Der digitale Klingelbeutel wird an Lahn und Dill skeptisch betrachtet

Bargeld oder Scheckkarte für die Spende in der Kirche?

Die Digitalisierung macht auch vor den Kirchen nicht Halt. In Berlin wurde vor kurzem ein digitaler Klingelbeutel vorgestellt. Statt Münzen am Sonntagmorgen im Gottesdienst in einen Beutel zu stecken, sollen die Kirchenbesucher künftig mit ihrer Scheckkarte spenden können. Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) und die Evangelische Bank haben damit den weltweit ersten „elektronischen Klingelbeutel“ vorgestellt, in den Gottesdienstbesucher sowohl bar wie auch digital spenden können.

Auch in den heimischen Kirchen wird Sonntag für Sonntag Bargeld gesammelt. Nach dem Gottesdienst beginnt das Zählen in der Sakristei und anschließend wird meist der Küster beauftragt, die Gelder zur Bank oder Sparkasse zu bringen. Das Einzahlen der Scheine ist bislang kostenlos möglich. Das Hartgeld aber wird pro Einzahlung mit 2,50 Euro für den einfachen Kunden berechnet. Die Evangelischen Kirchenkreise Wetzlar und Braunfels haben laut dem Leiter der Abteilung Finanzen und Wirtschaft beim Evangelischen Rentamt in Wetzlar, Jens Scholz, eine Vereinbarung getroffen, die pro Einzahlung 1,50 Euro ausmacht. „Dieser Betrag wird nicht von der Kollekte abgezogen“, so Scholz, sondern muss von den Gemeinden getragen werden. Bei den 50 Gemeinden in den beiden Kirchenkreisen macht das jährlich maximal 1.500 Euro aus. Um die Kosten einzugrenzen, hat das Rentamt die Kirchengemeinden angewiesen, das Geld nicht mehr wie früher üblich am folgenden Montag einzuzahlen sondern auf monatliche Einzahlungen umzusteigen. Das bedeutet, dass der Küster nicht mehr 52 Mal Bares bei der Bank abgibt sondern in der Regel nur noch zwölf Mal.

Für Küster Bodo Jaekel am Wetzlarer Dom ist der Service der Banken gegen Gebühr kein Problem. Immerhin könne er die Münzen bei der Sparkasse abgeben, die sie dann meist maschinell zählt und rollt.

Ist da der elektronische Klingelbeutel ein Ausweg? Pfarrer Björn Heymer von der evangelischen Kirchengemeinde Wetzlar ist da skeptisch. Zwei Presbyter geben im Gottesdienst im Dom Körbe durch die Reihen, während die Gemeinde ein Lied mit etwa vier Strophen singt. Die durch Ankündigung zur Spende aufgeforderten Gottesdienstbesucher kramen schnell ein paar Münzen oder Scheine aus ihrem Portemonnaie, stecken sie in den Korb und reichen diesen dem Nachbarn weiter. Das Einstecken der Scheckkarte in einen elektronischen Klingelbeutel erfordere viel mehr Zeit und sei in einem normalen Gottesdienst nicht zu machen.

Den Aufwand beim Hartgeld wertet Scholz nicht sehr hoch. In den Landgemeinden kämen meist nicht mehr als 30 Euro Hartgeld zusammen. Die 1.500 Euro Gebühren für die beiden Kirchenkreise seien zudem viel geringer als die Anschaffung von elektronischen Klingelbeuteln, die er mit mindestens 500 Euro bezifferte. Nimmt man diesen Betrag mal 50 oder auch mal 100 bei etwa 100 Gottesdienststätten und bedenkt, dass ein elektronischer Klingelbeutel pro Gottesdienst zu wenig ist, gehen die Anschaffungskosten in die Zehntausende.

„Der digitale Klingelbeutel ist ein zusätzliches Angebot zur Barspende“, erklärte EKBO-Konsistorialpräsident Jörg Antoine. „Der Umgang mit der Kollekte wird damit für die Gottesdienstbesucher wie für die Kirchengemeinden vereinfacht.“ Derzeit ist das Gerät noch in der Erprobungsphase. Bundesweit warten die Kirchen auf die Erfahrungen in Berlin. Mit dem Thema wird sich durchaus beschäftigt, „Aus unserer Sicht macht es Sinn, neue Dinge auszuprobieren, die teilweise kostenpflichtige Münzzählungen verringern, begrüßt Joachim Müller-Lange vom Landeskirchenamt in Düsseldorf die Einführung in Berlin. Zudem weist er darauf hin, dass die Evangelische Kirche im Rheinland vor einigen Jahren bereits die Online-Kollekte eingeführt habe. Wer am Onlinebanking teilnimmt, kann vom heimischen Computer aus über die Internetseite www.ekir.de/klingelbeutel einen Geldbetrag für den landeskirchlichen Kollektenzweck eines Sonntags überweisen. Ein Plus dieses digitalen Weges: Der Spender kann dafür eine Spendenbescheinigung erhalten und den Betrag bei der Einkommenssteuer geltend machten.
Pfarrer Heymer empfiehlt einen ähnlichen Weg – allerdings noch analog. „Wir haben jetzt seit zwei Jahren das Angebot, die Kollekte in einem namentlich gekennzeichneten Umschlag abzugeben, um dann eine Spendenbescheinigung zu bekommen . Wer Spenden steuerlich absetzen kann und regelmäßig zum Gottesdienst geht, kann so einen Teil mit der Steuererklärung zurückbekommen. Allerdings ist die Zahl derer, die das machen, weniger als fünf Personen, also noch durchaus ausbaufähig. Das mag daran liegen, dass Menschen die Mehrarbeit scheuen, als Geber lieber anonym bleiben wollen oder keine Steuererklärung abgeben“.

Dem Klingelbeutel geht die Kirchengemeinde Niederbiel aus dem Weg. Sie hat am Ausgang des Gotteshauses zwei Kästen, in die die Besucher wahlweise für die Kollekten der Landeskirche oder für die Arbeit der eigenen Gemeinde spenden können.

Sollte sich die europaweit entfachte Initiative zur Abschaffung des Kleingeldes durchsetzen, würde dies auch die Kirchen vor Herausforderungen stellen. Kirche wird sich über kurz oder lang wohl auf die neue digitale Zeit einrichten, auch wenn es noch dauert. Moderne Lieder brauchten auch ihre Zeit, um den neben den Gesangbuchliedern ihren Platz zu erobern oder auch moderne Gottesdienstformen Je mehr die digitale Bezahlweise sich im Alltag durchsetzt, umso mehr wird auch die Kirche diesem Trend folgen.

lr

Bild 1: Presbyterin Elke Häuser gibt einen Behälter durch die Reihen beim Gottesdienst im Dom.

Bild 2: Presbyterin Gisela Ormersbach aus Niederwetz mit dem Klingelbeutel heutiger Art. Der digitale Klingelbeutel in Berlin ist dieser Bauweise nachempfunden.