Gott ist bei denen, die Leid tragen müssen

Nikolaus Schneider, Anne Schneider und Johannes Röser diskutieren im Dom:

Prominenz vor Karfreitag und Ostern im Wetzlarer Dom: Nikolaus Schneider, ehemaliger EKD-Ratsvorsitzender und rheinischer Präses in Ruhe, die pensionierte Mathematik- und Religionslehrerin Anne Schneider sowie Johannes Röser, seit 1995 Chefredakteur der katholisch-reformorientierten Wochenzeitschrift „Christ in der Gegenwart“ haben sich über Kreuz, Tod und Auferstehung unterhalten.

Um den Kern des christlichen Glaubens ging es also in der theologisch anspruchsvollen und gleichzeitig sehr persönlichen Diskussion vor rund 70 Zuhörern, veranstaltet von der Katholischen Erwachsenenbildung Diözesanbildungswerk Limburg in Kooperation mit der Evangelischen Kirchengemeinde Wetzlar.

Ausgangspunkt war das sogenannte „Apostolische Glaubenskenntnis“, an jedem Sonntag im Gottesdienst von der Gemeinde gesprochen, und jetzt im Dom von Meinhard Schmidt-Degenhard vorgetragen. Der bekannte Fernsehmoderator und Autor, der freiberuflich als Moderator, Coach und Interviewtrainer tätig ist, machte gleich zu Anfang klar, dass Gegenstand dieser Podiumsdiskussion nicht die Kirche, sondern der Gaube sei. Dass man fragen müsse, ob der Glaube erodiere, also kaputt gehe, und ob Gott die genialste Erfindung des Menschen oder der Mensch die genialste Erfindung Gottes sei.

Ob sie das Glaubenskenntnis so unterschreiben können? wollte Schmidt-Degenhard von den drei Theologen wissen und erhielt zum Teil unterschiedliche Antworten. Röser hat mit der Jungfrauengeburt und der Allmacht Gottes Probleme. Letzteres sieht auch Nikolaus Schneider so: „Für mich ist die Frage, wie Gottes Allmacht mit allem, was Menschen Schreckliches erleben, zusammenzudenken ist.“ Anne Schneider dagegen findet es „genial“, dass das Glaubensbekenntnis sie mit Menschen verbindet, die vor ihr gelebt haben oder in anderen Kontinenten oder mit Menschen, mit denen sie im Gottesdienst sitzt. Was Jesus für ihren Glauben bedeutet, lasse sich allerdings nicht in einem Satz sagen, erklärte die Frau des ehemaligen Ratsvorsitzenden. „Ich verstehe unter Glaube eine Beziehung zu Gott, der selbst eine Beziehung zu mir aufgebaut hat.“ Dass Gott als Schöpfer nicht nur bezogen auf Vergangenes wahrgenommen werden kann, forderte der katholische Theologe Röser: „Schöpfung geschieht in Gegenwart und Zukunft, denn pro Sekunde entstehen 30.000 Sterne.“ So sei die Schöpfung ein Prozess, in dem auch Gott gedacht werden müsse. Antworten auf die Frage nach Gott heute seien in der Kunst, in der Literatur und in der Musik zu finden. Aber auch im Brotbrechen, eben in allem, was mit der Sinnlichkeit zu tun habe. Und Anne Schneider ergänzte: „Gott erfahren wir auch im Tun des Gerechten und Barmherzigen. Er begegnet uns in jedem Menschen, der unsere Hilfe braucht.“

Zur Frage nach dem Sterben und nach dem Leben, die an Karfreitag und Ostern elementar wird, gab es sehr persönliche Erfahrungen: „Wer als Mann eine Geburt miterlebt, der erlebt in diesem Augenblick die Schöpfung aus dem Nichts“, erklärte Johannes Röser. Hier stelle sich die Frage, ob es möglich sei, dass ein Leben, das aus dieser Schöpfung hervorgehe, wirklich wieder im Nichts verschwinden könne. Auferstehung sei daher etwas, das von innen komme. Dass es beim Glauben nicht um theologische Einzelfragen geht, sondern um die eigene Existenz, kann auch Anne Schneider bestätigen: „Ich habe zwei Jahre mit meiner Tochter auf der Krebsstation gelebt“, erzählte sie über ihre mit 22 Jahren verstorbene Tochter Meike. Dabei habe sie als Mutter erfahren, dass Gott mit seiner Liebe bei denen sei, die Leid tragen müssten. „Karfreitag ist am Ostersonntag noch erkennbar“, so Nikolaus Schneider zur Bedeutung dieses Feiertages. „Der Gott, der Tod und Elend kennt und uns damit nicht allein lässt, ist der Gott, der uns zum Leben führt.“

Zur Frage, ob der Glaube eine Zukunft hat oder ob seine Erosion voranschreitet, hofft Anne Schneider, dass die Menschen zuversichtlich leben und sterben können, dass sie beziehungsfähig untereinander werden und zu Gott. Altpräses Nikolaus Schneider erwartet eine Zeit, in der sich der Glaube wieder verfestigen kann. „Ich hoffe, dass wir den Heiligen Geist als den rechten Zeitgeist so zur Sprache bringen können, dass er Menschen erreicht.“ Auch Chefredakteur Röser sieht es positiv: „Die Religion unserer Zeit ist der ‚Etwaismus’. Das bedeutet ‚Etwas Höheres muss es geben’“. Das sei keine schlechte Voraussetzung für die Erneuerung des Christseins.

Und was ist die Botschaft der Karwoche heute? Nikolaus Schneider: „Zum Leben auf dieser Welt gehört das Leid. Es ist begrenzt. Aber es ist voller Hoffnung!“

Begrüßt hatten Dompfarrer Björn Heymer und Johannes Oberbandscheid, Leiter der Erwachsenenbildung des Bistums Limburg, die Anwesenden.

bkl

Engagierte Diskussionsrunde zu Kreuz und Auferstehung im Dom (v.l.): Nikolaus Schneider, Anne Schneider, Johannes Röser und Meinhard Schmidt-Degenhard.