenntnis ausgesprochen, so als ob der Mann damit seine Ruhe erlangen und von religiösen Dingen nicht mehr belästigt werden wollte. Aus tiefstem Herzen kam dieses Bekenntnis wohl nicht. Deswegen erfolgt der eindeutige und unmissverständliche Befehl: „Schweig und verlass ihn“.

Der menschliche Geist und mehr noch das menschliche Herz soll – frei von Besetztheiten und Pseudovorstellungen – die Wahrheit Jesu in den Blick nehmen und einfach vertrauen. Dazu bedarf es der innerlichen Reinigung des Geistes von falschen Wert- und Heilsvorstellungen und des Mutes, sich Jesus zu nähern, ihm nicht auszuweichen.

Heinz Ringel, Pfarrer der katholischen Pfarrer St. Anna Biebertal, Kirchort Ehrinshausen/Katzenfurt

Steht Ihr Weihnachstbaum noch?

Bis zum 2. Februar, dem Festtag „Mariä Lichtmess“, hat er Zeit und kann sein besonders schönes Licht geben – wenn er bis dahin noch alle Nadeln an der Tanne hat. Der heutige Sonntag schaut auf Weihnachten zurück. Ab nächster Woche richten die Sonntage den Blick dann nach vorn, auf das Osterfest. Heute also einmal noch die Erinnerung an den weihnachtlichen Glanz.

„Über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.“ So lautet der Wochenspruch aus dem Propheten Jesaja (Kapitel 60, Vers 2). Kein anderes Licht der Erde, auch nicht das Licht, das aus den Büchern der Wissenschaft kommt, kann es im Herzen so hell machen wie es die Lichter an den Krippen und Tannenbäumen schaffen. Da wird eine Jungfrau Mutter; da wird in einem Stall der Sohn Gottes geboren; da erscheinen himmlische Boten bei den Hirten, da singen die Engel ihr Gloria; da zieht ein Gestirn am Himmel auf und weist Gottsuchern den Weg durch Wüsten und Einöden zu dem Stall, in dem der Gottessohn geboren worden ist.

Unfassbare Geschichten. Und doch hat keine andere Geschichte der Welt so viel Freude und Licht gebracht wie diese. Mitten im kalten Winter erweckt sie ein Leben, als ob es Frühling wäre. Selbst die Wirtschaft spürt eine Belebung des Geschäfts. „Über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.“ Wir haben einen Glanz unmittelbar aus den Händen des Schöpfers empfangen. Dieser Glanz ist zugleich ein Zeichen der Nähe Gottes und diese Nähe bringt Freude mit. Wir machen unsere Welt arm an Freuden, wenn wir die Gaben des Schöpfers als selbstverständlich hinnehmen und gar nicht mehr merken, wie viel Liebe da zwischen Gott, Natur und Mensch eingeschaltet ist.

Zur Weihnacht hat Gott für uns diesen Zusammenhang sichtbar gemacht. Wir sahen ein Licht, das nicht nur leuchtete, sondern auch selig machte. „Über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.“ So schaut die christliche Gemeinde noch einmal zurück, um sich des Glanzes zu vergewissern und bei den nächsten Schritten aufmerksam zu sein auf die Liebe, die Gott zwischen uns, der Natur und sich eingeschaltet hat.

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar

 

Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.
Johannes 1, 14

Liebe Leserinnen und Leser,
in Berlin sondieren drei Parteien, ob sie Koalitionsgespräche führen wollen. Sie besprechen also, ob sie miteinander sprechen wollen. Wenn ja, dann wird sich bei den Koalitionsgesprächen zeigen, ob genügend Gemeinsamkeiten vorhanden sind. Wenn wieder ja, muss sich anschließend jede der drei Parteien für oder gegen den Koalitionsvertrag entscheiden. Bis wir eine neue Regierung haben, werden wir wohl Ostern 2018 schon gefeiert haben…
Gott hat auch überlegt, ob er sich mit uns Menschen einlassen soll. Viele Gemeinsamkeiten gibt es nicht. Der heilige, gerechte und ewige Gott mit uns vergänglichen Menschen? Wir passen nicht zusammen! Gott konnte dabei doch nur verlieren. Eigentlich hätte er die Sondierung abbrechen müssen und sich nicht auf eine Koalition mit uns einlassen dürfen. Aber er hat es getan!
Johannes schreibt in seinem Evangelium, dass wir die Herrlichkeit Gottes sehen dürfen, weil er seinen Sohn Jesus Christus, das ewige Wort, bei uns hat wohnen lassen: als Kind in der Krippe zu Bethlehem. Dort hat Gott bei uns Wohnung genommen. Was für eine große Koalition! Nicht, weil wir etwas dazu beitragen können, sondern weil er mit seinem ganzen göttlichen Wesen einer von uns geworden ist. In Jesus berühren sich Gottheit und Menschheit. In ihm haben wir Gott, den Vater mit seiner ganzen Gnade und Wahrheit.
Diese Koalition besteht nicht auf Zeit, sondern Gottes Ratschluss bleibt ewig bestehen. Der Bund, den er mit uns geschlossen hat, ist für Gott unwiderruflich. Ja, wir können ihn kündigen. Das lässt er zu. Er aber bleibt mit seinem Sohn, mit seiner Gnade und Wahrheit bei uns.
Ich schreibe diese Zeilen bewusst Mitte Januar, wo doch schon die Jugendfeuerwehren durch die Ortschaften ziehen und Weihnachtsbäume einsammeln. Aber Weihnachten ist nie vorbei, denn wir haben Christus in uns und bei uns. Er wohnt unter uns. ‚Von nun an bis in Ewigkeit‘, wie wir in der Kirche sagen.
Ob die drei Parteien sich in Berlin für Koalitionsgespräche entscheiden? Wer weiß! Gott hat sich längst für uns entschieden. Wohl dem, der das weiß und glaubt!

Ihr Pfarrer Sebastian Anwand (Evangelisch-lutherische St. Paulsgemeinde Allendorf/Ulm)

Gute Vorsätze

Da werde ich wohl einiges grundlegend ändern müssen! Der Patient auf der Intensivstation hat den ersten Tag nach dem Herzinfarkt überstanden. Er ist dankbar, dass sich alles zum Guten zu wenden scheint.

Im Rückblick denkt er an die Zeiten besonderer Belastung: zunehmenden Stress am Arbeitsplatz, privat kaum oder keine Zeit zum Entspannen, ungesunde Lebensweise und andere Faktoren, die mit für das Geschehene verantwortlich gemacht werden.

Gute Vorsätze kommen an Übergängen zum Tragen.

Der Beginn eines neuen Jahres stellt für viele solch einen Übergang dar. Was die Zukunft bringen wird, ist nicht klar. Doch die Bilanz für die zurückliegende Zeit lautet: Da muss, da will ich was ändern. So kann und soll das nicht weitergehen.

Mehr Sport treiben …, das Rauchen aufgeben …, bewusster ernähren …

Ich möchte mit guten Vorsätzen meine Gegenwart so gestalten, dass auch die Zukunft, soweit sie dann zu überblicken ist, im Blick bleibt und gelingt.

Mit der Umsetzung hapert es dann doch. Manch guter Vorsatz ist schon nach wenigen Tagen im Alltagstrott untergegangen.

Ich bin weiter in denselben Schuhen unterwegs. Die Ziele wurden vielleicht zu hoch gesteckt.

Der Alltag bringt Freuden mit sich, aber auch viele Widerwärtigkeiten.

Da ist einiges zu ertragen, das auch unter den gefassten guten Vorsätzen nicht einfach verschwindet.

Ich muss mich behaupten. Kleine und große Anstrengungen bleiben, auch Leistung wird gefordert.

Und es gilt weiter, mit der einen oder anderen Niederlage fertig zu werden.

Das einigermaßen zu meistern, verlangt schon viel Beständigkeit.

Da stellt sich die Frage: Aus welchen Ressourcen lebe ich? Wer oder was gibt mir Kraft, mein Leben zu gestalten, den einen oder anderen Vorsatz auch positiv umzusetzen?

Ich erinnere mich an das Lied „Bewahre uns, Gott; behüte uns, Gott“. Da heißt es: „Sei Quelle und Brot in Wüstennot.“

Gott als Quelle. Er kann Ressource sein. Er will die Quelle sein, die den Durst nach Leben stillt.

Er will Stärkung geben.

Ich wende mich mit meinen Wünschen nach gutem Leben, meiner Sehnsucht nach gelingendem Miteinander und Frieden an Gott.

Ich kann und will mir seine Zusage zugute kommen lassen, die in der Jahreslosung für dieses Jahr so lautet: „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst“ (Offbg. 21,6). Das ist ein gutes Wort. Die Geschichten von seiner beständigen Hinwendung zu seinen Leuten lassen mich darauf vertrauen.

Ein Wort von jenseits aller Zeit in unsere Zeit hineingesprochen. Ich will es gerne mitnehmen ins neue Jahr.

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, evangelischer Seelsorger im Klinikum Wetzlar

Wort zum Sonntag – Jahr 2017

Vor einigen Jahren waren wir zur Gemeindewallfahrt auf Sizilien unterwegs. Fasziniert war ich von einer interessanten Sonnenuhr, die im Dom von Palermo angebracht ist:
Diagonal durch das Seitenschiff verläuft ein in den Fußbodenmarmor eingelassener Metallstreifen, an dessen Seite die Zahlen für die Uhrzeit stehen. In der Kuppel einer Seitenkapelle befindet sich ein kleines Loch, durch das der Sonnenstrahl in den Kirchraum eingelassen wird, damit er über die Stundenskala wandert.
Ich stehe da und kann sehen, wie die Zeit rast; du legst beispielsweise einen Gegenstand auf den Strahl, siehst, wie er schon nach kurzer Zeit vom Lichtstrahl erfasst wird, der ihn dann nach wenigen Momenten wieder verlässt. Man sieht förmlich, wie schnell die Erde um die Sonne rast.
Die Erde rast um die Sonne – und der Mensch rast hinterher. Bei den zähen Verhandlungen zur Regierungsbildung in den vergangenen Monaten meinte ich zu merken, dass unsere Demokratie an ihre Grenzen kommt. Womöglich wird sie – oder ist bereits – von der Tachokratie, der Macht der Zeit, abgelöst.
Aber gerade dort im Dom von Palermo, im Hause Gottes, dort geht gar nichts so schnell wir in der turbulenten umgebenden Stadt – ja teilweise entsteht sogar der Eindruck, die Zeit stünde still. Ist es nicht so, wenn der Mensch in die Gottesbegegnung eintritt: Im Beten, im Kontakt mit dem Ewigen, im stillen Verharren in seiner Gegenwart scheint die Zeit keine Rolle mehr zu spielen.
Die Zeit relativ, sie ist allein auf den Lauf der Sonne ausgerichtet. Die frühen Christen legten den Termin des Weihnachtsfeste auf das heidnische Sonnenfest; damit wollten sie anzeigen, dass Christus selbst der sol invictus, die unbesiegbare Sonne ist – er ist der Herr über unsere Zeit. Wenn er aber keinen Einlass in den Dom des eigenen Lebens bekommt, dann verfliegt die Zeit dennoch – allerdings mehr im Sinne des Zeitvertreibens, des Zeittotschlagens, der Hektik oder der Langeweile.
Das vergangene Jahr ist nicht verflogen! Wir Christen haben ein anderes Zeitverständnis: Bewusst legen wir die Zeit in Gottes Hand und richten unsere Lebenszeit auf ihn hin aus. Es geht nur um diesen kleinen Einlass in unserem Lebenshaus, durch das uns das Licht Gottes einleuchtet, um jenen winzigen Punkt in uns zu treffen, an dem wir für Gottes Wirken in unserer Lebenszeit empfänglich sind!
Keine Zeit? – Der Zeitstrahl hat jeden Tag die gleiche Länge, indes gilt es die Zeit zu füllen und zu erfüllen, indem wir sie in Gottes Hand legen. „Alles hat seine Zeit“, so schreibt Kohelet – lassen wir auch im kommenden Jahr die Zeit für Gott nicht zu kurz kommen! Ich wünsche Ihnen 525600 Minuten unter Seinem Segen!
Pfarrer Dr. Christof May, Bezirksdekan

Nun sei uns willkommen, Herre Christ. Mit diesen Worten beginnt das letzte Adventslied, das im Evangelischen Gesangbuch steht (Nr. 22). In diesem Jahr, in dem der 4. Advent und Heiligabend auf einen Tag fallen, ist es das passende Lied, um das Weihnachtsfest zu beginnen. Und selbst wenn man es nicht singt, so steht doch sein Geist hinter allen Feiern und Gottesdiensten, zu denen die christlichen Gemeinden einladen. Wir feiern das Kommen Gottes in die Welt.

Nun sei uns willkommen, Herre Christ, willkommen auf Erden.

Diese Worte zu singen, scheint in diesen Tagen leicht zu fallen. Da erklingen an Heiligabend landauf, landab schöne Weihnachtslieder, mal kräftig, mal leise und eher verhalten. „Ich steh an deiner Krippen hier, o Jesu, du mein Leben“ oder „Herbei, o ihr Gläubigen. O lasset uns anbeten den König“. Und zum Abschluss des Gottesdienstes gehört es einfach dazu, im Halbdunkel der Kirche stehend zu singen „O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit!“ Auch sonst eher kritische Zeitgenossen stimmen mit ein und lassen sich fallen – hinein in die 2000 Jahre alte Hoffnung, dass Gott Mensch geworden ist, sich uns genähert hat in Jesus Christus. Die Geschenke sind besorgt und oft hübsch verpackt, die Weihnachtsgrüße sind versendet und viele, die sonst an Heiligabend bis über Mittag in den Geschäften stehen müssen, haben in diesem Jahr auch einmal frei.

Nun sei uns willkommen, Herre Christ. Wenn alles fertig vorbereitet ist und auch die letzten Predigten geschrieben sind, dann stellt sich eine Frage: Gehört noch etwas dazu, Gott auf Erden willkommen zu heißen? Bei unseren Krippenspiel-Kindern ist eines offensichtlich: Freude! Sie sind gleichzeitig konzentriert bei der Sache und freudig erregt. Es macht Spaß, mit ihnen die Weihnachtsgeschichte in jedem Jahr neu zu erzählen. Die vertraute Geschichte, immer mit einem etwas anderen Akzent. Auch die Gemeinde kann es entdecken, wenn sie aufmerksam ist. Und das gehört zum Willkommen dann auch dazu: Aufmerksamkeit. Zum einen dafür, dass man überhaupt mit Gott rechnet in unserer Zeit. Zum anderen dafür, dass Gott die Welt so wichtig war, dass er sich auf den Weg zu ihr gemacht hat. Ihn unter uns willkommen zu heißen, setzt einen offenen Blick und ein offenes Herz für die Welt voraus. Was braucht die Welt, in die Gott gekommen ist? Was brauchen die Menschen, die um und mit uns leben? Was brauchen die in der Nähe und die in der Ferne? Wie können wir mitwirken an Frieden und Verantwortung für die Welt? Ich weiß, das sind gewichtige Fragen am Ende. Doch sie gehören unbedingt dazu.

Nun sei uns willkommen, Herre Christ.

Ich wünsche Ihnen frohe und gesegnete Weihnachtstage.

Alexandra Hans, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Wißmar

 

Liebe Kinder und Jugendliche, liebe Frauen und Männer!

Es war einmal einer, der Jesaja hieß. Sein Name bedeutet: Gott ist Heil und Rettung.

Man nannte ihn auch Prophet Gottes.  Er lebte in einer ganz anderen Zeit als wir heute. Es war schon lange vor Jesus, da hat er gelebt. Ihr denkt jetzt vielleicht: Was will der uns sagen, da es doch so lange her ist, wo er gelebt hat? Gewiss, er würde manches von unserer Zeit nicht verstehen: Autos, Flugzeuge, Handys und Computer und so vieles mehr. All das, was wir Fortschritt nennen, davon hat Jesaja wirklich keine Ahnung. Aber seine Botschaft gilt trotzdem.  Sie galt in seiner Zeit und sie wird immer gelten: Gott ist Heil und Rettung.

Wie zu Jesajas Zeit, gibt es auch heute immer noch einsame und arme, kranke und hungernde, geflüchtete, versklavte, traurige und hoffnungslose Menschen. Doch auch die  Hoffnung, dass es Brot und Heimat,  Friede und Gerechtigkeit für alle Menschen geben kann, ja, diese Hoffnung lebt und bewegt Menschen nach wie vor. Zusehen, wie so viele ihre Augen, Ohren und Herz vor der Not ihrer Mitmenschen verschließen, beunruhigte Jesaja zutiefst. Diese Unruhe trug er betend vor Gott und dachte sich vielleicht dabei, was betende Menschen immer denken: Gott wird schon helfen.

Doch da geschah etwas, womit der betende Mensch kaum rechnet.  Jesaja hörte eine fragende Stimme: „Wer ist bereit, mein Bote zu sein?“ Und er antwortete: „Hier bin ich! Sende mich!“ Dann sprach die Stimme: „Fürchte dich nicht! Wie  ein Hirt, führt Gott  seine Herde zur Weide“.

Liebe Menschen, ich wünsche uns allen eine so couragierte Hellhörigkeit! Die Welt braucht weder Generäle noch Kämpfer, sie braucht aber immer Hirten und Menschenfreunde. Die Weide ist da und sie reicht für alle. Fürchtet euch nicht, ein Menschenfreund zu sein.

Herzlich, Ihr Diakon Janusz Sojka

Janusz Sojka, Diakon der Katholischen Pfarrei Unsere Liebe Frau, Wetzlar

In jedem Jahr singen wir sie, diese alte und wohlbekannte Liedzeile: „Es ist ein Ros entsprungen / aus einer Wurzel zart.“ Was viele nicht wissen: Mit Ros ist ursprünglich weder ein Ross noch eine Rose gemeint, sondern „Ros“ bedeutet „Reis“ im Sinne von „Zweiglein“. Es ist ein uraltes prophetisches Bild, bei dem aus einem Wurzelstumpf ein neues „Reis“ ausschlägt und neues Leben entspringt. Das Lied lenkt unseren Blick also nicht etwa auf einen hochgewachsenen „Weihnachtsbaum“, sondern auf einen Baumstumpf und auf das, was verborgen im Erdreich liegt: die Wurzeln. Das Lied regt damit zum „Tiefgang“ an. Das passt gut zum Advent: Der Advent ist eine stille Zeit mit Tiefgang. Der Advent ist eine Zeit, in der wir unserer Existenz, unserem Leben und unserer Zukunft auf den Grund gehen sollen.

In diesem Sinn stellt das Bild der Wurzeln auch eine Frage an uns: Was gibt meinem Leben Halt? Worin wurzele ich? Wo bin ich beheimatet? Aus welchem unsichtbaren Grund heraus lebe ich und gestalte ich meine Existenz? Was nährt meine Seele? Advent ist die von Gott uns eingeräumte Gelegenheit, neu zu entdecken: Ich habe mich nicht selbst gepflanzt. Ich verdanke meinen Eltern und ich verdanke Gott mein Leben. Und ganz gleich, wie ich familiär verwurzelt bin, darf ich meine Wurzeln neu nach Gott ausstrecken, bei ihm Halt und einen neuen Standort finden.

Die Wurzel symbolisiert auch die menschliche Seite Jesu. Der Evangelist Matthäus beginnt sein Evangelium mit dieser Wurzel, dem Stammbaum Jesu: Von Abraham über König David bis zu Joseph, dem Mann der Maria, wird Jesu menschliche Abstammung aufgezählt. Noch bevor der Evangelist die göttliche Herkunft Jesu einführt, macht er deutlich: Jesus war ein Mensch. Und wie das bei Menschen eben ist, gibt es selbst bei Jesus solche und solche Vorfahren. Ruhmvolle Gestalten und weniger ruhmvolle. Ja, die Menschwerdung Jesu lässt nichts Menschliches aus. Jesus sollte in allem uns gleich werden, damit wir wissen, dass es nichts gibt, was Jesus, was Gott nicht verstehen kann. Es gibt keine noch so krumme Geschichte, die er nicht doch noch zum Heil kehren könnte. Niemand ist vor ihm verloren, woher er auch immer kommt, was auch immer seine Wurzeln sind.

Gott hält für uns alle etwas Gutes und Neues bereit.

Manuela Bünger ist Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach

Warten

Ist es nicht großartig, dass sich Menschen nun schon 2000 Jahre hindurch immer wieder daran erinnern, dass Jesus Christus in diese Welt gekommen ist? Sie feiern seine Ankunft (Advent heißt „Ankunft“) in dem Wissen: Christus ist gekommen, um den Menschen ein sinnerfülltes Leben zu schenken und um ihnen den Weg zu Gott zu öffnen. Wenn die Adventstage beginnen, wissen wir, dass Weihnachten nicht mehr weit ist.

Es gibt aber noch einen 2. Advent. Das ist ein anderer Ausdruck für die Wiederkunft Christi. Weil niemand den Zeitpunkt dieses großen Ereignisses kennt, ruft Jesus seinen Leuten zu, bereit zu sein. Sie sollen sein Kommen erwarten. Langes Warten ermüdet. Mancher kommt auch ins Zweifeln und fragt sich: wer weiß, ob er überhaupt wiederkommt? Wer Probleme hat mit der Geburt Jesu von der Jungfrau Maria (die ja sagte, sie wisse von keinem Mann, Lukas 1,34), wer nicht glauben will, dass Jesus auferstanden ist, der hat sicher auch Probleme mit der Wiederkunft Christi. Mich macht es froh, dass ich den Aussagen der Bibel vertrauen kann. Petrus greift in seinem zweiten Brief das Argument von Spöttern auf, die fragen: wo bleibt er denn (der Jesus)? Petrus antwortet auf diese Frage: „Ihr dürft nicht übersehen, dass ein Tag vor Gott wie 1000 Jahre ist und 1000 Jahre wie ein Tag“ (2. Petrus 3,8). Vielleicht aber geht es schneller als alle denken.

Seid bereit, sagte Jesus. Stellt euch innerlich auf mein Kommen ein. Lasst euch nicht irritieren von politischen Umbrüchen. Lasst euch nicht beeindrucken von rasanten wirtschaftlichen und technischen Entwicklungen. Werdet nicht mutlos, wenn ihr auf die großen Zahlen der Zuwanderer seht. Auch wenn Menschen keine Lösungen haben, bei Gott ist kein Ding unmöglich. Wir können ihm vertrauen.

Haben Sie schon einmal mit Spannung auf einen bestimmten Gast gewartet? Sorgfältig wird sein Kommen vorbereitet. Doch die Ankunft des Erwarteten verzögert sich. Dann heißt es: geduldig weiter warten. Doch die Freude bleibt. Man weiß ja: der Gast wird kommen.

Pastor Horst Marquardt, ehemaliger Direktor des ERF

Liebe Leserinnen und Leser,

eine alte Dame sagte zu ihren Kindern, die eine große Feier für ihren runden Geburtstag vorbereiten wollten: „Sagt bitte alles wieder ab. Ich werde meinen 90. Geburtstag nicht mehr feiern.“ Sie starb kurz vor diesem besonderen Tag. Manchmal ahnt ein Mensch, wann er gehen muss, aber oft kommt der Tod unerwartet wie ein Dieb in der Nacht. Er reißt uns aus unserem Alltag heraus, wühlt uns innerlich auf, kostet viel Kraft und erschöpft uns. Wir gedenken heute unserer Verstorbenen, die wir verloren haben. Wir besuchen ihre Gräber und zünden eine Kerze für sie an. In unseren Erinnerungen sind sie lebendig. Vielleicht haben wir sogar ihre Stimme im Ohr, ihr Gesicht vor Augen und wissen noch wie er oder sie war. Wir fragen uns, wo sie jetzt wohl sind. Wir wissen um die Grenze. Wir werden auch einmal tot sein. Wie wird sich das anfühlen? Wer sind wir heute? Wer werden wir morgen sein? Und wer, wenn wir gestorben sind? Und was ist mit unseren Toten – wo sind sie? Haben sie es gut? Unsere Toten leben in unseren Herzen, wenn sie uns geliebt haben und wir sie liebten. Die Liebe ist das, was bleibt. Die Bibel lädt uns ein, der Liebe Gottes zu trauen: „Wir warten auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.“, heißt es im 2. Petrusbrief, Kapitel 3, Vers 13. Es gibt ein Land hinter dem Horizont des Todes und beide Länder, das Diesseits und das Jenseits, gehören zum Reich von Gottes unendlicher Liebe. Gott verbindet uns mit unseren Toten. Sie sind ja nicht verloren, es ist kein endgültiger Abschied, sondern sie gingen uns lediglich voraus in sein Reich. Sie schauen schon den neuen Himmel und die neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt. Und solange wir uns an sie erinnern und darauf hören, was sie uns zu sagen haben – es ist ja dasselbe, was sie uns in und mit ihrem Leben sagten – solange sind sie in uns lebendig und prägen unser Leben.

Ellen Wehrenbrecht, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Niedergirmes und Garbenheim

Eine kleine Tüte mit Samenkörnern scheint für diese Jahreszeit nicht das geeignete Symbol zu sein. Man sät im Frühjahr oder im Sommer. Jetzt wird alles winterfest gemacht. Etwas zu säen, scheint im Moment nicht angebracht zu sein. Aber Samenkörner passen als Symbol sehr wohl in diese Jahreszeit. Heute ist Volkstrauertag. In der nun kommenden Woche endet mit dem Buß-und Bettag am Mittwoch die Friedensdekade, die am 12.11. begonnen hat. Am Ende des Kirchenjahres versammeln sich Menschen, um sich vor Augen zu halten, was menschliches Handeln bewirken kann. Es kann dazu führen, dass grausame Auseinandersetzungen entstehen, denen Menschen zum Opfer fallen. In Kriegen verlieren Menschen ihr Leben. Brutale Gewalt zerstört Lebensmöglichkeiten. Überheblichkeit, Arroganz und Hass nähren ein Klima, das katastrophale Folgen hat. Am Volkstrauertag denken wir an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Der Buß- und Bettag ist die Gelegenheit darüber nachzudenken, welche Anteile Menschen – wir selbst – daran haben können, dass es so weit kommen kann. Denn Krieg, Terror und Gewalt fallen ja nicht vom Himmel. Sie sind Ergebnisse menschlichen Handelns. Welche Saat ist es, die da gesät worden ist und die solche Konsequenzen heraufbeschworen hat? Ist es – wie es das Versöhnungsgebet der englischen Stadt Coventry, die 1940 bei einem deutschen Bombenangriff zerstört worden ist, beschreibt: der Hass, der Rasse von Rasse trennt, Volk von Volk; das habsüchtige Streben der Menschen und Völker zu besitzen, was nicht ihr eigen ist; die Besitzgier, die die Arbeit der Menschen ausnutzt und die Erde verwüstet; unser Neid auf das Wohlergehen und das Glück der anderen; unsere mangelnde Teilnahme an der Not der Flüchtlinge und Heimatlosen? Wir Menschen müssen aufpassen, was wir mit Worten und Taten, mit kleinen Gesten und unserer Haltung im übertragenen Sinne aussäen. Denn – so warnt uns Paulus im Galaterbrief (Kapitel 6, Vers 7): „Was der Mensch sät, das wird er ernten!“ Deshalb ist angesichts des Gedenkens am Volkstrauertag die Samentüte ein passendes Symbol, das uns daran erinnert, achtsam zu sein, ob wir Samenkörner aussäen, die in Konfrontation und Menschenverachtung führen oder Samenkörner, die den Zusammenhalt und das friedliche Miteinander, Versöhnung unter den Menschen fördern.

Cornelia Heynen-Rust, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Biskirchen

Liebe Leserinnen und Leser!

„Plötzlich und unerwartet“ – wir kennen diese Formulierung zumeist aus Todesanzeigen, aber auch in Berichten von anderen unvorhergesehenen Ereignissen. Oft sind die Menschen erschrocken, wenn ein solches Ereignis geschieht. Aber geben sich viele Menschen nicht der Illusion hin, dass alles immer so weiter geht? „Immer so weiter“ – diese Antwort bekommt man gelegentlich zu hören, wenn jemand nach seinem Befinden gefragt wird. Das schreckliche Ereignis am letzten Sonntag in einer Baptistenkirche in Texas führt uns vor Augen: Es geht nicht alles immer so weiter, sondern manchmal gibt es ein abruptes Ende, auch des menschlichen Lebens – plötzlich und unerwartet eben.

In der Leseordnung der katholischen Kirche hören wir das Gleichnis von den fünf törichten und den fünf klugen Jungfrauen. Im Wissen darum, dass sich die Heimkehr des Bräutigams verzögern konnte, nahmen die klugen Jungfrauen für ihre Lampen noch Öl in Krügen mit, was die törichten Jungfrauen nicht taten. Und so kam es, als der Bräutigam kam, war das Öl der törichten Jungfrauen verbraucht. Sie hatten mit einem späteren Kommen des Bräutigams nicht gerechnet. Sie kauften auf Anraten der klugen Jungfrauen noch Öl bei den Händlern nach – aber dann standen sie vor verschlossener Tür. Und diese Tür war und blieb zu. (vgl. Matthäusevangelium – Vers 25, 1-13).

Ich denke mir manchmal beim plötzlichen, unerwarteten Ableben von Menschen wie jetzt in Texas: Hoffentlich waren diese Menschen bereit für den plötzlichen und unerwarteten Schritt aus dieser Zeit in die Ewigkeit wie jene fünf klugen Jungfrauen. Hoffentlich lebten sie im Frieden mit Gott, hoffentlich bemühten sie sich um ein reines Herz (wie es eine Seligpreisung Jesu ausdrückt), hoffentlich sind sie nicht mit Sünden belastet. Jesus mahnt uns am Schluss des heutigen Evangeliums: „Seid also wachsam! Denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde.“ Es geht darum, jeden Tag in der Gegenwart des Herrn zu verbringen und unser Leben nicht einfach dahinplätschern zu lassen.

Heinz Ringel, katholischer Pfarrer  St. Anna Biebertal   

Allerseelen

In der letzten Woche haben wir am Gedenktag Allerseelen an alle unsere Verstorbenen aus unseren Familien und Freundeskreisen gedacht. Wir haben Grablichter entzündet, gebetet und Gestecke niedergelegt. So mancher hat tief in seiner Seele die Trauer um den Verstorbenen gespürt, selbst dann, wenn der Abschied schon längere Zeit zurück liegt.

„Trauer ist die Sehnsucht unserer Herzen nach dem Menschen, den wir liebten“, sagt ein Sprichwort und trifft dabei genau das Gefühl, das ein trauernder Mensch hat. „ Ich bin eigentlich immer unter Leuten, aber meine Seele ist einsam und sehnt sich nach meiner verstorbenen Frau“, sagte mir ein Bekannter. Es tut einfach so weh, einen Menschen zu verlieren, den man geliebt hat, mit dem man viele Jahre seines Lebens geteilt hat. Dieses schmerzende Gefühl sucht immer wieder Verständnis.

Auf meine Frage:“ Wie geht es Ihnen nun knapp ein Jahr nach dem Tod Ihres Mannes?“ bekam ich von einer anderen Bekannten die Antwort: „Es geht mir gut! Etwas anderes will ja sowieso keiner hören!“ Lange musste ich über diese Aussage nachdenken. Bekommt das Verständnis für Trauer und Kummer in unserer Spaß- und Eventgesellschaft so wenig Raum, dass Trauernde erst gar nicht darüber sprechen möchten aus Angst, dass es ja doch niemand wissen will? Ich spüre noch immer meine Betroffenheit, weiß ich doch aus eigener Erfahrung, wie gut es mir tut, wenn sich jemand Zeit für mich nimmt, ich mit ihm meine Traurigkeit teilen kann, mit meinem Kummer verstanden werde und meinen Tränen freien Lauf lassen kann.

Ich möchte einstehen für eine menschlichere Gesprächs- und Gefühlskultur, die genau wie der Prediger Kohelet anerkennt, dass es für alles im Leben eine Zeit gibt: eine Zeit der Trauer und eine Zeit des Lachens (Kohelet 3,4). Denn richtig lebendig sind wir doch erst, wenn wir mit beidem gut Freund sind: Mit der Trauer und dem Lachen. Beides gehört zu unserem Leben. Ich möchte auch keine Schönwetterfreundin sein, die nur da ist, wenn es Spaß bringt und schon gar nicht die Trauer eines anderen klein reden. Verständnis und Zeit haben ist viel wichtiger als schnelle gute Ratschläge.

Es geht darum, das Traurige mit jemandem auszuhalten, ihn ein Stück zu begleiten. Dabei darf es auch ruhig einmal still sein. Da dürfen auch Tränen fließen, denn sie sind wertvolle Perlen der Seele. Jesus preist die Trauernden selig und verheißt ihnen, dass sie getröstet werden (Matthäus 5,4). Es steht uns gut an, es ihm gleich zu tun.

Beate Mayerle-Jarmer, Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik, Wetzlar 

„Unter uns gesagt, ist an der ganzen Sache nichts interessant als Luthers Charakter, und es ist auch das einzige, was der Menge eigentlich imponiert. Alles übrige ist ein verworrener Quark.“ meinte Goethe anlässlich des 300. Reformationsjubiläums. Tatsächlich. 200 Jahre später … wofür war Martin Luther in diesem Jahr nicht alles gut: für eine Playmobilfigur und eine Badeente, als Wahlhelfer und Werbeartikel, Liebhaber und Hasser. “I’m a bitch, I’m a lover, I’m a child, I’m a mother, I’m a sinner, I’m a saint“ singt Meredith Brooks. Luther selbst hatte kein Interesse an seiner Person. Schon 1522 bittet er: „Man wolle von meinem Namen schweigen und sich nicht lutherisch sondern einen Christen nennen.“ Das hat man nicht beherzigt. Es ist einfacher, sich anzuhängen, als selbst sich die Mühe zu machen, von der Psalm 1 spricht: dass einer über Gottes Wort sinnt, Tag und Nacht. Welche Art, die Bibel zu lesen hat Luther empfohlen, die ihn schließlich zu einer Begeisterung für Christus führte und den päpstlichen Gesandten Cajetan dazu brachte zu sagen: „Das bedeutet, eine neue Kirche zu konstruieren.“? Der Rat war, in der Bibel nach Worten Gottes zu suchen, die zu meiner speziellen Not passen. Wahrer Glaube ist allein da, wo der Mensch sich in seiner speziellen Not von dem Wort Gottes eine unmittelbare Wende verspricht. So wie wir es in der Geschichte der traurigen Hanna lesen (1. Samuel 1,15ff): als der Priester Eli ihr Gottes Gnade zugesagt hat, hat sie es geglaubt und ist fröhlich nachhause gegangen. Die Wende der Not liegt in dem mir zugesagten Wort Gottes. Auch Cajetan sagte, dass Gottes Wort wirksam ist, aber nur allgemein. Luther besteht darauf, dass ich Gottes Wort speziell auf meine Not beziehen darf und soll. Gottes Wort tut, was es sagt. Und so entsteht die Gewißheit des Glaubens in der völligen Zuwendung zum göttlichen Heilswort. Möge das, was Luther beim Forschen in der Bibel entdeckt hat auch Ihnen zum Segen werden, wenn Sie Gottes Wort auf Ihre persönliche Not beziehen und entdecken, dass es in Ihrem Leben neu Wirklichkeit wird. Dann wollen wir uns in der Freude an Christus „Christen“ nennen.

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar

Heile du mich, HERR, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen. (Jeremia 17,14)

 

Liebe Leserinnen und Leser!

Pressekonferenz in einer US-amerikanischen Kleinstadt. Ein Hurrikan hat viele Bewohner schwer getroffen. Der Bürgermeister wird vor laufenden Kameras gefragt, was er angesichts der Zerstörungen für seine Stadt tun könne. Hilft da nicht nur noch beten? Seine Antwort, die landesweit ausgestrahlt wurde, beeindruckt mich. Mit fester Stimme sagt er: „Das Gebet ist nicht unsere letzte Möglichkeit, sondern immer unsere erste Tat.“ Wir neigen dazu das Gebet als letzten Ausweg zu sehen, aber Gott möchte, dass es unsere erste Bewegung hin zu ihm ist. Wir beten, wenn wir nichts anderes mehr tun können, aber Gott möchte, dass wir beten bevor wir überhaupt etwas tun!

Er hat Recht: Das Gebet ist uns von Gott nicht nur als Notnagel in Krisensituationen gegeben, sondern als tägliche Kraftquelle im Gespräch mit ihm, unserem himmlischem Vater.

Der Prophet Jeremia kann uns mit seinem Beten ein Vorbild sein. Er betet: „Heile du mich, HERR, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen.“ Er weiß: Bleibende Hilfe im Leben und im Sterben kann nur von Gott kommen!

An Hilfe mangelt es uns in Deutschland eigentlich nicht. Hilfe wird uns heute an jeder Ecke angeboten. Medizinische Hilfe kommt vom Arzt, finanzielle Hilfe leisten staatliche Ämter, Beratungsstellen helfen in besonderen Lebenssituationen, der Pflegedienst kommt direkt ins Haus. Für viele Probleme haben wir in Deutschland also spezielle „Anlaufstellen“.

Es gibt aber eine zentrale, letztgültige Anlaufstelle für alle Dinge; eine, die 365 Tage im Jahr und 24 Stunden am Tag für sie ein offenes Ohr hat: Jesus Christus ist der Sohn Gottes, der uns aus unseren Sünden und dem ewigen Tod heraus hilft. Wer ihn zum Herrn hat, dem ist wirklich geholfen. Christus wird ihn niemals fallenlassen. Weder in Krankheit noch in Armut; weder in Lebenskrisen noch im Alter. Und schon gar nicht im Tod. Er ist Hilfe und Heil. Er ist die beste Anlaufstelle, die wir aufsuchen können und sollte immer unsere erste sein. Suchen wir also Gottes Hilfe und warten wir nicht damit, bis es uns wirklich dreckig geht. „Heile du mich, HERR, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen.“

Pfarrer Sebastian Anwand, Evangelisch-Lutherische St. Paulsgemeinde Allendorf/Ulm

„Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ (Markus 9, 24)

So der verzweifelte Schrei des Vaters, der seinen epileptischen Jungen zu Jesus und seinen Jüngern bringt und Heilung für ihn erhofft.

Für mich ist dieser Vater mit seinem Gebetsruf ein Vorbild und Beispiel für den Glauben.

Beides gehört zusammen, ist kein Widerspruch: Zweifel und Unglauben gehören dazu. Immer wieder begegne ich Menschen, die ihren Zweifel an den gütigen und liebenden Gott zum Ausdruck bringen. Kranke und Angehörige, die mich fragen, warum Gott das zulässt, dass Ihnen so viel Schweres und Schlimmes widerfährt.

Eine Patientin gibt mir Einblick in ihre Lebensgeschichte. Als Resümee hält sie fest: Ich habe meinen Glauben verloren.

Der Glaube ist etwas Seltsames. Man kann ihn verlieren und finden. Aber er ist kein Ding. Ich kann ihn nicht festhalten oder haben wie andere Dinge.

Ich kann es nicht machen, dass ich glaube. Daran erinnert mich besonders die Zeit des Reformationsjubiläums. Denn das war das Anliegen der Reformatoren, vor allem Martin Luthers. Er erkannte: Glaube ist ein Geschenk. Eine Gabe. Allein aus Gnade sagt mir Gott sein Ja in Jesus Christus zu. Diese Zuwendung Gottes begreife ich durch den Glauben. Luther spitzt es sogar noch zu. Allein durch den Glauben. Sola fide.

Glaube ist eine Herzensangelegenheit. Glaube ist Vertrauen. Dieses Vertrauen ist nicht irgendein Ausschnitt meines Lebens. Kein Teilaspekt. Dieses Vertrauen umfasst alles. Ich lege mein Leben in Gottes Hand. Ganz und gar.

Deshalb ist dieser Vater mit seinem Gebetsruf ein Vorbild. Ich kann die Fragen und Zweifel, die keine Antwort finden, im Gebet vor Gott bringen.

So kann sein Bittruf auch der Anfang eines Gebets werden.

Ich glaube, hilf meinem Unglauben.

Ich vertraue dem Licht, hilf mir in dunklen Erfahrungen.

Ich mache mutig den nächsten Schritt, überwinde mit mir die Angst vor dem Morgen.

Ich spüre Grund unter meinen Füßen, aber ich schwanke manchmal hin und her.

Ich liebe das Leben, lass mich das spüren, auch wenn ich dem Tod begegne.

Ich möchte, dass mein Herz Ruhe in dir findet, auch wenn ich nicht immer weiß, wohin mit mir und mit dir.

Im Glauben und im Unglauben bist du nahe bei mir.

Ich glaube, hilf meinem Unglauben.

Formulieren Sie doch einfach weitere Bitten, die beides zum Ausdruck bringen.

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, evangelischer Seelsorger im Klinikum Wetzlar

 

 

Vor 500 Jahren gingen hierzulande Menschen aufeinander los. Der Grund: Christen warfen sich gegenseitig ketzerische Glaubenshaltungen vor.

Zwar schrieben sich Katholiken wie Protestanten das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe hoch an die Fahne, aber am Ende zählten nicht Worte, sondern Taten, und diese waren grausam. Je grausamer, umso besser, nach dem Motto: Der beste Gegner ist ein toter Gegner. Die Spaltung und eine lange Feindschaft waren die Folge. Der eigentliche Sinn von Religion, Menschen zu Gott und zueinander zu führen, blieb unerfüllt. Doch nicht nur Religionen, auch Ideologien treiben Menschen aus-, beziehungsweise gegeneinander.

Die Teilung unserer Nation in Ost und West – in Gut und Böse, hatte ebenso fatale Folgen. Mauern und verminte Grenzzonen, gegenseitige Beschuldigungen und Hetze spalteten erneut die Nation. Die alte wie die jüngste Geschichte haben deutlich gezeigt, dass das Handeln nach dem Motto „einander auf die Fresse hauen“ keinen Frieden nach sich zieht, sondern vielmehr die schon bestehenden Gräben noch vertieft.

Groß war die Freude, als vor 28 Jahren die Mauer fiel. Doch spätestens nach der letzten Bundestagswahl zeigte sich, wie viele unsichtbaren Mauern und Zäune in den Köpfen und Herzen zahlreicher Menschen bis heute geblieben sind und wie wenig die Menschen aus der Geschichte gelernt haben. Es ist mit Sicherheit keine Alternative, weder für Deutschland, noch für irgendein anderes Land, mit dem alten separatistischen Gedankengut den Menschen eine bessere Zukunft zu versprechen. Eine neue Spaltung ist die Folge.

Ich wünsche allen gut gesinnten Menschen, unabhängig von Religion und Herkunft die folgenden Zeilen von Eva Rechlin auf und dann auch in sich wirken zu lassen:

„Der Frieden wächst, wie Rosen blüh‘n, so bunt, so schön und still, er fängt bei uns zu Hause an, bei jedem, der ihn will. Man braucht zum Frieden Fantasie und Liebe und Verstand, und wo es was zu heilen gibt: da braucht man jede Hand.“

Janusz Sojka, katholischer Diakon 

Seit einigen Wochen stößt es mir negativ auf: Die Sommerferien sind gerade erst vorbei, da findet man schon in den ersten Kaufhäusern Lebkuchen und Dominosteine in den Auslagen. – Muss das sein? So früh!

Wir haben vermeintlich gar keine Zeit mehr, in Ruhe durch das Leben zu gehen, stattdessen müssen wir von einem Angebot zum nächsten springen. Gerade sind die Sommerferien vorbei, hüpfen wir mit einem Zwischensprung über Wiesenknaller und Halloween – nicht etwa Reformationsgedenken oder Allerheiligen – auf die Weihnachtszeit mit dem Verwöhnaroma zu; von dort geht es direkt Richtung Schokoostereier, um sich dann wieder auf die Sommerzeit einzustimmen.

Einstimmen kann ich mich aber nur, wenn ich langsam die Übergänge von einer Zeit in die nächste erlebe. Schon 1909 schrieb Arnold van Gennep das berühmte Werk „Übergangsriten“, die es braucht, um die verschiedenen Lebensstadien bewusst und gut zu bestehen.

Ich meine, der Herbst ist ein solcher Übergangsritus – das sieht man an den Veränderungen in der Natur – die Felder sind abgeerntet, das Obst ist gepflückt, nach und nach verfärben sich die Wälder in bunte Töne.

Diese Übergangszeit ist dazu geeignet, auf das bisherige Jahr zurückzuschauen, vielleicht den Sommerurlaub noch mal Revue passieren zu lassen; und zugleich eine Zeit, sich langsam auf die kommenden dunkleren Monate vorzubereiten.

Wer bewusst „danke“ für das Vergangene sagt, kann mit Hoffnung auf das Kommende zugehen.

Wir werden in dieser Woche den Tag der Wiedervereinigung Deutschlands feiern. Viele hatten nicht mehr an eine Deutsche Einheit geglaubt – denn es war doch fast alles Menschenmögliche getan worden.

Aber vielleicht ist die Einheit ja nicht nur Menschenwerk!

Erinnern wir uns an die Tage im September und Oktober 1989 – Menschenwerk? Ging nicht Gott selbst durch Leipzig und war zwischen den Menschen in der Nicolaikirche, indem er Mut säte, den Willen zum Frieden und den Ruf „Wir sind das Volk“ in die Herzen von Vielen legte, die vorher verzagt und mutlos waren? Die Saat ging auf und wuchs von Montag zu Montag.

Zugleich säte er Zweifel in die Herzen von Funktionären und Spitzeln; Zweifel an den angeblichen Wahrheiten des Regimes und Gefühle des Mitleids und der Liebe. So säte der liebe Gott, und die Saat ging auf.

Das wiedervereinigte Deutschland hat am vergangenen Sonntag gewählt – vielleicht ist auch die Wahl eine Ernte, die indes nach meiner Meinung sehr dürftig ausgefallen ist. Auch heute gilt es, Gott säen zu lassen – die Saat von Menschenliebe und Respekt, von Gastfreundschaft und richtig verstandener Toleranz, von christlichem Gottesbild, dem unser Menschenbild entspringt!

Gott sei Dank! – Erntedank für die Früchte der Ernte und der menschlichen Arbeit, für das Schöne der vergangenen Monate – Urlaube, Zeiten der Erholung … – und Erntedank für ein geeintes Heimatland!

Alles hat seine Zeit – so sagt Kohelet im Alten Testament. Nehmen wir uns Zeit, um die Übergänge zu bestehen und bewusster durch das Leben zu gehen.

Ich wünsche Ihnen Zeit!

Pfarrer Dr. Christof May, katholischer Bezirksdekan

Den richtigen Partner zu finden, die richtigen Freunde oder die richtige Mitarbeiterin – das ist gar nicht so einfach. Das Volk Israel kann ein Lied davon singen. Als es sich einen König wünschte, fiel die Wahl auf Saul. Ein echter Prachtkerl: die Muskeln eines Arnold Schwarzenegger, die Schönheit eines Brad Pitt und den Charme eines Richard Gere. So ist das leider bei uns Menschen: Wir achten sehr auf die Fassade, machen uns oft aufgrund von Äußerlichkeiten ein Bild von anderen. Die Israeliten mussten erfahren, dass der äußere Schein trügen kann. Sauls Herrschaft endete in einem Desaster.

Als erneut ein König gesucht wird, kommt David zum Zuge. Sicherlich ein großartiger Dichter, begnadeter Musiker und mutiger Kämpfer. Aber auch ein Mann mit Schattenseiten. Und doch heißt es von David gleich zweimal in der Bibel: „Er war ein Mann nach Gottes Herzen“. Warum?

Erstens: David war treu im Kleinen. Als Schafhirte lernte er das Königsein bei seinen Schafen, indem er nachts allein auf dem Feld für das Wohl anderer sorgte. Ein Sprichwort sagt: “Charakter ist das, was du bist, wenn niemand hinsieht.”

Zweitens: David war demütig. Denn nach seiner Wahl lief er nicht zum nächsten Goldschmied, um dort Kronen anzuprobieren. Er bestellte keinen Stapel neuer Visitenkarten. Er kaufte keinen neuen Wagen und schrie lauthals: „Ich bin der Erwählte!“ Nein, er ging zurück zu seinen Schafen bis zu seinem Amtsantritt.

Drittens: David war ehrlich. Sein Herz war nicht anders als unseres. Er konnte Gott loben, er konnte sich aber auch der sexuellen Begierde mit einer verheirateten Frau hingeben und danach Mordpläne ausbrüten. Aber als er auf seine Schuld angesprochen wurde, da suchte er nicht nach Ausflüchten, sondern sagte: „Ich habe gesündigt gegen den Herrn“.

Gott sucht auch heute nicht den „Superman“ oder die „Powerwomen“. Gott schreibt seine Geschichte mit denen, die treu sind im Kleinen, demütig und ehrlich. Eben Menschen nach Gottes Herzen.

Manuela Bünger, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach

 

Immer wieder hört man: Frauen seien multitaskingfähig. Oft ist damit gemeint: Frauen könnten besser als Männer mehrere Dinge gleichzeitig bewältigen.

Ob das wirklich stimmt, weiß ich nicht. Was ich weiß und regelmäßig erlebe, ist, dass Menschen zur gleichen Zeit verschiedene Tätigkeiten ausführen.

Man kann im Haushalt arbeiten, bügeln, spülen, putzen und dabei Musik hören oder Fernsehen schauen.

Als Jugendliche stellte ich immer das Radio oder den Schallplattenspieler an und machte dabei meine Hausaufgaben.

Meine Mutter mahnte mich regelmäßig: Du kannst dich doch gar nicht konzentrieren!

Doch ich musste ihr widersprechen, denn damals konnte ich das.

Wenn ich heute bei der Arbeit bin, muss ich häufig gleichzeitig verschiedene Dinge bewältigen: telefonieren, den Konfirmandenunterricht vorbereiten, E-Mails beantworten, den Kalender auf den neuesten Stand bringen, der Frauenhilfe die Tür aufschließen und eine Kurzandacht für die Zeitung schreiben. Oft genug fallen Arbeiten nicht nacheinander, sondern zeitgleich an – und irgendwie muss ich den Überblick behalten.

Doch was ich in meiner Jugend konnte, gelingt mir heute oft nicht mehr.

Wenn ich mich wirklich konzentriere, kann ich nicht gleichzeitig den Nachrichten folgen.

Wenn ich eine Beerdigungsansprache schreibe, brauche ich Ruhe, dann lege ich auch schon einmal das Telefon in einen anderen Raum, damit das Klingeln mich nicht stören kann.

Wenn ich im Gespräch mit einem Menschen bin, dann stört mich ein Smartphone, das ein anderer ständig in die Hand nimmt.

Wenn ich mal nicht als leitende Pfarrerin, sondern als normales Gemeindemitglied zum Gottesdienst gehe, dann freue ich mich, wenn es einige Zeit vor Gottesdienstbeginn ruhig wird und andere nicht noch während des Orgelvorspiels weiterreden. Ich brauche das: stille werden, mich sammeln, mich auf Gott und die Feier vorbereiten.

Wenn ich bete, dann muss es leise sein, dann will ich mich von nichts anderem mehr ablenken lassen.

Im 37. Psalm, Vers 7 heißt es: Sei stille dem Herrn und warte auf ihn.

Multitasking in allen Ehren. Aber manchmal kann man nicht viele Dinge gleichzeitig tun.

Da braucht ein Mensch mich ganz. Da brauche ich Konzentration und Ruhe. Auch für Gott.

Pfarrerin Alexandra Hans, Evangelische Kirchengemeinde Wißmar

In diesen Tagen Anfang September liegen einige Ereignisse, durch die die Welt aufgeschreckt worden ist. Gerade im Moment geraten sie wieder ganz besonders ins Bewusstsein: Da ist das Olympia-Attentat 1972 in München – der Herbst 1977 – der Anschlag auf das World-Trade- Center in New-York 2001.

Es sind Ereignisse, die mit Gewalt und Terror verbunden sind, die Angst und Schrecken verbreitet und eine Spur von Leid und Schmerz hinter sich gelassen haben. Menschen waren sprachlos und geschockt angesichts der Hemmungslosigkeit und Wucht von Gewalt. Alle, die diese Momente als Zeitgenossen erlebt haben, können sich noch genau an die Situation erinnern, in der sie davon erfahren haben und wissen um die Gefühle, die sie beherrscht haben.

Und in einer Zeit, in der die Angst vor Terroranschlägen wieder ganz lebendig ist und Gewalt uns in sehr hemmungsloser Form begegnet, wird die Frage laut, wie man dieser Gefahr begegnen kann. Jenseits aller Forderungen und Überlegungen, jenseits aller offiziellen Maßnahmen, kommt es wahrscheinlich auf die innere Haltung eines jeden Einzelnen an, die dazu Entscheidendes beitragen kann im Großen wie im Kleinen.

Hilfestellung können uns dabei die Gedanken eines Menschen geben, dessen Todestag sich ebenfalls in diesen Septembertagen jährt. Es sind Albert Schweitzers Gedanken der „Ehrfurcht vor dem Leben“: So sagt er: „Die elementarste, uns in jedem Augenblick unseres Daseins zum Bewusstsein kommende Tatsache ist: Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will… Das Wesen des Guten ist: Leben erhalten, Leben fördern, Leben auf seinen höchsten Weg bringen. Das Wesen des Bösen ist: Leben vernichten, Leben schädigen, Leben in seiner Entwicklung hemmen!“

Das ist eine Erkenntnis, die der evangelische Theologe den Worten Jesu entnommen hat, der dafür gelebt hat, dass Menschen ein Recht auf ein erfülltes Leben haben, nicht abqualifiziert und klein gemacht werden. Um dieses Bewusstsein bei den Menschen zu stärken, die ihm nachfolgten, hat er ihnen mit auf den Weg gegeben: Genau so, wie ihr behandelt werden wollt, behandelt auch die anderen!“ Eine solche Haltung kann dazu beitragen, Leben zu erhalten und Leben zu fördern und Gewalt und Hass Entscheidendes entgegenzusetzen.

 Pfarrerin Cornelia Heynen-Rust, Evangelische Kirchengemeinde Biskirchen

„Dies ist der Tag, den der Herr macht; lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein.“ ( Psalm 118,24 )

 

Liebe Leserinnen und Leser,

der Sonntag ist solch ein Tag, an dem wir uns freuen und fröhlich sein dürfen, weil wir frei haben, weil wir das tun können, was uns gefällt, an dem wir mit Menschen zusammen sein können, die wir lieb haben. Wir haben Zeit, uns an Gottes wunderbarer Schöpfung zu erfreuen. Es ist ein besonderer Tag, an dem wir uns Gott zuwenden und ihm all das anvertrauen dürfen, was uns belastet, spätestens an diesem Tag.

Dafür gibt es die Gottesdienste überall in unseren Kirchen. Im Gottesdienst kann ich zur Ruhe kommen, über vieles nachdenken, vieles loslassen und in Gottes Hände legen. Sonnenblumen wenden ihre schönen Köpfe jeden Tag der Sonne zu, nehmen Licht und Wärme auf. Wir Menschen brauchen wenigstens einen Tag in der Woche, an dem wir uns der Sonne, dem Licht, der Wärme, Gott selbst zuwenden können.

Ich weiß, dass viele Menschen, die Verantwortung für andere tragen, die freundlich und hilfsbereit sind und Nächstenliebe üben, schnell an die Grenzen ihrer Kraft kommen. Manchmal neigen sie ihre Köpfe zu lange nach unten, zu dem, was schwer und belastend ist. Sie sind in Gefahr, selbst aus dem Gleichgewicht zu kommen und in die Tiefe zu stürzen.

Damit das nicht passiert, feiern wir Gottesdienste. Wir feiern Gottes Nähe, dass er uns mit unseren Lasten hält und trägt. Wir feiern die Gemeinschaft, dass wir mit anderen zusammen stehen, einander tragen und Grund zur Freude geben. In Garbenheim feiern wir heute Kirmesgottesdienst im Zelt. Wir freuen uns, die Nachbarn zu sehen, mit der Familie und Freunden hinzugehen, Vereinskameraden zu treffen, das Blasorchester zu hören, hinterher noch miteinander zu reden und zu essen und vor allem, Gott zu loben und zu danken für alles, was er schenkt.

Ellen Wehrenbrecht, Pfarrerin in Garbenheim und Niedergirmes

Wunderfinder

Eine Freundin schenkte mir ein wunderschönes Foto, auf dem ein Grashalm mit einem Wassertropfen zu sehen war, mit den Worten: “Unsere Welt ist voll kleiner Wunder und Schönheiten. Ich beginne ganz neu, sie bewusst zu sehen und mich daran zu erfreuen.“
Wie schön und wie schwer zugleich. Ist es nicht viel leichter, alles um sich herum kritisch zu betrachten, gar an allem und jedem herum zu nörgeln, in den Chor der allgemeinen Kritik einzustimmen, über das Wetter, die Politik, die Verspätung der Bahn, den Stau, das Unkraut und so weiter…? Es gibt nicht wenige Menschen, die sich selbst und anderen vermeintlich grundlos jeden Tag verderben. Sie liegen auf der Lauer nach belanglosen Dingen und Handlungen, die sie kritisieren, beklagen oder ärgern könnten. Ist etwas schön oder sogar wunderbar, scheint das nicht der Rede wert zu sein.
Den Blick bewusst auf die kleinen unscheinbaren Wunder, auf das Schöne, Gelungene und Gute zu richten, drückt ein aktuelles Lied von Alexa Feser so aus:

„Ein kleiner Punkt am rechten Rand
der Galaxy, die Welt genannt.
Wenn man den Blick auf’s Ganze lenkt,
ist jeder Tag wie ein Geschenk.
Denn aus dem Nichts, das vor uns war,
wurde mit uns ein Wunder wahr.

Bist du ein Wunderkind oder vor Wunder blind?
Sag mir, ob du verstehst, dass wir ein Wunder sind?
Diese Welt wird für Wunder immer blinder.
Wenn du sie sehen kannst, bist du ein Wunderfinder.“
Ich möchte eine Wunderfinderin werden. Ich will die kleinen Schönheiten und die wunderbaren Dinge um mich herum bewusster wahrnehmen und auch benennen.

Denn mit dem Wunderfinderblick auf die Welt um mich herum stelle ich fest, wie wunderbar und großartig sie ist, wie viel täglich klappt, wie schön das Leben mit all seinen Facetten ist. Ich will die Menschen um mich herum als gottgewollte Wunder betrachten. Bevor ich etwas oder jemanden kritisiere, könnte ich zuerst einmal etwas oder jemanden loben und bewundern. Jeder Tag ist ein Geschenk!

Ich wünschte, alle Menschen dieser Erde, ganz gleich welcher Herkunft oder Religion, hätten einen solchen „Wunderfinderblick“ auf unsere gottverdankte wunderbare Schöpfung mit all Ihren einzigartigen Geschöpfen und Schönheiten. Ich bin überzeugt:  Ungeahnte positive Chancen für den Weltfrieden lägen darin, während menschenverachtender Terror und radikalisierende Hasspredigten chancenlos blieben.

 

Beate Mayerle-Jarmer, Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik, Wetzlar 

 

 

Glaube gibt Mut

Es gibt Zeiten im Leben, die Kraft und Lebensmut rauben wollen. Ein Bekannter erlebte das. Auf der Arbeitsstelle häuften sich Schwierigkeiten, ein naher Angehöriger starb unerwartet und am Eigenheim waren teure Reparaturen unvermeidlich.

In der Zeit las mein Bekannter die Worte: „Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht.“ Diese Worte schrieb Paulus, der Mann, der den christlichen Glauben nach Europa brachte (2. Brief an die Korinther 4, 7-11). Statt  „Wir verzagen nicht“ könnte man diese Worte auch so wiedergeben: „Darum verlieren wir nicht den Mut“.

Dieser Paulus wurde in außerordentlicher Weise bedrängt: widrige Lebensumstände häuften sich, er schleppte eine Krankheit mit sich herum, hatte böswillige Gegner. Er war ein Anhänger des Jesus Christus. Wo immer er konnte, sprach er davon,  was Jesus für die Menschen bedeutet. Er gab vielen Lebenshilfe, aber andere verärgerte er mit seiner Botschaft. Deren Feindschaft ging so weit, dass sie ihm nach dem Leben trachteten.“ Wir leiden Verfolgung“, schrieb Paulus, „aber wir werden nicht verlassen!“ Es ist bewundernswert, wie dieser Mann sich ermutigen ließ und dadurch mit den Schwierigkeiten fertig wurde.

„Darum verlieren wir nicht den Mut“, sagte Paulus damals. Heute sagt das mein Bekannter. Man spürt ihm ab, wie dankbar er ist für sein Erleben. Wer sich im Glauben an Christus bindet, wird ähnliche Erfahrungen machen. Was ist das Geheimnis dieser Ermutigung? Paulus schenkte sein volles Vertrauen seinem Herrn Jesus Christus, der nach seiner Hinrichtung am Kreuz den Tod überwand und wieder lebte.  Diese  „Kraft der Auferstehung“ kann jeder glaubend im Gebet in Anspruch nehmen. Mit dieser Kraft erfüllt, gewinnen wir Mut, auch wenn die Situation, die wir zu meistern haben, außerordentlich schwierig ist.

Pastor Horst Marquardt, ehemaliger Direktor des ERF

„Man soll die Feste feiern wie sie fallen!“ Diesen Satz kennen wir. Diese Aufforderung ist uns wohlbekannt. Ein Blick in eine Lokalzeitung genügt. Wir finden darin sehr schnell eine Einladung zur Feier eines Festes.

Wenn es gelingt, bei einem Fest Menschen zusammenzuführen, Begegnungen zu ermöglichen, bei gutem Essen und Trinken Gemeinschaft zu erleben und fruchtbare Gespräche zu haben, dann kann ein Fest gelingen.

Und es gibt gewiss gute Anlässe, zu einem Fest einzuladen: Ein runder Geburtstag, eine Hochzeit, ein Betriebsjubiläum, ja selbst die Trauer um einen geliebten Menschen kann ein solcher Anlass sein. Gerade das Letztere schein aber momentan deutlich zurückzugehen („Wir gehen in aller Stille auseinander“).

Jesus hat ja auch mit den Menschen gefeiert. Bei der Hochzeit zu Kana waren er, seine Mutter und seine Jünger eingeladen. Und schließlich rettete Jesus dem Hochzeitspaar die Hochzeitsfeier, als der Wein ausging, indem er Wasser in Wein verwandelte.

Aber es gibt auch Feste, die kommerzialisiert sind, das heißt, es geht Vereinen oder auch Firmen darum, „Kasse zu machen“ und Menschen für ihre Produkte zu gewinnen – was im Falle der Autoindustrie momentan schwierig sein dürfte. Für all das müssen dann Feste herhalten. Und da wird es fragwürdig. Manche dieser Feste sind dann gelungen, wenn es möglichst laut zugeht und die Menschen „in Stimmung“ kommen. Vielleicht denken manche Organisatoren solcher Feste, – eher unbewusst -, sie könnten damit den Himmel auf Erden holen.

Aber wenn Gastronomen in Regensburg es mittlerweile ablehnen, Junggesellenabschiede in ihren Räumen feiern zu lassen und wenn es auch am „Ballermann“ in Mallorca mittlerweile Widerstände gegen Auswüchse der sogenannten Feiern gibt, dann scheint mir das ein Hinweis zu sein, dass das mit den Festen und Feiern nicht mehr so ganz stimmt.

Ich befürchte gar, dass unsere Feste- und Feierkultur unsere Gesellschaft dermaßen verändert, dass der innere Zusammenhalt verlorengeht – also das Gegenteil eintritt, was Feste eigentlichen bewirken sollen. Was bedeutet hier dann das Wort „Feierbiest“? Es stimmt mich nachdenklich!
Heinz Ringel, katholischer Pfarrer in Ehringshausen

Halleluja! Lobet den Herrn! Denn unsern Gott loben, das ist ein köstlich Ding, der den Himmel mit Wolken bedeckt und Regen gibt auf Erden. (Psalm 147, Verse 1 und 8)

Liebe Leserinnen und Leser!

Ist es Ihnen in diesem Sommer auch so ergangen? Das Fahrrad (oder so etwas ähnliches: ein E-Bike) ist verladen; der Badeanzug ist neu und entspricht der aktuellen Mode; ein gutes Buch vom Lieblingsautor ist eingepackt – alles ist bereit für den Urlaub! Und dann das: Regen, Kälte, Sturm und Gewitter beherrschen weite Teile Deutschlands und Europas. „So ein Mistwetter, und das ausgerechnet im Urlaub!“ höre ich enttäuschte Touristen schimpfen, und habe dabei das schöne Zitat von Mark Twain im Ohr: „ Jeder schimpft auf das Wetter, aber keiner tut etwas dagegen.“

Es gibt zum Schimpfen aber Alternativen (selbst erlebt): Bei einem Gottesdienst anlässlich eines Hafenfestes betet der Pfarrer vor der versammelten Gemeinde, die im Festzelt Schutz vor dem Dauerregen gefunden hat: „Lieber Gott, wir danken dir heute Morgen für den Regen, denn wenn wir ihn beklagen, hört er ja doch nicht auf.“ Die Gemeinde kichert und so mancher Urlauber fühlt sich ertappt.

Nun kann man fragen, ob solch ein Gebet wirklich angemessen ist und der Pfarrer sein Anliegen nicht direkt an die Gemeinde hätte richten können – aber geschenkt. Im Kern hat er Recht: Von Gott bekommen wir Sonne und Wärme, Regen und Kälte zu seiner Zeit. Am Wetter erfahren wir, dass wir trotz des technischen Fortschritts nicht alles in unseren Händen haben. Wir sind abhängig von Gottes Gnade und seiner Fürsorge. So sind auch extreme Zeiten der Flut oder der Dürre Mahnungen, Gott nicht zu vergessen und nicht so zu leben, als gäbe es über uns Menschen niemanden mehr.

In der Bibel wird Gott an vielen Stellen als Garant für lebensdienliche Witterung angerufen. Gott wird gepriesen, dass er den Himmel mit Wolken bedeckt und es regnen lässt. Was den Urlauber auf seinem E-Bike dann stört, wird der Ernte zum Segen und dem Hungrigen zur Nahrung. Bloß gut, dass über das Wetter nicht demokratisch abgestimmt wird, sondern dass wir es von Gott empfangen.

Oder um es in Anlehnung an Mark Twain zu formulieren: Jeder schimpft auf das Wetter, aber wir beten dafür!

Ihr Sebastian Anwand, Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen St. Paulsgemeinde Allendorf/Ulm

 

Lebensbrot

Frischgebackenes Brot. Duftend mit knuspriger Rinde. Ein Stück davon, ein Genuss. Eine köstliche und einfache Speise. Ein Glas klares und gutes Wasser oder einen guten Schluck Wein dazu.

Herrlich. Da läuft einem das Wasser im Mund zusammen.

Erinnern Sie sich noch, wann Sie das letzte Mal so etwas bewusst genossen und diesen Genuss mit anderen geteilt haben?

Hinter diesem Genuss steckt mehr. Das Bild, das entsteht, zeugt von einer Sehnsucht, an Leib und Seele wirklich satt zu werden.

Satt werden, nicht nur vom Brot allein, sondern wirklich mit Leib und Seele, das brauchen wir.

Die Bibel erzählt uns von dem täglichen Brot, das unseren Hunger stillt, das wir brauchen um satt zu werden. Das wir in der Gemeinschaft teilen, damit wir es recht genießen können.

Das Volk Israel durfte es auf seiner Wüstenwanderung erleben: Genügend Manna um für einen Tag satt zu werden.

In der Gemeinschaft mit Jesus teilten Menschen Brot und Fische. Es reichte für alle. Alle wurden satt.

Brot ist mehr als ein Grundnahrungsmittel. Im Brot wird sichtbar, es ist ein Geschenk Gottes. Er gibt. Er ist der Geber aller guten Gaben.

Das Brot, das er schenkt, wird zum Zeichen für Christus. Er wird in Bethlehem geboren, das heißt: Haus des Brotes. In „Brothausen“ wird Gott selbst Mensch.

„Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern“, sagt Jesus Christus im Johannesevangelium (6, 35). Jesus Christus selbst ist das „Lebensbrot“, das mehr ist als Brot allein. Das uns sättigt an Leib und Seele.

Jesus Christus lehrt uns einen neuen Blick in die Wirklichkeit. Er zeigt uns, wie sich hinter dem, was ist, mehr verbirgt. Das Brot ist nicht nur das Brot – es ist Brot des Lebens. Im Brot können wir den erkennen, der das Brot geschaffen hat. Den Jesus ganz liebevoll als seinen Vater anredet, mit dem er eins ist. Jesus Christus hat Anteil an beidem. An der irdischen Welt und an der himmlischen. An unseren unbeantworteten Fragen, Zweifeln, unserer Suche nach Sinn und an erfahrenem Leiden. Und er macht den Blick und den Weg frei für das Reich Gottes.

Lassen wir uns den Glauben schenken, der uns Hungerkünstlern hilft, wirklich satt zu werden.

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, Krankenhausseelsorger im Klinikum Wetzlar​

Was ist von Ihrer Taufe noch übrig? Ein Blatt im Stammbuch der Eltern. Eine Taufurkunde mit dem Bild der Kirche? Bilder im Familienalbum. Gab es vielleicht einen Taufspruch? Eine Taufkerze? Ist das Taufdatum vielleicht sogar noch bekannt? Paten vermutlich … Erinnerungen an eine gute Patentante, einen guten Patenonkel, die ihr Patenamt, ihr Versprechen – so wie sie es konnten und verstanden haben – mit viel Treue ausübten und sich verantwortlich wussten, einem ihnen anvertrauten Menschen Gutes zu tun.

Martin Luther wurde am 10. November kurz vor Mitternacht geboren und gleich am nächsten Morgen in der nahe gelegenen Petri-Kirche zu Eisleben getauft. Es gab keine Erinnerungsstücke und kein Familienfest. Und doch wurde ihm später seine Taufe zu einem der wichtigsten Ereignisse im Leben.

Der heutige Sonntag ist im kirchlichen Kalender der Erinnerung an unsere Taufe gewidmet. Denn manchmal brauche ich im Leben Energie um sagen zu können: „Und trotzdem!“ Das sind Gelegenheiten, wo ich Dummheiten gemacht habe oder andere unanständig waren, wo sich Krankheit oder anderes Unglück noch dazugesellt … „Und trotzdem darf ich da sein und Freude an meinem Leben haben!“ „Trutz“ und „Trotz“ sind mittelalterliche Worte für das, was ich in der Hand habe um mich zu wehren. Meine Taufe ist mir gegeben, damit ich mich wehren kann gegen das, was mir den Mut zum Leben nehmen möchte. Wie ist es möglich, dass die Taufe das schafft? In Gottes Namen getauft werden heißt eben nicht von Menschen, sondern von Gott selbst getauft werden. Deshalb wird die Taufe nie ungültig.

Die Bibel sagt: „Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden“ (Markus 16,16) und „selig“ bedeutet: von Sünde, Tod und Teufel erlöst zu sein und von Gott freundlich angeschaut zu werden. Dazu wäre also nicht mehr nötig als die Taufe und der Glaube, dass Gott wahr macht, was er mit der Taufe verspricht.

Unsere Vorfahren haben darum die Taufe mit einem Rettungsboot verglichen, das mir jederzeit zur Verfügung steht, in das ich mich flüchten kann. Es lohnt, sich an die eigene Taufe zu erinnern und den „Trotz“ auszuprobieren.

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar

 

 

Wort zum Sonntag, 16. Juli 2017   

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Bibel erzählt uns heute eine Geschichte vom Sämann, der aufs Feld geht um zu säen. Eine Erzählung aus längst vergangenen Zeiten. Denn heute sitzt der Bauer eher in einem klimatisierten Traktor und während er sich seine Lieblingsmusik anhört, wird die Saat maschinell und präzise in den gut präparierten Boden effizient hineingesät.

Damals war das aber anders. Da fielen schon mal viele Samen dorthin, wo sie eigentlich nicht hinfallen sollten: auf Felsen, zwischen die Dornen, oder gar auf einen Trampelpfad. Da wussten die Zuhörer sofort, dass die Saat an solchen Stellen verloren war. Ein dummer Bauer – hat sich vielleicht mancher gedacht. Wie kann einer so verschwenderisch sein und die kostbaren Samen dorthin fallen lassen, wo sie keinen Ertrag einbringen?

Diese Erzählung gewinnt an Brisanz, wenn wir erfahren, dass der „dumme Bauer“  kein anderer ist, als Gott selbst, der in seiner Großzügigkeit den Samen des erfüllten Lebens überall aussät. Oft geht die Deutung dieses Gleichnisses in eine Richtung, die die Menschen nach dem Kriterium der Beschaffenheit des Bodens aufteilt. Das heißt, auf Menschen, die hart wie ein fest getretener Weg sind, die einem Steinhaufen gleichen oder Menschen, die Disteln und Dornen freies Wachstum auf ihrem Boden gewähren.

Ist es aber nicht viel sinnvoller, wenn wir uns selbst einmal mit einem Acker vergleichen, der all diese verschiedenen Bodenbeschaffenheiten aufweist? Das Saatgut ist immer hochwertig, ob es aber einen guten Ertrag einbringt, hängt vom Boden ab, auf den es fällt. Das unscheinbare Wort WIE ist dabei sehr aufschlussreich. Denn von Natur aus sind alle Menschen für Gott ein guter Boden. Doch dieser Boden nimmt sich die Freiheit unempfänglich zu sein wie ein Fels, wie ein Trampelpfad, oder wie ein Dornengebüsch.

Entscheidend ist letztendlich, ob der Mensch in seiner Unempfänglichkeit verharrt, oder vielleicht doch entdeckt, dass  in ihm  auch jede Menge guter Boden steckt, auf den die Saat der Liebe Gottes fallen und gedeihen kann. Ja, wir selbst bestimmen,  ob aus der Saat etwas wird oder ob sie erstickt, aufgepickt, oder zertreten wird.

Herzlich, Ihr Janusz Sojka, Diakon Katholische Pfarrei Unsere Liebe Frau, Wetzlar

„Es mag ja sein, dass die USA nicht betroffen sind, aber in Wettenberg merken wir den Klimawandel“ – diese Worte hörte man nach den Unwettern vor zwei Wochen in Wißmar. In diesen Tagen blicken wir zurück auf einige Wochen mit großer Hitze und Trockenheit auf der einen und Unwetter, Hagel, überschwemmten Kellern und entwurzelten Bäumen auf der anderen Seite. Die einen fragen: Warum öffnen die Freibäder nicht schon vor 7 Uhr morgens? Die anderen klagen: Mir ist viel zu heiß.

Ja, heiße Sommer gab es auch schon in meiner Kindheit, doch die gehäuften Unwetter? Mich machen sie nachdenklich.

Und da stolpere ich über ein Bibelwort aus Psalm 119: Nimm ja nicht von meinem Munde das Wort der Wahrheit. (Ps 119,43). Etwas altertümlich und verdreht formuliert sagt dieses Bibelwort doch wohl: Lass mich die Wahrheit aussprechen. Und vielleicht meint es auch: Lass mich die Wahrheit von allen Seiten betrachten, bedenken, durchdringen, so wie ich ein kräftiges Stück Brot im Mund hin und her bewege und kaue, damit ich es verdauen kann, um gestärkt zu werden. Und hilf mir, das nicht zu verdrängen, was möglicherweise schmerzt.

Zunächst meint der Beter mit der Wahrheit das Wort Gottes. In seiner Zeit ist es noch nicht fraglich, ob Gott existiert und dass Gott Orientierung gibt, dass es also Wahrheit gibt. Und so bittet der Psalmist drängend (Nimm ja nicht…), dass er diese Wahrheit von Gottes Willen für die Welt, offen aussprechen kann, nachdem er sie erfasst hat. Bis heute ist diese Bitte für Glaubende bedeutsam. Denn oft fällt es schwer, das eigene Vertrauen in Gott in Worte zu fassen und öffentlich zu bezeugen.

In Zeiten von sog. fake news, also verfälschten oder gefälschten Nachrichten, ist diese biblische Bitte auch für viele andere Lebensbereiche jenseits des Glaubens von großer Bedeutung. In Zeiten, in denen Religions-, Meinungs- und Pressefreiheit neu unter Druck geraten, ist es wichtig, dass viele Menschen versuchen, sich ein Urteil zu bilden und sich nicht mit einfachen Botschaften abspeisen zu lassen. Egal ob es um Klimawandel, Politik oder ethische Fragen geht.

Ja, Gott, lass mich die Wahrheit, von der ich weiß, auch weitersagen. Und richte meine Gedanken so aus, dass ich auch Unangenehmes nicht verleugne. Zum Wohle der Welt.

Pfarrerin Alexandra Hans, Evangelische Kirchengemeinde Wißmar

Sommer, Sonne, laue Abende, dolce vita, Freibad, Eis, chillen, Urlaub …

 Endlich beginnen die Sommerferien! Alles, was mir spontan dazu einfällt, habe ich in die Überschrift gesetzt. Wenn wir nun die Bibel nach den genannten Begriffen durchforsten, finden wir keinesfalls Worte wie „dolce vita“, „Freibad“ und „chillen“. Auch lässt sich für Urlaub und „laue Abende“ nichts finden.Den Sommer finden wir öfter in der Heiligen Schrift, nämlich beispielsweise erfahren wir, dass der Sommer nahe ist, wenn die Zweige des Feigenbaums saftig werden und Blätter treiben. So sieht’s bei uns aus – der Sommer ist da.

Sehr oft ist die Sonne beschrieben, beispielsweise heißt es im Markusevangelium: „Am Abend, als die Sonne untergegangen war, brachte man alle Kranken und Besessenen zu Jesus.“ (Markusevangelium, Kapitel 1, Vers 32) ALLE werden gebracht. Ich stelle mir bildlich vor, wie Jesus alle Hände voll zu tun hat, er kommt kaum zur Ruhe. Und so lesen wir nur ein paar Verse weiter: „In aller Frühe, als es noch dunkel war, stand er auf und ging an einen einsamen Ort, um zu beten.“ (Markus, Kapitel 1, Vers 35) Wie sein Vater, der am siebten Schöpfungstag ausruht, braucht auch Jesus Phasen und Zeiten der Erholung.

Wir als seine Geschwister kennen das – manchmal ist es einfach genug, es reicht, wir kommen an Grenzen. Dann, genau dann ist es Zeit für Sommer, Sonne, laue Abende, dolce vita, Freibad, Eis, chillen, Urlaub …

Allerdings gilt auch hier die Kardinalstugend des Maßhaltens. Nicht übermäßiger Eiskonsum; chillen sollte nicht zur „Fauleritis“ ausarten und die lauen Abende nicht am nächsten Morgen enden. – Alles mit Maß, soviel, dass es eben genug – und nicht zu viel – ist. Bei vielen Menschen müssen die Urlaube von Jahr zu Jahr ausgedehnter, die Ziel weiter entfernt und die Kultur der Urlaubsländer exotischer werden. Man hat zwar vor Ort nichts verstanden, sich möglicherweise „den Magen verrenkt“, aber Hauptsache man war da …

Schneller, höher, weiter, exotischer – kränkelnd, müde und überfordert kehrt der gestresste Urlauber nach Hause zurück. Erholung sieht anders aus – die hat meines Erachtens zuallererst mit Vergnügen zu tun.

Wenn wir wollen, können wir mit dieser Art der Freizeitgestaltung eine gesamte Lebenstheologie entwerfen: Die Theologie des Vergnügens. Vergnügen ist nämlich das, was mir zur Genüge ist, was ausreicht, um zufrieden und glücklich zu sein. Es muss nicht die Fernreise, das Essen beim Sternekoch oder die Übernachtung im Wellnesshotel sein – das kann es zwar auch mal sein, muss es aber nicht.

Ich selbst breche am liebsten mit dem Fahrrad oder zu Fuß auf. Bereits beim Packen ist es wichtig, nicht zu viel Ballast mitzunehmen – eben das, was genügt. Wer den ganzen Tag auf den Beinen ist oder auf dem Fahrrad sitzt, dem genügen abends das Bett und das Dach über dem Kopf.

Die Theologie des Vergnügens. Vielleicht nehmen wir diesen Gedanken mit in die Sommerpause. „Froh zu sein bedarf es wenig, doch wer froh ist, ist ein König.“ Vielleicht ist es ja tatsächlich genug und bereitet Vergnügen, einfach zur Ruhe zu kommen, innezuhalten, das Leben zu genießen – ohne Anstrengung, ohne Ballast, ohne große Vorbereitung.

Gleichzeitig wächst damit das Gottvertrauen: Ich muss nicht alles planen, er wird schon seine schützende Hand über mich halten und mir so viele Sonnenstrahlen schenken, die ich zum Vergnügen brauche.

Ich wünsche Ihnen einen vergnüglichen Sommer, erholsame Urlaubstage oder -wochen und das Vertrauen, dass Gott uns führt.

Ihr Pfarrer Christof May, Braunfels

Freude durch Demut

In diesen Tagen werden in manchen Ortschaften Sonnenwendfeuer abgebrannt. Und bei einem Blick in den Kalender wird uns mit einem Male bewusst, dass die Sonne auf der Nordhalbkugel den Zenit erreicht hat und die Tage von jetzt an wieder kürzer und die Nächte länger werden. Die Sommersonnenwende hat bereits stattgefunden nämlich an dem Tag, wo im Kalender „Sommeranfang“ steht (dieses Jahr am 21. Juni).

Dieses Wort von den kürzer werdenden Tagen erinnert mich an einen Ausspruch eines Heiligen, dessen Geburtsfest wir in diesen Tagen feiern, an Johannes den Täufer (24. Juni). Denn der sagte bei einem Streitgespräch mit Juden über Jesus und sich selbst: „Er (= Jesus) muss wachsen, ich aber muss kleiner werden .“ (vgl. Johannes 3, 22ff). Wie die Tage kürzer werden – zumindest auf der Nordhalbkugel der Erde – so muss auch Johannes „kleiner“ werden. Wenn aber der Täufer Johannes „kleiner“ wird, dann kann der in ihm wachsen, für den er sich in den Dienst nehmen ließ – nämlich Jesus Christus, Gottes Sohn.

So bedeutet ein irdisches Leben aus dem Glauben: Das „Ich“ des Menschen muss kleiner werden, das „Du“ unseres Gottes muss größer werden. Das irdische Leben des Menschen soll vervollkommnet werden. Es ist nicht Sinn des irdischen Lebens, sich selbst zu produzieren und sich in der Öffentlichkeit darzustellen. Denn das kostet viel Kraft und verstellt den Blick auf den Nächsten, führt zwangsläufig zu Konflikten. Wer dagegen das Du des göttlichen Sohnes in sich groß werden lässt, der sieht die Welt mit den Augen Gottes an. Und die Mitmenschen entdecken in diesem Menschen mindestens eine Spur des göttlichen Lebens.

„Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden.“ Der Hang zur Großmannssucht und Selbstgefälligkeit ist – auch dank technischer Mittel – im Wachsen begriffen. Dabei sollte man diesen Menschen sagen, dass es völlig genügt, wenn Gott auf sie schaut. Er sieht ihr Tun. Das kann Menschen gelassen werden lassen. Die Demut – im recht verstandenen Sinne – lässt Gott im Menschen groß werden. Und das führt zur Freude – schon in diesem Leben.

Heinz Ringel, Pfarrer der katholischen Pfarrei St. Anna Biebertal

Besitzen Sie einen „inneren Pharao“? Sie wissen gar nicht, was das ist? Aber sie kennen sicher die Geschichte von Moses. Er hatte es mit einem ägyptischen Großkönig zu tun, der die Israeliten versklavt hatte. Nicht genug, dass sie Zwangsarbeit leisten mussten. Als sie einmal aufmuckten, bekamen sie kein Häcksel mehr und mussten das Stroh für die Ziegel auch noch selbst sammeln – dabei aber dieselbe Menge an Ziegelsteinen liefern.

Der Pharao ist einer, der immer antreibt und Druck macht. Leider haben viele Menschen einen solchen Pharao in sich. Besonders gern sagt dieser innere Pharao „Sei perfekt!“ Mach ja keinen Fehler!

Ich weiß, wovon ich rede, denn auch ich neige zum Perfektionismus. So brauche ich manchmal für Briefe oder Andachten, die veröffentlicht werden, unheimlich lange. Denn es soll ja keiner denken, dass ich mein Examen vielleicht in der Lotterie gewonnen hätte!

Warum habe ich diese Angst davor, Fehler zu machen? Das liegt daran, dass ich zusammen mit vielen anderen Menschen schon von früh auf gelernt habe, Fehler für etwas Schlimmes zu halten. Wenn wir als Kinder einen Fehler machten, schimpfte die Mutter, der Vater schaute missbilligend, die Klassenkameraden lachten uns aus, der Lehrer seufzte oder was auch immer. Und so haben wir früh gelernt, dass wir unter allen Umständen versuchen müssen, Fehler zu vermeiden.

Ich halte das für falsch. Ich halte es für einen Fehler, keine Fehler zu machen. Denn Fehler zu machen, ist wichtig, um etwas zu lernen. Wie oft sind Sie hingefallen, bevor Sie Laufen oder Radfahren gelernt haben? Wie oft haben Sie Buchstaben falsch geschrieben, spiegelverkehrt, verwechselt, vertauscht, bis Sie schreiben konnten? Wir alle lernen nur durch Versuch und Irrtum! Und wer aufhört, Fehler zu machen, hört auf, zu lernen, hört auf zu wachsen, hört auf, zu leben.

Das Konzept des Perfektionismus stimmt außerdem nicht mit der Realität überein. Alles kann verbessert werden. Jede Arbeit, jede Person, jede Idee, jedes Kunstwerk kann korrigiert und optimiert werden. Vollkommenheit ist eine Illusion, darum wird der Perfektionist immer auf der Verliererseite sein, egal, was er macht. Haben Sie deshalb Mut zur Lücke! Tun Sie Ihr Bestes – und überlassen Sie Gott den Rest! „Gnädig und barmherzig ist Gott, und von großer Güte“, heißt es in den Psalmen. Vielleicht können die Perfektionisten unter uns diesen Satz als Freiheitsspruch in ihr Herz aufnehmen.

von Manuela Bünger, Pfarrerin in Dorlar und Atzbach

Wer freut sich nicht auf einen Feiertag mitten in der Woche? Volkswirtschaftlich gesehen bedeutet ein Feiertag allerdings eher einen Verlust. Time is money! Zeit soll nicht ungenutzt verstreichen. Zeit muss für sinnvolle Tätigkeiten, die Gewinn und Erfolg versprechen, ausgenutzt werden. Zeit, die nur noch in materiellen Werten gemessen wird, ist für viele moderne Zeitgenossen längst alltägliche Realität.

Doch ein freier Tag mitten in der Woche ist ein Geschenk und eine willkommene Alltagsunterbrechung. Er lädt ein, inne zu halten und zur Ruhe zu kommen. Er stellt das Konkurrenzdenken, den anderen um Nasenlängen voraus zu sein, für einen Tag ab. In dieser Woche, an Fronleichnam, steht einer im Mittelpunkt, für den Zeit, Zeit für Gott und die Menschen hieß und der das Gegenteil der Lehre vom Recht des Stärkeren und der Konkurrenz lebte: Jesus, der Christus. Er lehrte die Bedeutung und Würde eines jeden menschlichen Lebens und säte unter denen, die am Rand stehen, eine unbezwingbare Hoffnung ein. Er kam nicht, um sich bedienen zu lassen, sondern den Menschen zu dienen. Er kam nicht, um zu richten, sondern um aufzurichten. Woran ein Mensch nur immer leiden mag, er kam, um es zu heilen. Wo er auftauchte, begannen Menschen spürbar freier zu atmen und Gott ihren Vater zu nennen.

Liebe, die keinen ausschließt, war sein Gebot. Er machte das geteilte Brot zum Zeichen seiner Liebe. Das ist Fronleichnam: Menschen versammeln sich um Jesus, der feierlich in der Gestalt von Brot als allerheiligstes Sakrament feierlich durch die Straßen getragen und verehrt wird. Sie machen sich mit ihm auf den Weg und bekommen zu spüren: Er verändert und verwandelt einen mit seiner Botschaft. Er macht Mut, dort zu handeln, wo es darauf ankommt, seine Gegenwart in der Welt spürbar werden zu lassen.

Dazu bedarf es eines Feiertages. Er gibt die Chance, Kraft zu schöpfen und sich neu an Jesus zu orientieren. Ein Feiertag ist freie Zeit, die erfüllte Zeit werden kann und menschlichen Gewinn verspricht.

von Studienleiterin Beate Mayerle-Jarmer, Amt für Katholische Religionspädagogik, Wetzlar 

Pfingsten ist nach Weihnachten und Ostern ein weiterer hoher Feiertag der Christen. Ursprünglich als jüdisches Erntedankfest begangen, haben die ersten Christen zu Pfingsten eine Erfahrung gemacht, die alles übertraf, was sie bis dahin erlebt hatten. Die Bibel spricht von der „Ausgießung des Heiligen Geistes“. Betroffen sind zuerst die zwölf Jünger von Jesus. Plötzlich braust ein Sturm durchs Haus. Alle sehen so etwas wie ein züngelndes  Feuer, das sich auf jeden von ihnen niederlässt. Sie werden mit dem Heiligen Geist erfüllt. Der gibt ihnen die Fähigkeit die Jesus-Botschaft  in der Öffentlichkeit zu verkünden und zwar in den jeweiligen Sprachen der Menschen aus vielen Ländern, die zum Fest nach Jerusalem gekommen waren. Zentrum ihrer Botschaft: Jesus Christus ist auferstanden. Er lebt und wirkt jetzt aus der unsichtbaren Wirklichkeit Gottes. Von dort kommt auch der “ Heilige Geist“. Aber  wer oder was ist das?  Mancher denkt an den Verstand, an geistige Eigenschaften (erfinderische Geist), an böse Erfahrungen (von allen guten Geistern verlassen) oder an Scharfsinn (geistreich). Der biblische Begriff Geist ist ein bildhafter Ausdruck  für freigesetzte Energie. „Lebensverändernde tätige  Kraft“, die Gegenwart des lebendigen Gottes, das ist der Grundgedanke, wenn in der Bibel vom Heiligen  Geist die Rede ist. Das war dort in Jerusalem gleich zu sehen. Furchtsame Menschen gewannen Mut. Unter  ihrer Schuld bedrückte Menschen  bekannten Ihre Verfehlungen  und erlebten Befreiung. Sinnlos scheinendes Leben gewann wieder eine Perspektive. Angst vor dem Sterben quälte nicht länger, Hoffnung erfüllte die Herzen.  Aus dem kleinen Häuflein von zwölf ratlosen Männern wurde eine nach Tausenden zählende Gemeinschaft, die sehr schnell  Kultur und Zivilisation prägte. Seit dem ersten Pfingstfest erleben Nachfolger von Jesus  in aller Welt, dass man in der Kraft des Heiligen Geistes erwartungsvoll, frei  und mutig durchs Leben  gehen kann.

Pastor Horst Marquardt
(ehemaliger ERF-Direktor)

Liebe Leserinnen und Leser,

was ist das Wichtigste im Leben? Die Antwort hängt wohl davon ab, in welcher Situation sich jemand befindet. Wer von einer schweren Krankheit betroffen ist, wird sagen: “Die Gesundheit ist das Wichtigste!“ Für einen jungen Menschen mag es die richtige Berufswahl, die Partnerschaft oder das Selbständigwerden sein. Jemand, der im Berufsleben bis an die Grenzen der Belastbarkeit gefordert ist, wird antworten: „Die Freizeit und die Pausen haben Vorrang!“ Und wer keine Arbeit, kein Einkommen hat, mag sagen: „Das „liebe Geld“ ist das A und O, weil ich es satt habe, jeden Cent zweimal umdrehen zu müssen, bevor ich ihn doch nicht ausgeben kann!“

Dazu sagt M. Luther in einer seiner Tischreden: „Reichtum ist das allergeringste Ding auf Erden, die kleinste Gabe, die Gott einem Menschen geben kann. Was ist´s im Vergleich zu Gottes Wort? Ja, was ist´s noch im Vergleich zu leiblichen Gaben und Schönheit und im Vergleich mit den Gaben des Gemüts? Dennoch strebt man so emsig danach! In keiner Hinsicht ist am Reichtum etwas Gutes. Darum gibt unser Herrgott für gewöhnlich Reichtum den groben Eseln, denen er sonst nichts gönnt.“ (aus: Thomas Maess, Hg., „Plaudereien mit Luther“)

Mir gefällt dieser Gedanke ausgesprochen gut, dass es nämlich viel bessere Gaben als Reichtum gibt, weil der Mensch eben nicht nach dem beurteilt wird, was er hat, sondern danach, was er ist. Er ermutigt uns, uns selbst nicht an unserem Besitz zu messen bzw. messen zu lassen, sondern andere Werte und Gaben an seiner Person zu sehen. Wenn jemand in die Enge getrieben wird und nur noch eines benennen kann, was ihm im Augenblick das Wichtigste zu sein scheint, was ihm fehlt – sei es Gesundheit, Reichtum, Freunde, Ruhe oder was auch immer – dann kann es gut tun, davon Abstand zu gewinnen, es kann befreiend und ermutigend sein, wenn einer sieht, welche Vielzahl guter Gaben ihm Gott zum Leben und zu seiner Freude schenkt.

von Ellen Wehrenbrecht, Pfarrerin in Niedergirmes und Garbenheim

„Den Himmel auf Erden!“ Das ist ein Wunsch – eine Sehnsucht, die wahrscheinlich so alt ist wie die Menschheit. Wer wünscht sich das nicht: Den Himmel auf Erden zu erleben oder zumindest einen Zustand, der dem nahe kommt?  Der Himmel ist dabei gleichbedeutend mit einem Ort, an dem es nichts auszusetzen gibt – einem Ort, an dem Wünsche erfüllt und einem von den Augen abgelesen werden. Es gibt keine Sorgen, keine Not und keine Angst. Es ist nicht immer alles so mühevoll. Es herrscht materielle Sicherheit. Man wird geliebt und fühlt sich akzeptiert. Der Umgang untereinander ist vertrauensvoll. Man kann sich aufeinander verlassen. Es ist eben alles vollkommen.

Demgegenüber steht die Erde mit allem, was das Leben so mühevoll und schwer macht: Wir sind bis an die Grenzen unserer Kraft gefordert. Täglich warten neue Herausforderungen. Man muss ordentlich kämpfen. Aber das, was man da tut, wird nicht unbedingt geachtet und anerkannt, sondern erscheint so selbstverständlich – wird eher klein gemacht, in Frage gestellt – manchmal sogar niedergemacht. Und unsere menschlichen Beziehungen sind brüchig. Wir erleben da manche Enttäuschung. Himmel und Erde, das scheinen unvereinbare Größen zu sein – sauber voneinander getrennt – weit voneinander entfernt – wie zwei fremde Welten.

Aber jetzt feiern wir am kommenden Donnerstag „Himmelfahrt“! Dieses Fest lässt uns erahnen, dass der Himmel nicht unendlich weit entfernt, fest verschlossen ist. Er ist durchlässig geworden wie das z.B. die Überschrift des Deutschen Evangelischen Kirchentages besagt, der am kommenden Mittwoch in Berlin und Wittenberg beginnt. Sie lautet: „Du siehst mich!“ Da ist ein Gott, der mich sieht, der mich wahrnimmt, der mich und mein Leben ernst nimmt – dem ich nicht egal bin. In diesem liebevollen Blick kommt ein Stückchen Himmel auf die Erde – blitzt ein Stück „Himmel auf Erden“ auf – berühren sich Himmel und Erde – sind nicht mehr unendlich weit voneinander entfernt.

Dieses Stückchen „Himmel auf Erden“: Von Gott gesehen und geachtet zu werden, kann uns begleiten – kann eine Antwort auf unsere Sehnsucht sein. Wir werden uns den Himmel nicht auf die Erde holen können. Aber ein Stückchen Himmel kommt zu uns: stärkend und Mut machend für unseren Weg auf der Erde.

von Pfarrerin Cornelia Heynen-Rust, Kirchengemeinde Biskirchen

Kämpfe den guten Kampf des Glaubens; ergreife das ewige Leben, wozu du berufen bist und bekannt hast das gute Bekenntnis vor vielen Zeugen. (1. Timotheus 6,12)

Liebe Leserinnen und Leser!

Es ist die Zeit der Konfirmationen. Vielleicht haben auch sie in diesem Jahr schon einen Konfirmationsgottesdienst besucht. So eine Konfirmation kann eine ganze Familie über Wochen beschäftigen: Konfirmationskleid- oder Anzug müssen gefunden, Einladungskarten gestaltet, Paten und Großfamilie in einer ansprechenden Gastronomie verköstigt werden. Manche Konfirmationsfeier steht mit ihrem Aufwand und ihrer Größe in keinem Verhältnis zu einer Tauffeier, was eigentlich schade ist. Denn die Konfirmation gehört nach evangelischem Verständnis ihrem Wesen nach zur Taufe und ist deshalb kein eigenes Sakrament. Mit der heiligen Taufe nimmt Gott einen Menschen – ob groß oder klein – in sein Reich auf, vergibt ihm seine Sünden und macht ihn so zu seinem geliebten Kind. Mit den Augen Gottes gesehen hat die Taufe volle Gültigkeit und Gewissheit. Bei der Konfirmation wiederholen die Jugendlichen noch einmal bewusst das Bekenntnis zu Gott, was sie durch ihre Eltern und Paten als Täuflinge bereits verbindlich getan haben. Die Taufe hat aber auch ohne die Konfirmation volle Wirkung.

Paulus schreibt an den jungen Christen Timotheus, dass das Glaubensleben seit der Taufe aber nicht immer locker und leicht ist, sondern auch ein Kampf: Ein geistlicher Kampf gegen die eigene Trägheit, die eigene Gleichgültigkeit und gegen alle Menschen und Mächte, die uns von Jesus Christus und seiner Kirche abbringen wollen. Daher steht im Zentrum der Konfirmation der segnende Zuspruch des Heiligen Geistes. Ihn brauchen junge Menschen, um diesen Kampf zu bestehen und das ewige Leben zu ergreifen. Die Konfirmation hilft uns also und rüstet uns aus mit dem Segen Gottes; sie ist aber nicht heilsnotwendig!

Vielleicht besuchen sie in diesem Jahr auch noch einen Taufgottesdienst. Und vielleicht wird diese Taufe auch ganz groß gefeiert: mit Taufkleid und der ganzen Familie. Ein Fest im Himmel ist es allemal!

 

Sebastian Anwand,  Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen St. Paulsgemeinde Allendorf/Ulm (SELK)

Hände, die Geschichten erzählen …

Hände faszinieren mich. Sie können Geschichten erzählen.

Nehmen Sie sich ein paar Minuten Zeit. Legen Sie Ihre Hände in den Schoß. Die Innenflächen zeigen nach oben. Schauen Sie sie an und hinein, ganz bewusst. Was sehen Sie? Was erzählen Sie? …

Mich erinnern sie an eine Zeit, als sie kräftig zupacken mussten. Körperlich arbeiten, Schwielen bildeten sich. Doch vor den Schwielen kamen die Blasen, schmerzhaftes Brennen. Jahre ist das her und doch bleibt ein gewisser Stolz darauf, was sie geleistet haben.

Sie haben versucht anderen Halt zu gegeben, meinen Kindern, Sterbenden, Menschen, die mir lieb und wichtig waren und sind. Damit war Zärtlichkeit verbunden, aber auch die Erfahrung, Liebgewonnenes loslassen zu müssen.

Ich sehe junge, die alte Hände halten und signalisieren, du wirst gehalten.

Kleine Hände, vertrauensvoll von größeren umfasst, die halten und tragen: Geh ruhig an meiner Hand. Ich begleite dich. Vertrau mir auf dem Weg, der vor dir liegt.

Sie begrüßen bekannte und völlig unbekannte andere Hände. Mal spüren sie einen kräftigen Gegendruck, der Stärke und Vertrauen signalisiert. Mal sind sie unsicher, wie kräftig sie selbst zupacken können.

Sie erinnern sich: Da gibt es Hände, die einmal klein und zuversichtlich in meinen gelegen haben. Und nun sind sie so groß, dass meine darin gut Platz finden und klein dagegen wirken.

Hände schreiben, malen und zeichnen. Sie gehen täglich mit ihren Fingern über Tasten.

Irgendwann lernen sie greifen und wieder loslassen. Die Finger entwickeln feineren Tastsinn.

Sie geben und nehmen.

Sie suchen und finden streichelnd liebgewonnene Menschen, um Zärtlichkeit zu geben und zu erhalten.

Manchmal suchen sie einen Platz zum Verstecken, weil sie unfair im Affekt zugepackt oder sogar geschlagen haben.

Das Leben spiegelt sich mit seinen Spuren und seinem Alter in den Händen.

 

von Pfarrer Hans-Dieter Dörr, Klinikseelsorger am Klinikum Wetzlar

Dieser Sonntag ist der Freude und der Verwunderung über die „Barmherzigkeiten des Herrn“ unseres Gottes gewidmet. So will es sein lateinischer Name zum Ausdruck bringen: „Misericordias Domini“. Im Mittelpunkt stehen der Psalm vom guten Hirten (Psalm 23) und das Evangelium, in dem Jesus sagt: „Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.“ (Johannes 10,11).

Was für eine Aussage! Die Schafe sind dem guten Hirten wichtiger als sein eigenes Leben. Wer so etwas sagt, muss sein „Schäfchen im Trockenen“ haben, muss also mit seinem eigenen Leben geborgen sein. Jesus hat sich in so einer Weise auf Gott den Vater verlassen, dass er auf die Sorge um sein eigenes Leben verzichten konnte. Und seine Auferstehung am Ostermorgen gibt seinem Vertrauen recht. Weil für ihn gesorgt ist, schlägt sich Jesus ganz auf unsere Seite. Und dabei zählt jeder einzelne.

Ein schöner Auftakt für die jetzt beginnenden Konfirmationen, bei denen es eben darum geht, dass den Konfirmanden der Rücken gestärkt wird. Denn „Konfirmand“ ist ein passives Wort und bedeutet übersetzt: jemand, der bestärkt, gefestigt werden muss. Dafür will der gute Hirte sorgen mit Taufe und Abendmahl und durch seine Gemeinde, die mit der Verkündigung des Evangeliums und durch das Gebet die jungen Menschen unterstützt. Wobei unterstützt? Bei ihrem Weg ins Leben und in den Glauben. Dabei gibt es Umwege und Irrwege, Sackgassen und Dinge, die man bereut. Das alles gehört zum Leben. Es gehört dazu, dass man, ob man will oder nicht, auch als „guter Mensch“ aus seiner Rolle fällt.

Wichtig ist nur eines: irgendwann zu entdecken, dass Gott, wenn er uns sieht, selber aus der Rolle fällt, seine Würde drangibt, auf das pfeift, was andere von ihm denken und sich auf unsere Seite schlägt. So jedenfalls erzählt es Jesus in dem Gleichnis, wo der Vater dem Sohn entgegenläuft, der nach vielen „Abenteuern“ geschafft und desillusioniert nachhause kommt. Ein Orientale, der rennt, verliert seine Würde. Wenn Gott also mir entgegenläuft und dafür auf seine Würde verzichtet … das festzuhalten, für mich und für den anderen, das ist Konfirmation.

von Pfarrer Christian Silbernagel, Kirchengemeinde Wetzlar, Bezirk Gnadenkirche


Heute ist „Weißer Sonntag“. Der Name kommt aus der frühen Kirche, wo die  in der  Osternacht Getauften und Gefirmten, die an Ostern das Abendmahl empfangen hatten, acht Tage lang ihre weißen Taufgewänder trugen. Und so heißt die Osteroktave Weiße Woche und der darauf folgende Sonntag – Weißer Sonntag.

Vielerorts wird heute die Erstkommunion gefeiert. Zahlreiche Kinder aus den Gemeinden Dom, St. Bonifatius und St. Walburgis  empfangen heute zum ersten Mal das Brot, in dem katholische Christen die leibliche Gegenwart Jesu glauben. Der Sinn dieses Mahls ist die Gemeinschaft und der Friede zwischen den Menschen. Wer das Abendmahl – das in dem jüdischen Paschamahl gegründet ist – feiert, darf niemals vergessen, dass jeder Gast bei dieser Feier einen Stellenwert des Bruders / der Schwester hatte. Man könnte sagen: In Gottes Gegenwart sind alle Menschen Schwestern und Brüder.

So etwas verpflichtet. Denn wer nicht bereit ist, seine Mitmenschen als Schwestern und Brüder anzunehmen, schließt sich von dieser Mahlgemeinschaft ja selbst aus!  Das Christsein verpflichtet zur geschwisterlichen Gemeinschaft! Der Glaube und die Gemeinschaft scheinen voneinander untrennbar und füreinander unverzichtbar zu sein.

Das ist auch die Kernaussage des Evangeliums heute über den ungläubigen Thomas. Der Skeptiker Thomas steht dabei stellvertretend für alle, die von Jesus zwar gehört, ihn selbst aber nicht gesehen und nicht berührt haben. Man könnte sich diesen Apostel als einen Menschen vorstellen, der schon oft genug durch Worte, die nicht hielten, was sie versprachen, enttäuscht wurde. Ich kann mir dabei auch gut vorstellen, dass eine solche Erfahrung vielen von uns nicht unbekannt ist!  Große Worte gehen leicht über die Lippen. Oft aber sind große Worte nur leere Worte! Entscheidend für das berühmte Thomasbekenntnis: „Mein Herr und mein Gott“ war seine Rückkehr zur Gemeinschaft.

Ich wünsche heute ganz besonders allen Kommunionkindern den Mut, in der Gemeinschaft auch dann zu verbleiben,  wenn Skepsis und Zweifel kommen.

Herzlich, Ihr Diakon J. Sojka

von Diakon Janusz Sojka