Was heißt „Gnade“?

Ökumenischer Tag der Bildung zum Reformationsjubiläum:

„Die Beschäftigung mit der Gnade ist eine der großen Fragen, die weder ich noch Sie oder die Schüler lösen können“, sagte Mirjam Zimmermann beim Ökumenischen Tag der Bildung, gleichzeitig Propsteitag der Propstei Nord Nassau in der Konferenzhalle Herborn. Die Professorin für evangelische Religionspädagogik an der Universität Siegen verwies dabei auf biblische Geschichten wie die vom reichen Mann und armen Lazarus aus dem 16. Kapitel des Lukasevangeliums, die mit dem ewigen Gericht über den Reichen endet.

Im Gottesdienst vorher, der unter dem Leitwort „sola gratia – Ich muss erst mal gar nichts“ stand und auf das Reformationsjubiläum als Thema des Tages hinwies, hatte eine andere Sichtweise im Vordergrund gestanden. „Das Verhältnis zwischen Gottes Gnade und meinem Tun ist 100 Prozent zu Null“, hatte die Pröpstin von Nord Nassau, Annegret Puttkammer, dort sehr eindeutig erklärt. Während Wolfgang Rösch, Generalvikar des Bistums Limburg, von einer Erfahrung, die unverdient frei macht, gesprochen hatte, bezeichnete der Braunfelser Superintendent Roland Rust mit Verweis auf den Apostel Paulus die Gnade als „vorausgehendes Ja über das Leben“. Damit sei das Ende der Überforderung eingeläutet.

Mirjam Zimmermann führte vor rund 240 Pfarrern, Religionslehrern und weiteren Interessierten aus, dass der Begriff „Gnade“ als Leitprinzip der Religionspädagogik heute so gut wie keinen Anknüpfungspunkt mehr habe – weder im Lehrerkollegium noch in den Lehrplänen für den Religionsunterricht oder im aktiven Wortschatz kirchlich engagierter Jugendlicher. Die Rechtfertigungslehre gelte heutigen Menschen als schlecht vermittelbar. Als erprobte Möglichkeit, Gnade bei Schülern dennoch ins Spiel zu bringen, stellte die Referentin die Methode vor, biblische Gleichnisse bis zu einem bestimmten Punkt zu erzählen und die Schüler das Ende selbst schreiben zu lassen. „Sie lösen es immer gnädig auf“, sagte Zimmermann, die auch Tipps gab, was Schüler konkret tun können, um beispielsweise Kinderarbeit nicht durch das Verlangen nach Markenkleidung zu unterstützen.

Dr. Ruben Zimmermann, Professor für Neues Testament und Ethik an der Universität Mainz, hatte zuvor in seinem Vortrag die Bedeutung des Begriffes „Gnade“ im Neuen Testament in seinen unterschiedlichen Facetten in den Evangelien und bei Paulus herausgearbeitet. „Gnade“ sei mit „Wohlbehagen“ zu übersetzen, habe aber auch mit sozialem Wohlbefinden zu tun und sei daher ein Beziehungsgeschehen. „Es geht bei der Gnade auch um eine Aktivität des Menschen“, so der evangelische Theologe.

Den „Historiolog“ als eine Form, Kirchengeschichte lebendig werden zu lassen, stellte Pfarrer Dr. Reiner Braun, Lehrbeauftragter an der Universität Mainz, vor.Die Teilnehmenden schlüpften zum Thema „Gnade bei Luther“ in die historischen Rollen Luthers, seine Gürtels sowie  eines Söldners und teilten dabei ihre Gedanken und Gefühle zum Inhalt eines Briefes mit, den Luther an Melanchthon geschrieben hatte. Dr. Braun als Interviewer formulierte dabei jeweils die Antworten der Beteiligten mit eigenen Worten neu. Das Besondere daran: Die Wertschätzung, die so neben den historischen Quellen zugleich den Teilnehmenden entgegengebracht wird, hat auch eine seelsorgliche Dimension.

Wie man das Singspiel „Habe Mut! Martin Luther und die Suche nach Gott“ kreativ mit Kindern aufführen kann, zeigte der Kinderliederautor Reinhard Horn in einem der zehn Workshops am Nachmittag. Der Reformator hatte entdeckt, dass in der Bibel Gott als liebender Vater beschrieben wird. Die Teilnehmenden lasen und sangen in verteilten Rollen Luthers Weg aus der Angst nach und erfuhren gleichzeitig, dass man den Inhalt auch tanzen und pantomimisch nachvollziehen kann.

Jens Trocha, evangelischer Religionslehrer am Johanneum Gymnasium Herborn, stellte in seiner Gruppe einen „Lutherkoffer“ für den Unterricht vor. Dazu gehörten beispielweise eine Landkarte mit Lutherstätten, Gesellschaftsspiele zu Luther, Liederbücher und spezielle Arbeitsblätter für die Freiarbeit mit Schülern.

Den Versuch, etwas Gnädiges erlebbar zu machen,  machten Pfarrer Johannes Sell und Pfarrer Michael Lübeck  in sehr persönlicher Atmosphäre in ihrem Workshop „Gnädig mit mir selbst sein“. Dazu gehörte neben dem Aufschreiben und Erzählen eigener Belastungen auch der Austausch über Möglichkeiten zu kleinen „Auszeiten“  wie mit den Kindern zu spielen, zu wandern, in der Bibel zu lesen oder einfach mal mit sich selbst allein zu sein. Ein auf dem Boden ausgelegtes Labyrinth bot Gelegenheit, es nachzuschreiten und dabei immer die Mitte im Blick zu haben.

Zum Lachen brachte anschließend Kabarettist Fabian Vogt sein Publikum mit Beiträgen und Liedern zum Reformationsthema.

Durch den Tag führten Beate Mayerle-Jarmer, Studienleiterin für Katholische Religionspädagogik im Bistum Limburg, Michael Lübeck, Schulreferent der Evangelischen Kirchenkreise Braunfels und Wetzlar sowie Matthias Ullrich, Studienleiter im Religionspädagogischen Institut der EKHN und der EKKW in Marburg. Am Flügel begleitete Propsteikantorin Petra Denker die Gottesdienstgemeinde.

bkl

Bild 1: Rund 240 Pfarrerinen und Pfarrer, Religionslehrerinnen und Religionslehrer und weitere Interessierte hatten sich zum Ökumenischen Tag der Religionspädagogik, gleichzeitig Propsteitag der Propstei Nord Nassau, in der Konferenzhalle Herborn versammelt.

Bild 2 : Mit einem originellen Einstieg zur „Geschichte der Zauberei“ bei Harry Potter hatte Dr. Reiner Braun seinen „Historiolog“ zur Gnade bei Luther begonnen.

Bild 3: Religionslehrer Jens Trocha präsentierte in seinem Workshop Materialien aus einem „Lutherkoffer“.

Bild 4: Fabian Vogt erhielt für sein einfallsreiches Kabarett großen Applaus.

Bild 5: Die Moderatoren des Tages (v.l.): Pröpstin Annegret Puttkammen, Studienleiter Matthias Ulrich, Studienleiterin Beate Mayerle-Jarmer und Schulreferent Michael Lübeck.