Wir danken Gott, dass es Sie gibt!

Ökumenischer Buß- und Versöhnungsgottesdienst im Dom.

Ein Gottesdienst, der nachwirkt: Zum Gedenken an 500 Jahre Reformation haben sich 280 evangelische und katholische Christen am dritten Passions-Sonntag im Wetzlarer Dom unter dem Leitwort „Erinnerung heilen – Jesus Christus bezeugen“ zusammengefunden, mit festlichem Einzug der beiden Dompfarrer Björn Heymer und Peter Kollas sowie von Liturgen und Ministranten unter Posaunenklang des Wetzlarer Bläserkreises.

Für die Evangelischen Kirchenkreise Braunfels und Wetzlar nahm Superintendent Roland Rust am Gottesdienst teil. Vorbild war der zentrale Buß- und Versöhnungsgottesdienst mit dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx und dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm am vergangenen Wochenende in Hildesheim. Im Gegensatz zu den Reformationsfeiern der letzten Jahrhunderte wollen Christen beider Konfessionen jetzt zeigen: Wir haben gemeinsame Wurzeln und verbindende Zukunftsaufgaben. Deutlich wurde das im Gottesdienst mit Worten und lebendigen Aktionen. „Wir wollen Gott um sein Erbarmen für das bitten, was wir einander angetan haben“, so der katholische Diakon Dr. Norbert Hark. „Und wir wollen ihm für das danken, was wir aneinander haben.“

Verletzungen und Abgrenzungen aus der Vergangenheit wie gegeneinander geführte Kriege oder die Gier nach Macht, aber auch die noch ausstehende Abendmahls-, beziehungsweise Eucharistiegemeinschaft kamen zur Sprache.

Ein auf dem Altar quer liegendes Kreuz erinnerte an Sperren an Grenzen und in Kriegen, an alles, was trennt. „Wir haben das Evangelium Christi verkehrt und zur Sperre zwischen Brüdern und Schwestern errichtet“, bekannte Pastor Ernst von der Recke, der Pfarrer Stephan Hünninger für die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) vertrat.  Demgegenüber gibt es vieles, was verbindet, wie die Dankbarkeit für das gemeinsame Bekenntnis zu Christus und die gegenseitige Anerkennung der Taufe.

Als Zeichen dafür richteten die Dompfarrer Peter Kollas und Björn Heymer die Sperre auf, die dadurch zum Kreuz als Zeichen der Erlösung wurde. Beide sprachen aus, was sie an der jeweils anderen Konfession besonders achten: Kollas nannte Impulse der Reformation wie die Wertschätzung der Heiligen Schrift, die verantwortungsvollen Entscheidungsprozesse in den Synoden und den Einsatz der Diakonie. Heymer bezeichnete die katholische Kirche als Nationen und Kulturen verbindende Weltkirche, hob die Liebe zur Liturgie und zu den Überlieferungen des Glaubens hervor. „Wir danken Gott, dass es Sie gibt“, sprachen beide Pfarrer der jeweils anderen Konfession zu.

Anschaulich wurde das auch in der Predigt zur Geschichte von der Begegnung der samaritanischen Frau am Jakobsbrunnen mit Jesus aus dem 4. Kapitel des Johannesevangeliums. Juden und Samaritaner hätten unterschiedliche Glaubensauffassungen gehabt, hieß es. Man sei sich aus dem Weg gegangen, habe Vorurteile auf beiden Seiten gepflegt. Wichtig sei jedoch stattdessen, einander mit Respekt zu begegnen und den Menschen zu sehen, wie Jesus es bei der Frau aus Samarien getan habe. „Glaubenserfahrung kann ich nicht nur in meiner Tradition machen, das kann ich auch beim Anderen finden“, sagte Kollas. Und Heymer ergänzte: „Die beiden Gemeinden am Dom sind füreinander eine Bereicherung.“

Mit dem Gang zum Taufbrunnen und dem Bezeichnen mit dem Kreuz hatten die Gottesdienstbesucher Gelegenheit, sich an ihre Taufe und damit an das zu erinnern, was katholische und evangelische Christen verbindet. Zuvor war bei einer Prozession durch die Kirche Wasser aus dem katholischen in den evangelischen Taufbrunnen gegossen worden.

Ökumene gab es auch bei der Musik: So hatten sich die Wetzlarer Kantorei, der Domchor und der Junge Ökumenische Chor unter Leitung der beiden Kantoren Dietrich Bräutigam und Horst Christill zu einem harmonischen Chor zusammengefunden.

Eine Selbstverpflichtung stand am Schluss des Gottesdienstes, denn: „Dieser Gottesdienst soll nicht folgenlos bleiben“, erklärte Pfarrer Kollas. So wollen evangelische und katholische Gemeinde einander aktiv unterstützen, beispielsweise bei Fragen der sozialen Gerechtigkeit, der Friedenssicherung und der Wahrung der Menschenrechte. „Dabei orientieren wir uns an der ‚Charta Oecumenica’“, sagte Christian Hammann, stellvertretender Vorsitzender des katholischen Pfarrgemeinderates. Die Charta ist ein von allen Kirchen Europas gemeinsam erarbeiteter, 2001 veröffentlichter Text mit dem Ziel, das ökumenische Miteinander zu intensivieren. Vor Entscheidungen zu strittigen ethischen Fragen beispielsweise soll der Dialog gesucht werden und konfessionsverbindende Ehen sollen Hilfestellung erhalten. „Im Vertrauen auf die Kraft des Heiligen Geistes verpflichten wir uns, weitere Schritte auf dem Weg zur sichtbaren Einheit der Kirchen zu gehen“, fasste der evangelische Kirchmeister Jens-Michael Wolf das Anliegen des Gottesdienstes zusammen, der mit dem gemeinsamen Segen beider Dompfarrer schloss.

Nach dem Gottesdienst trafen sich evangelische und katholische Christen im Evangelischen Gemeindehaus zum gemeinsamen Fastenessen.

 

Hintergrund Ökumene im Wetzlarer Dom:

Die Ökumene ist im Wetzlarer Dom schon seit der Reformationszeit angesagt: So feiern beide Konfessionen ihre Gottesdienste unter einem Dach. Der Dom ist damit eine von rund 70 sogenannten „Simultankirchen“ in Deutschland. Gab es bis 1945 noch einen sogenannten „Lettner“, der den Chor vom Kirchenschiff und damit die von Katholiken und evangelischer Gemeinde gefeierten Gottesdienste voneinander trennte, so ist dies seit 1945 anders: Eine englische Fliegerbombe zerstörte den Lettner, was zum Impuls dafür wurde, die Gottesdienste fortan am gemeinsamen Ort zu begehen. Wie der evangelische Dompfarrer Björn Heymer mitteilte, sind sein katholischer Kollege Peter Kollas und er seit Jahren im ständigen Gespräch darüber, wie das ökumenische Miteinander der beiden Kirchengemeinden mit Leben gefüllt werden kann. Der Entschluss, den von EKD und Deutscher Bischofskonferenz ausgehenden ökumenischen Buß- und Versöhnungsgottesdienst gemeinsam zu feiern, sei bereits vor anderthalb Jahren von Kollas und ihm gefasst worden.

bkl

 

Bild 1: Sichtbares Zeichen der Versöhnung: der katholische Pfarrer Peter Kollas und der evangelische Pfarrer Björn Heymer haben am Taufbrunnen gemeinsam ein Kreuz aufgerichtet, das zuvor als „Sperre“ quer auf dem Altar lag.

Bild 2: Evangelische und katholische Christen haben die Liturgie im Buß- und Versöhnungsgottesdienst gemeinsam vorbereitet und gestaltet (v.l.): Diakon Norbert Hark, Pfarrer Björn Heymer Pastor Ernst von der Recke, und Pfarrer Peter Kollas.

Bild 3: Der Wetzlarer Bläserkreis hatte den Gottesdienst mit Posaunenklängen eingeleitet.