Scherzanrufe Jugendlicher verhindern Gespräche mit Hilfesuchenden

TelefonSeelsorge und Kinder- und Jugendtelefon haben ähnliche Erfahrungen:

Das Kinder- und Jugendtelefon in Gießen und auch die ökumenische TelefonSeelsorge Gießen-Wetzlar sind eigentlich dafür eingerichtet, um Menschen in Problemlagen zu helfen. Vor allem junge Leute nutzen die Telefonnummern für Scherzanrufe.
Das Kinder- und Jugendtelefon des Vereins Eltern helfen Eltern e.V. hat im vergangenen Jahr 5.368 Anrufe erhalten. 2019 mal führten diese Anrufe zu Beratungsgesprächen. Die weitaus höhere Zahl von über 3000 Gesprächen erwies sich als alternative Kontaktversuche, Aufleger und Schweigeanrufe, mit denen sich die 20 Mitarbeiter beschäftigen müssen. Darauf hat die Referentin Anja Müller bei einem Vortrag vor Mitarbeitern der TelefonSeelsorge Gießen-Wetzlar hingewiesen. Frau Müller hat in den Jahren 2015/2016 die Ausbildung beim Verein Eltern helfen Eltern absolviert und ist derzeit im Rahmen ihres Studiums der Erziehungswissenschaft für zwei Monate als Praktikantin am Kinder- und Jugendtelefon.
Sie plädierte dafür, die Scherzanrufe nicht ärgerlich abzutun. Oftmals steckten echte Fragen hinter den vordergründig verbalen Attacken. Hier gelte es, den Anrufer in ein gutes Gespräch zu führen. Müller berichtete von provokanten Anrufen, bei denen Jugendliche sexuelle Fantasien äußerten und die bis hin zu sexueller Belästigung führten. Das Thema Sexualität beschäftige junge Menschen nun einmal stark und es könnten durchaus Probleme oder Fragen hinter den Anrufen stecken, die der pubertierende Jugendliche anders nicht aussprechen könne. Oftmals hätten sie niemanden in ihrer Umgebung, mit dem sie darüber sprechen könnten. Mancher Frage sei der frühe Konsum von Internetpornografie durch Kinder und Jugendliche anzumerken.

Nicht ärgerlich aufzulegen, sondern ernsthaft auf das Gesagte einzugehen, signalisiere, dass die Mitarbeiter bei wirklichen Schwierigkeiten kompetente Ansprechpartner sind. Die Jugendlichen sollten sich angenommen und akzeptiert fühlen, so dass sie bei einem echten Problem tatsächlich anrufen. Vor allem männliche Berater erleben, dass aufgelegt wird, sobald sie sich melden. Wer auflegt und warum aufgelegt wird, kann nur vermutet werden. Die Anrufe am Kinder- und Jugendtelefon werden vorwiegend von Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen sieben und 18 Jahren getätigt. 60 Prozent davon sind Jungen. Müller führte aus, junge Leute wollten sich ausprobieren, würden den Anruf als Mutprobe verstehen oder einfach als Spaß.
Einige erlebten im Alltag Gefühle der Ohnmacht und Scheitern in der Schule. Beim Anruf am Kinder- und Jugendtelefon könnten sie andere ihre Ohnmacht spüren lassen. Manche wollten erleben, dass sie etwas bewirken, selbst wenn sie nur Ärger erzeugen. Andere möchte ihre Aggressionen weitergeben oder sich für negative Erlebnisse mit Erwachsenen rächen. Ihre Rache übten sie möglicherweise in Einzelfällen stellvertretend an den Beratern aus.

Doch am Beratungstelefon kommen auch schwere Themen zur Sprache. Im vergangenen Jahr ging es bei 58 Anrufen in Gießen um sexuellen Missbrauch.Von den Anrufern gibt es auch Berichte über körperliche und häusliche Gewalt.

Anders als die TelefonSeelsorge, die rund um die Uhr Dienst tut, ist das Kinder- und Jugendtelefon von Montag bis Samstag in der Zeit von 14 bis 20 Uhr erreichbar. Samstags sitzen Jugendliche ab 16 Jahren am Telefon. 50 Prozent der Gespräche dauerten durchschnittlich nicht länger als fünf Minuten. Diese Statistik komme nicht nur durch die hohe Zahl der Scherz- und Testanrufe zustande. Allerdings sei bei manchen Inszenierungen nicht sofort zu erkennen, dass es nicht um ein echtes Problem gehe. Müller warnte davor zu erwarten, dass aus jedem Scherzanruf ein ernsthaftes Gespräch werden könnte.

Den hohen Anteil der Scherzanrufen hat die TelefonSeelsorge nicht, da sich vor allem Erwachsene unter den Nummern 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 melden. Das waren im vergangenen Jahr 11.500 Gespräche, so Pastoralreferent Gerhard Schlett. Etwa knapp 500 Gespräche haben mit Jugendlichen im Alter zwischen 10 und 19 Jahren stattgefunden, im Jahr 2015 waren es noch 650 Anrufe Jugendlicher.

Die ehrenamtlichen Mitarbeiter zeigten sich dankbar für die Erläuterungen und das Hintergrundwissen. Dies helfe ihr, mit den für sie zunächst nicht verstehbaren Verhaltensweisen und Reaktionen einiger jugendlicher Anrufern anders umzugehen. Sie möchte mehr versuchen, Gesprächsbrücken zu bauen, so eine Teilnehmerin.

Am Mittwoch, 8. November, um 19.30 Uhr veranstaltet die TelefonSeelsorge einen Informationsabend für interessierte Ehrenamtliche im Martinshof Gießen (Liebigstraße 20). Ende Januar beginnt ein neuer Ausbildungskurs. Kontakttelefon 0641 33009.

lr

Pastoralreferent Gerhard Schlett von der TelefonSeelsorge und Anja Müller vom Kinder- und Jugendtelefon.