Sternstunde im Kirchenkreis Wetzlar

25 Jahre Partnerschaft: Evangelischer Kirchenkreis Wetzlar und Orthodoxe Metropolie  Tambow:

„Ich kann mir kaum vorstellen, dass eine Synode in diesen unruhigen politischen Zeiten eine Partnerschaft mit einer orthodoxen Diözese in Russland beschließt“, sagt Ursula Küppers, die Stellvertretende Vorsitzende des Osteuropa-Ausschusses im Evangelischen Kirchenkreis Wetzlar. Vor 25 Jahren, am 30. Oktober 1992, war das jedoch so. Einstimmig wurde der Beschluss gefasst, und die evangelische Kirchenzeitschrift „DER WEG“ (48/1992) sprach damals von einer „Sternstunde“.

Nun gehörte das zu der Zeit auch nicht einfach zum Alltagsgeschehen! Die Erinnerung an die Zeit des Kalten Krieges, persönliche Erlebnisse von Geflüchteten standen beinahe unüberwindlich im Raum, das Misstrauen gegenüber ‚“den Russen“ saß tief. „Wie viel Überzeugungsarbeit in Konventen, auf Synoden, in Einzelgesprächen musste ich leisten, damit dieses Ergebnis zustande kam“, so Pfarrer i.R. Udo Küppers, Vorsitzender des Ausschusses. „Das Erstaunliche“, so fährt er fort, „war jedoch die Reaktion ehemaliger Kriegsteilnehmer, die über einer solchen Partnerschaft die Sprache über Erlebtes und Erlittenes wiederfanden.“

Und so war es vielleicht auch nicht verwunderlich, dass der zum selben Datum ins Leben gerufene Osteuropa Ausschuss für viele Jahre einer der Ausschüsse mit der höchsten Mitgliederzahl im Kirchenkreis wurde und ein Forum für Zukunft und Vergangenheit. Frieden, Verständigung und Versöhnung mit den Völkern der Sowjetunion standen ganz oben auf der Agenda.

„Bringt doch mal einen Antrag auf Partnerschaft mit der Tambower Eparchie (Kirchengebiet) ein“, so der damalige Superintendent Rainer Kunick. Er war beeindruckt von der durch die  Ehepaare Udo und Ursula Küppers und Walter und Doris Ebertz zwei Jahre zuvor ins Leben gerufenen Russlandhilfe. Humanitäre Hilfe wurde über diese von der Heilig-Geist-Kirchengemeinde Dalheim verantworteten Organisation bis 2002 nach Moskau, St. Petersburg, Orel und auf die Solovetzki-Inseln gebracht, 24 Großtransporte im Wert von 5,9 Millionen DM. Bereits der vierte Transport am 25. Januar 1991 ging dank der Vermittlung des Vertreters des Moskauer Patriarchates, Erzbischof Longin in Düsseldorf, nach Tambow. Rolf Schwarz aus Naunheim war dabei, als das THW Hessen-Solms am 25. Juni 1991 den zweiten Transport nach Tambow fuhr. Er brachte auch die ersten Fotos nach Wetzlar. Küster Peter Sinkel (Wetzlar) begleitete einen Transport des THW Wiesbaden am 11. Februar 1992 nach Tambow. Zeitgleich besuchten Udo und Ursula Küppers die zentralrussische Stadt, von der ja bislang keiner wusste, wo sie auf der russischen Landkarte überhaupt zu finden war. Im digitalen Zeitalter kaum vorstellbar. „Hätten wir nicht bereits seit Mitte der 80er Jahre immer wieder Reisen in die verschiedenen Sowjetrepubliken gemacht, die Landessprache gelernt und die Veränderungen im Land durch Glasnost und Perestroika  miterleben können“,  so Ehepaar Küppers, „wir wären schlichtweg überfordert gewesen.“ Beeindruckt waren beide von Land und Leuten, der Gastfreundschaft, der Offenheit und Herzlichkeit, dem absoluten Vertrauen gegenüber den Deutschen, die ihr Land mit einem verheerenden Krieg überzogen hatten.

„Nun hatten wir auch das Glück, auf Menschen in der Kirche, allen voran Bischof Evgenij, zu treffen, die nur einen Herzenswunsch hatten: die Sprachlosigkeit zwischen unseren Völkern zu überwinden.“ Und so folgte dem Besuch von Superintendent Rainer Kunick am 8. Februar 1993 der des Tambower Bischofs am 29.September nach Wetzlar. Der Weg war frei für ungezählte Begegnungen und Projekte.

Für Ursula und Udo Küppers war eines von Anfang an klar: die Chance, Brücken zwischen West und Ost zu bauen, durfte nicht allein Sache der Kirche bleiben. Vertreter aus kulturellen, sozialen und staatlichen Einrichtungen waren an Kontakten interessiert. Geblieben bis heute sind die partnerschaftlichen Verbindungen des Wetzlarer Kammerorchesters, der Goethe-Gesellschaft Wetzlar und des CVJM Wetzlar. Nicht zu vergessen die vielen persönlichen Freundschaften, die häufig zu Eheschließungen führten.

Tatkräftige Unterstützung erfuhren deutsch-russische Projekte auch von Seiten der Stadt Wetzlar. Bei der Internationalen sozial-diakonischen Konferenz in Tambow, bei Veranstaltungen der Evangelischen Kirche im Rheinland anlässlich der Eröffnung der Spendenaktion „Hoffnung für Osteuropa“, beim „Runden Tisch Religionsunterricht“ in Tambow, beim Projekt „Juristische Beratung“ junger Behinderter im Tambower Gebiet, das durch die Aktion Mensch finanziert wurde.

25 Jahre Partnerschaft, das sind 69 Begegnungen zwischen Pfarrern und Priestern, kirchlichen Mitarbeitern, Chören, Ärzten, Behinderten, Künstlern, 25 Jugendbegegnungen, neun Projektbegegnungen im Rahmen der Juristischen Beratung von Behinderten, sieben Freiwillige Friedensdienstler in Tambow, Förderung einer Stipendiatin durch die Evangelische Kirche in Deutschland und die Förderung des Praktikums einer Tambower Studentin bei der Lebenshilfe Wetzlar.

„Es gibt im Leben Momente, da werden einem ungeahnte Aufgaben vor die Füße gelegt“, resümiert Ernst Udo Küppers. „Meine Frau und ich begriffen intuitiv, dass wir diese Chance ergreifen mussten, ohne auch nur im Entferntesten zu ahnen, was da langfristig auf uns zukam.  Darum können wir heute von einer Gnadenzeit sprechen. Wie die Partnerschaft in Zukunft aussehen sollte? In unserer Kirche verändert sich vieles, und auch in Tambow und der Orthodoxen Kirche hat es große Umwälzungen gegeben. Die jährlichen deutsch-russischen Jugendbegegnungen sind ein hoffnungsvolles Zeichen. Und dass die Rolle Europas im Zusammenhang von kirchlichen Partnerschaften eine immer wesentlichere Rolle spielen muss, ist für uns selbstverständlich. Immerhin haben sich die Kirchen ja bereits 2001 mit der Charta Oecumenica in ihren Leitlinien dazu verpflichtet.“

 

Anlässlich des 25-jährigen Jubiläums der Partnerschaft wird Michail Nikolskij, Professor für Kunst und Design an der Dershawin Universität Tambow, nach Wetzlar kommen und westlichen Besuchern in der Unteren Stadtkirche einen Zugang zu den Glaubensbildern der Ostkirche ermöglichen. „Gottes Angesicht suchen – Christusdarstellungen in der gegenwärtigen russischen Ikonografie“ lautet der Titel der zehn Tage währenden Ausstellung, die am 8. November um 18 Uhr von Superintendent Jörg Süß eröffnet wird. Bei der „Langen Nacht der Kirchen“ am 17. November, 21 Uhr, berichtet der Künstler aus seiner Tambower Werkstatt und bietet am 18. November von 11 bis 15 Uhr einen Workshop zur Gestaltung von Ikonen an. Jeweils 15 Minuten vor Schluss der Öffnungszeiten in der Unteren Stadtkirche (werktags 15.30 bis 18 Uhr, Samstag, 11. November, 11 bis 13 Uhr, Sonntag, 12. November, 12 bis 14 Uhr, Samstag, 18. November, 11 bis 15 Uhr) laden Osteuropa-Ausschuss und Arbeitskreis Frieden zum Gebet ein, in dessen Mittelpunkt eine Ikone steht.

Führungen für Gemeindegruppen und weitere Informationen gibt es bei Ehepaar Ursula und Ernst Udo Küppers unter Tel. 06404 – 2054685 oder bei Ernst von der Recke, Tel. 06445 – 5560.

Ursula Küppers/bkl

 

Der in diesem Jahr verstorbene ehemalige Öffentlichkeitsbeauftragte Pfarrer Karl Oskar Henning schreibt in „DER WEG“, Ausgabe 48/1992 unter der Überschrift „Eine Sternstunde“:

Die Entscheidung der Wetzlarer Kreissynode, die bisherigen Kontakte zur russisch-orthodoxen Eparchie (Kirchenkreis) in Tambow in eine feste Partnerschaft umzuwandeln, fiel in eine Sternstunde. Dass es ohne Komplikationen dazu kam, hat der Kirchenkreis Wetzlar im Wesentlichen den zielstrebigen Russlandkontakten des Wetzlarer Pfarrers Ernst Udo Küppers zu verdanken. Als sich vor drei Jahren in der ehemaligen Sowjetunion ein Versorgungsnotstand abzeichnete, gründeten Küppers und seine Ehefrau Ursula zusammen mit dem Wetzlarer Ehepaar Walter und Doris Ebertz die Wetzlarer Russlandhilfe. Etliche Tonnen mit Lebensmitteln, Kleidung und Arzneimitteln gingen seither nach Russland. Küppers arbeitete von Anfang an darauf hin, die Wetzlarer Hilfsgüter über die russisch-orthodoxe Kirche an die Hilfsbedürftigen gelangen zu lassen. Gleichzeitig sorgte er durch Reisen und Brieffreundschaften für zahlreiche persönliche Kontakte zur russisch-orthodoxen Kirche und deren Gemeindeglieder. Dieser Weg hat sich bewährt. Die Hilfsgüter erreichten sicher ihre Empfänger, die geistlichen Fundamente der Hilfsaktion erweisen sich als tragfähig. Was lag näher, als jetzt mit der russisch-orthodoxen Eparchie in Tambow eine feste Partnerschaft einzugehen? Dem Kirchenkreis Wetzlar wird damit verstärkt Zugang zu einer Ostkirche verschafft, deren Frömmigkeit- und Glaubensstil westlichen Kirchengemeinden gut tun wird.

 

Bild 1: Gäste aus Tambow kamen mit Bischof Evgenij Anfang Oktober 1993 nach Wetzlar, hier mit Ehepaar Küppers (li) vor dem Dalheimer Pfarrhaus.

Bild 2: Der Bischof aus Tambow trug sich im Oktober 1993 im Beisein von Oberbürgermeister Walter Froneberg in das Goldene Buch der Stadt Wetzlar ein.

Bild 3: Die deutsch-russische Partnerschaftsurkunde wurde im Wetzlarer Rentamt durch Superintendent Rainer Kunick (Mitte), Bischof Evgenij (2.v.l.) und Pfarrer Ernst Udo Küppers (2.v.r.) unterzeichnet.