Diskussion um das Kreuz im Klinikum Wetzlar

Seelsorger äußern sich:

Im Februar ist im Klinikum Wetzlar ein „Raum der Stille und des Gebetes“ offiziell eröffnet worden. Dieser steht allen Religionen offen und soll gleichzeitig ein Ort der Begegnung sein. Bis vor einiger Zeit wurde der Raum im Erdgeschoss des Klinikums von der evangelischen und katholischen Seelsorge genutzt – für Gottesdienste, Treffen der Grünen Damen, Gruppenarbeiten und Basare. Dies ist auch weiterhin möglich. Für Christen liegen Bibeln aus sowie Gebets- und Gesangbücher.

Nun sind Korane, Gebetsteppiche, Gebetsketten und Kopfbedeckungen hinzugekommen. Zudem gibt es für Muslime eine Markierung, die die Gebetsrichtung zur Kaaba nach Mekka, dem höchsten Heiligtum des Islam, anzeigt. An der Neugestaltung des Raumes haben sich neben der ökumenischen Klinikseelsorge der Ausländerbeirat der Stadt Wetzlar und der Wetzlarer Interkulturelle Rat beteiligt.

Um die Rolle des Kreuzes in diesem Raum ist eine Diskussion entbrannt. „Das Kreuz ist mobil und kann während des muslimischen Gebets außerhalb des Raumes aufgestellt werden.“ So stand es am 24. Februar in der WNZ und ist es auch auf der Homepage der Lahn-Dill-Kliniken zu lesen (https://www.lahn-dill-kliniken.de/index.php?id=684&tx_ttnews%5Btt_news%5D=4166&cHash=914a4a7dde488940920fcfa176bd84d9).

Soll also das Kreuz „je nach Bedarf“ aus dem Raum entfernt werden können, wenn beispielsweise Muslime sich beim Gebet dadurch gestört fühlen? Oder sollte es als Zeichen gegenseitiger Achtung im Raum der Stille verbleiben?

Hans-Dieter Dörr, evangelischer Klinikumspfarrer dazu: „Der Andachtsraum hat schon lange ein Vortragekreuz, das nicht fest installiert ist.“ Solche Kreuze finden in der katholischen Kirche bei besonderen Gelegenheiten wie beispielsweise bei Prozessionen Verwendung. Dieses Vortragekreuz stehe nicht in Gebetsrichtung der Muslime, erläutert Dörr auf Nachfrage Es müsse daher nicht aus dem Raum entfernt werden. Dies habe auch kein Muslim verlangt, wie zum Teil gemutmaßt wird.

Und Peter Hermann, katholischer Klinikseelsorger, meint: „Wichtiger als religiöse Besonderheiten ist mir, dass Menschen verschiedener Religionen hier beten können. Ich verstehe mich als Anwalt aller Menschen hier in der Klinik.“

„Mich hat die Diskussion um unser Kreuz im Raum der Stille überrascht, zumal wir dieses Kreuz seit langem in Klinikum Wetzlar nutzen und es nie ein Thema war, dass es beweglich ist“, so Stefanie Mohr, Pressesprecherin der Lahn-Dill-Kliniken. „Für uns war es von Bedeutung, einen Raum zu schaffen, in dem sich Patienten, Besucher und Mitarbeiter aller Religionen wiederfinden und der interreligiös – auch als Begegnungsort – genutzt werden kann. Es war nicht unsere Intention die Angehörigen einer Religion zu verstimmen – uns war es wichtig  zu signalisieren, dass bei uns jede Form der Religion willkommen ist.“

Auch in der Neurologischen Klinik Braunfels gibt es  seit einiger Zeit einen Raum der Stille für Angehörige aller Religionen. Dort ist das Kreuz an der Wand fest gedübelt. „Das Kreuz muss hängen bleiben, das gehört zur Gastfreundschaft und zum gegenseitigen Respekt dazu“, ist Pfarrer Hans-Jörg Ott, evangelischer Klinikseelsorger, überzeugt. „Wir rollen als Christen auch keinen Gebetsteppich zusammen und tragen ihn hinaus.“

Das Kreuz ist das zentrale Zeichen des Christentums und steht für die Erlösung des Menschen von Leid, Schuld und Tod. Im christlichen Glauben werden Leid und Tod nicht verdrängt, behalten gleichzeitig aber auch nicht das letzte Wort. Das Kreuz steht dafür, dass Gott bei den Menschen ist, die schweres Leid erfahren. Es schließt die Hoffnung ein, dass Christus in seiner Auferstehung den Tod überwunden hat und dass es ein neues Leben bei Gott gibt.

bkl

Bild 1: Zum neu gestalteten Raum der Stille und dem darin befindlichen Kreuz äußern sich die Seelsorger (v.l.) Hans-Dieter Dörr und Peter Hermann.

Bild 2: Im Erdgeschoss des Wetzlarer Klinikums befindet sich der „Raum der Stille und des Gebets“ – mit einem mobilen Kreuz, das dort seit vielen Jahren verwendet wird.