Evangelischer Kirchenkreis Braunfels blickt auf 436-jährige Geschichte zurück

Reformierte Tradition mit schlichten Gottesdiensten und gesellschaftspolitischem Einsatz:

Die Synode von Hungen 1582, mit der sich das Gebiet des jetzigen Evangelischen Kirchenkreises Braunfels dem reformierten Bekenntnis anschloss, ist das zentrale Datum für den Beginn seiner Geschichte. So haben die „Braunfelser“  1982 anlässlich des 400. Jahrestages einen Festgottesdienst in der Friedenskirche in Braunfels gefeiert. 436 Jahre nach der Hungener Synode geht nun die Geschichte dieses Kirchenkreises zu Ende, denn die Synoden Wetzlar und Braunfels werden sich zum 1.1.2019 zum „Evangelischen Kirchenkreis an Lahn und Dill“ vereinigen. Anlässlich seiner letzten Synode Anfang November wird der Kirchenkreis Braunfels auf seine wechselvolle Geschichte zurückblicken:

Mit der reformierten Kirchenordnung, die Graf Konrad zu Solms-Braunfels 1582 einführte, kam es auch in diesem Gebiet zu einer Art „Reformation der Reformation“.
Denn für reformierte Christen ist der Glaube mehr als eine innere Beziehung des Einzelnen zu Gott. Er hat auch Auswirkungen auf das Alltagsleben. So wurden damals unter anderem als Verfehlung angesehenes unsittliches Verhalten oder nachlässiger Kirchgang mit Geldstrafe oder gar Turmarrest geahndet. Zur reformierten Tradition gehört neben dem Gebrauch des Heidelberger Katechismus auch die schlichte Gestaltung von Kirchengebäuden und Gottesdiensten, bei denen die Predigt im Mittelpunkt steht. In der Folgezeit wurden Kreuze, Kerzen, Bilder und Hochaltäre aus den Kirchen entfernt und stattdessen einfache „Abendmahlstische“ aufgestellt. Gemeinden wie Altenkirchen, Hohensolms, Blasbach und Erda, die zur Grafschaft Solms-Hohensolms gehörten und bis 1629 Teil einer solmsisch-hessischen Gemeinherrschaft waren, blieben allerdings bis heute weitgehend lutherisch. Lutherisch blieb auch die Kirchengemeinde Münchholzhausen, die wegen der fehlenden Verbindung zum übrigen solmsischen Gebiet weiter von lutherischen Pfarrern aus den Nachbargemeinden versorgt wurde und 1977 zum lutherisch geprägten Kirchenkreis Wetzlar kam.

Rund 190 Hugenotten, reformierte Glaubensflüchtlinge aus Frankreich, wurden 1685 von Graf Wilhelm Moritz zu Solms-Greifenstein im Dorf Daubhausen angesiedelt. Dafür waren die deutschen Einwohner in die umliegenden Dörfer umgesiedelt worden. Die Hugenotten sollten ihre französische Sprache beibehalten und auch französische Pfarrer wurden eingesetzt, die bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts in der Kirche in Daubhausen in französisch predigten. So lebten die hugenottischen Einwanderer ihre eigene Kultur und brachten vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht wichtige Anstöße in die Grafschaft. 1690 entstand die Siedlung Greifenthal, da zahlreiche weitere Flüchtlinge kamen.

1815 wurden die Kreise Wetzlar und Braunfels im Zusammenhang mit dem Wiener Kongress Preußen zugeschlagen und waren damit zur rheinischen Kirche gekommen. Als diese Region 1932 von der preußischen Rheinprovinz abgetrennt und der Provinz Hessen-Nassau zugewiesen wurde, vollzog der Kirchenkreis Braunfels, wie auch der benachbarte Kirchenkreis Wetzlar, diese Trennung nicht mit. 350 Jahre nach der Hungener Synode gab es 1932 in Nauborn im Kirchenkreis Braunfels stattdessen eine Jubiläumssynode mit deutlich reformierter Prägung. Superintendent Jakob Heep, seit 1912 Pfarrer in Niedergirmes, bestand auf dem Verbleib der Synode bei der rheinischen Kirche: „Wir bleiben rheinisch, aber als Solmser.“ Dies ist bis heute so geblieben. Mit dazu beigetragen, dass die beiden Kirchenkreise nicht zur hessischen Kirche gekommen sind, hat auch die Entscheidungshoheit der Gemeinden in der rheinischen Kirche. Sie spiegelt sich in der presbyterial-synodalen Ordnung wider und ist so in der hessen-nassauischen Kirche nicht vorhanden.

Anlässlich des 300jährigen Reformationsjubiläums 1817 hatte König Friedrich Wilhelm III. von Preußen die lutherischen und reformierten Kirchengemeinden zur Union (Vereinigung) aufgefordert. Diese wurde nach anfänglichem Widerstand einiger Gemeinden in beiden Kirchenkreisen bis zur Mitte des Jahrhunderts auch angenommen, wobei die traditionelle konfessionelle Prägung jeweils erhalten blieb.

Da für Reformierte gesellschaftspolitisches Engagement ein wichtiges Anliegen ist, kam auch der Widerstand gegen den Nationalsozialismus aus ihren Gemeinden. So nahm beispielsweise Pfarrer Robert Steiner aus Leun an der Bekenntnissynode 1934 in Barmen teil. Die dort proklamierte „Barmer Theologische Erklärung“ ist bis heute eine der wichtigsten Bekenntnisse reformierter Christen. Im gleichen Jahr fand  ein Gemeindetag mit mehr als 80 Pfarrern und Ältesten, die sich zur Bekennenden Kirche hielten, im Leuner Pfarrhaus statt. Pfarrer Steiner sagte in seinem Grußwort vor Superintendent Jakob Heep, Mitglied bei den „Deutschen Christen“, die die Kirche nationalsozialistisch umgestalten wollten, Ungehorsam gegen ein Kirchenregiment, das gegen Gottes Wort regiere, sei Gehorsam gegen Gottes Wort. Zwei weitere Gemeindetage der Braunfelser Bekenntnissynode in Dillheim und Burgsolms folgten aufgrund des großen Zuspruchs zu den Anliegen der Bekennenden Kirche im gleichen Jahr.

Ende 1933 war anlässlich der Sportpalastkundgebung der Deutschen Christen in Berlin bereits eine „Oberbieler Erklärung“ verfasst und von allen Braunfelser Pfarrern unterschrieben worden. Hier heißt es: „Für unbedingt notwendig halten wir es, dass die Einigung der Kirche nicht durch kirchenpolitischen Machtentscheid oder Kompromiss, sondern durch einmütiges Eintreten für Bibel und Bekenntnis erfolgt.“

Nachhaltig wirkte auch die Predigt von Pfarrer Friedrich Winter in Kölschhausen am Buß- und Bettag, der der Pogromnacht 1938 folgte. Winters heftiger Protest gegen die Synagogenbrände führte zur Ausweisung aus dem Regierungsbezirk Wiesbaden und damit aus dem Gebiet seiner Kirchengemeinde durch die Gestapo. „Sind wir nicht mit daran schuld, wenn die Ehrfurcht vor Gott so verschwindet, dass man Hand an Gotteshäuser legt?“ hatte er deutlich Position bezogen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war es die weltweit empfundene Verantwortung, die bis heute in Form des Arbeitskreises Frieden Menschen aus dem Kirchenkreis Braunfels beispielsweise zu Gottesdiensten am Atomwaffenlager in Bellersdorf zwischen 1988 und 1992 motivierte, zum Einsatz gegen die Apartheid in Südafrika oder zur Mitwirkung bei Demonstrationen gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Darüber hinaus gibt es weltweite Partnerschaften mit Menschen aus Botswana, Burkina Faso und Indonesien. Gemeinsam mit dem Nachbarkirchenkreis Wetzlar engagiert sich der Kirchenkreis Braunfels unter anderem im Kirchlichen Arbeitskreis Flucht, in der Diakonie, der kreiskirchlichen Jugendarbeit, beispielsweise mit dem Betrieb des Paul-Schneider-Freizeitheims bei Dornholzhausen, in der Frauenarbeit, im Bereich der Schule, in den vielfältigen Bereichen der Seelsorge sowie im ökumenischen und interreligiösen Dialog.

Da seit mehreren Jahrzehnten mehr und mehr Finanz- und Strukturfragen die Themen auf kreiskirchlicher Ebene bestimmen, geriet auch der Gedanke einer Vereinigung der beiden rheinischen Kirchenkreise in Hessen in den Blick. 2013 entstand bereits eine kirchenkreisübergreifende pfarramtliche Verbindung zwischen der Kirchengemeinde Garbenheim (Wetzlar) und der Kirchengemeinde Niedergirmes im Kirchenkreis Braunfels.

Die Kreissynode Braunfels erinnert an ihre Geschichte seit der Synode von Hungen 1582 im Rahmen ihrer letzten Synodaltagung am Freitag, 2. November, von 15 bis 22 Uhr und am Samstag, 3. November, ab 8.30 Uhr im Nachbarschaftszentrum Niedergirmes (Wiesenstr. 4). Geleitet wird die Synode von Pfarrer Roland Rust aus Kölschhausen, der seit 1997 Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Braunfels ist.

bkl

 

Quellen:

Amtsblatt der Königlichen Regierung zu Coblenz, Jahrgang 1818, Nr.3, 25.Januar 1818, S.10/1

Wilhelm Arabin, Hugenottensiedlung Daubhausen/Greifenthal seit 1685, Daubhausen 1985

Dr. Andreas Metzing, Überblick über die Geschichte der Kirchenkreise Wetzlar und Braunfels, Boppard 31.8.2017

Gemeindebuch der Kreissynoden Braunfels und Wetzlar, hg.v. Kreissynoden Braunfels und Wetzlar, 1953

August Schoenwerk/Herbert Flender, Geschichte von Stadt und Kreis Wetzlar, Pegasus Verlag Wetzlar 1975

Kurt Söhngen, Vierhundert Jahre Solmser Reformation, Braunfels 1982

Robert Steiner, Die Anfänge des Kirchenkampfes in der Synode Braunfels. Aufzeichnungen aus dem Jahr 1936, Schriftenreihe des Vereins für Rheinische Kirchengeschichte, Band 57, 1979

Friedrich Winter Dokumentation anlässlich der Namensgebung des Evangelischen Gemeindehauses Kölschhausen in Friedrich-Winter-Gemeindehaus 17.11.1999, hg.v. Evangelische Kirchengemeinde Kölschhausen 1999

 

Fotos/Karten: privat / Repro Barnikol-Lübeck / Peter Graben / archiv.ekir.de /Schoenwerk

Bild 1: Der Wetzlarer Raum nach den Teilungen 1585 – 1629 -1703 – das Gebiet des damaligen Evangelischen Kirchenkreises Braunfels ist umrandet. Bis 1977 gehörte die Kirchengemeinde Münchholzhausen noch zum Kirchenkreis Braunfels.       (August Schoenwerk/Herbert Flender, Geschichte von Stadt und Kreis Wetzlar, S.243, Markierung Barnikol-Lübeck)

Bild 2: Heutiges Gebiet des Evangelischen Kirchenkreises Braunfels (Peter Graben, Bechlingen)

Bild 3: Nach Pfarrer Friedrich Winter hat die Evangelische Kirchengemeinde Kölschhausen 1999 ihr Gemeindehaus benannt. Aufgrund seines Einsatzes für Menschen jüdischen Glaubens wurde der Theologe 1939 von den Nationalsozialisten aus seiner Gemeinde ausgewiesen (Foto privat, Repro Barnikol-Lübeck).

Bild 4: Pfarrer Robert Steiner, hier um 1927 mit seiner Ehefrau Elisabeth, hat sich deutlich gegen die „Deutschen Christen“ positioniert, die die Kirche nationalsozialistisch umgestalten wollten. Im Pfarrhaus der Kirchengemeinde Leun hat Steiner 1934 den ersten Gemeindetag der Braunfelser Bekenntnissynode    initiiert (Foto archiv/ekir.de).