Andacht

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Unser Wort zum Sonntag für Sie zusammengestellt.

Wort zum Sonntag

Heile du mich, HERR, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen. (Jeremia 17,14)

 

Liebe Leserinnen und Leser!

Pressekonferenz in einer US-amerikanischen Kleinstadt. Ein Hurrikan hat viele Bewohner schwer getroffen. Der Bürgermeister wird vor laufenden Kameras gefragt, was er angesichts der Zerstörungen für seine Stadt tun könne. Hilft da nicht nur noch beten? Seine Antwort, die landesweit ausgestrahlt wurde, beeindruckt mich. Mit fester Stimme sagt er: „Das Gebet ist nicht unsere letzte Möglichkeit, sondern immer unsere erste Tat.“ Wir neigen dazu das Gebet als letzten Ausweg zu sehen, aber Gott möchte, dass es unsere erste Bewegung hin zu ihm ist. Wir beten, wenn wir nichts anderes mehr tun können, aber Gott möchte, dass wir beten bevor wir überhaupt etwas tun!

Er hat Recht: Das Gebet ist uns von Gott nicht nur als Notnagel in Krisensituationen gegeben, sondern als tägliche Kraftquelle im Gespräch mit ihm, unserem himmlischem Vater.

Der Prophet Jeremia kann uns mit seinem Beten ein Vorbild sein. Er betet: „Heile du mich, HERR, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen.“ Er weiß: Bleibende Hilfe im Leben und im Sterben kann nur von Gott kommen!

An Hilfe mangelt es uns in Deutschland eigentlich nicht. Hilfe wird uns heute an jeder Ecke angeboten. Medizinische Hilfe kommt vom Arzt, finanzielle Hilfe leisten staatliche Ämter, Beratungsstellen helfen in besonderen Lebenssituationen, der Pflegedienst kommt direkt ins Haus. Für viele Probleme haben wir in Deutschland also spezielle „Anlaufstellen“.

Es gibt aber eine zentrale, letztgültige Anlaufstelle für alle Dinge; eine, die 365 Tage im Jahr und 24 Stunden am Tag für sie ein offenes Ohr hat: Jesus Christus ist der Sohn Gottes, der uns aus unseren Sünden und dem ewigen Tod heraus hilft. Wer ihn zum Herrn hat, dem ist wirklich geholfen. Christus wird ihn niemals fallenlassen. Weder in Krankheit noch in Armut; weder in Lebenskrisen noch im Alter. Und schon gar nicht im Tod. Er ist Hilfe und Heil. Er ist die beste Anlaufstelle, die wir aufsuchen können und sollte immer unsere erste sein. Suchen wir also Gottes Hilfe und warten wir nicht damit, bis es uns wirklich dreckig geht. „Heile du mich, HERR, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen.“

Pfarrer Sebastian Anwand, Evangelisch-Lutherische St. Paulsgemeinde Allendorf/Ulm

„Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ (Markus 9, 24)

So der verzweifelte Schrei des Vaters, der seinen epileptischen Jungen zu Jesus und seinen Jüngern bringt und Heilung für ihn erhofft.

Für mich ist dieser Vater mit seinem Gebetsruf ein Vorbild und Beispiel für den Glauben.

Beides gehört zusammen, ist kein Widerspruch: Zweifel und Unglauben gehören dazu. Immer wieder begegne ich Menschen, die ihren Zweifel an den gütigen und liebenden Gott zum Ausdruck bringen. Kranke und Angehörige, die mich fragen, warum Gott das zulässt, dass Ihnen so viel Schweres und Schlimmes widerfährt.

Eine Patientin gibt mir Einblick in ihre Lebensgeschichte. Als Resümee hält sie fest: Ich habe meinen Glauben verloren.

Der Glaube ist etwas Seltsames. Man kann ihn verlieren und finden. Aber er ist kein Ding. Ich kann ihn nicht festhalten oder haben wie andere Dinge.

Ich kann es nicht machen, dass ich glaube. Daran erinnert mich besonders die Zeit des Reformationsjubiläums. Denn das war das Anliegen der Reformatoren, vor allem Martin Luthers. Er erkannte: Glaube ist ein Geschenk. Eine Gabe. Allein aus Gnade sagt mir Gott sein Ja in Jesus Christus zu. Diese Zuwendung Gottes begreife ich durch den Glauben. Luther spitzt es sogar noch zu. Allein durch den Glauben. Sola fide.

Glaube ist eine Herzensangelegenheit. Glaube ist Vertrauen. Dieses Vertrauen ist nicht irgendein Ausschnitt meines Lebens. Kein Teilaspekt. Dieses Vertrauen umfasst alles. Ich lege mein Leben in Gottes Hand. Ganz und gar.

Deshalb ist dieser Vater mit seinem Gebetsruf ein Vorbild. Ich kann die Fragen und Zweifel, die keine Antwort finden, im Gebet vor Gott bringen.

So kann sein Bittruf auch der Anfang eines Gebets werden.

Ich glaube, hilf meinem Unglauben.

Ich vertraue dem Licht, hilf mir in dunklen Erfahrungen.

Ich mache mutig den nächsten Schritt, überwinde mit mir die Angst vor dem Morgen.

Ich spüre Grund unter meinen Füßen, aber ich schwanke manchmal hin und her.

Ich liebe das Leben, lass mich das spüren, auch wenn ich dem Tod begegne.

Ich möchte, dass mein Herz Ruhe in dir findet, auch wenn ich nicht immer weiß, wohin mit mir und mit dir.

Im Glauben und im Unglauben bist du nahe bei mir.

Ich glaube, hilf meinem Unglauben.

Formulieren Sie doch einfach weitere Bitten, die beides zum Ausdruck bringen.

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, evangelischer Seelsorger im Klinikum Wetzlar

 

 

Vor 500 Jahren gingen hierzulande Menschen aufeinander los. Der Grund: Christen warfen sich gegenseitig ketzerische Glaubenshaltungen vor.

Zwar schrieben sich Katholiken wie Protestanten das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe hoch an die Fahne, aber am Ende zählten nicht Worte, sondern Taten, und diese waren grausam. Je grausamer, umso besser, nach dem Motto: Der beste Gegner ist ein toter Gegner. Die Spaltung und eine lange Feindschaft waren die Folge. Der eigentliche Sinn von Religion, Menschen zu Gott und zueinander zu führen, blieb unerfüllt. Doch nicht nur Religionen, auch Ideologien treiben Menschen aus-, beziehungsweise gegeneinander.

Die Teilung unserer Nation in Ost und West – in Gut und Böse, hatte ebenso fatale Folgen. Mauern und verminte Grenzzonen, gegenseitige Beschuldigungen und Hetze spalteten erneut die Nation. Die alte wie die jüngste Geschichte haben deutlich gezeigt, dass das Handeln nach dem Motto „einander auf die Fresse hauen“ keinen Frieden nach sich zieht, sondern vielmehr die schon bestehenden Gräben noch vertieft.

Groß war die Freude, als vor 28 Jahren die Mauer fiel. Doch spätestens nach der letzten Bundestagswahl zeigte sich, wie viele unsichtbaren Mauern und Zäune in den Köpfen und Herzen zahlreicher Menschen bis heute geblieben sind und wie wenig die Menschen aus der Geschichte gelernt haben. Es ist mit Sicherheit keine Alternative, weder für Deutschland, noch für irgendein anderes Land, mit dem alten separatistischen Gedankengut den Menschen eine bessere Zukunft zu versprechen. Eine neue Spaltung ist die Folge.

Ich wünsche allen gut gesinnten Menschen, unabhängig von Religion und Herkunft die folgenden Zeilen von Eva Rechlin auf und dann auch in sich wirken zu lassen:

„Der Frieden wächst, wie Rosen blüh‘n, so bunt, so schön und still, er fängt bei uns zu Hause an, bei jedem, der ihn will. Man braucht zum Frieden Fantasie und Liebe und Verstand, und wo es was zu heilen gibt: da braucht man jede Hand.“

Janusz Sojka, katholischer Diakon 

Seit einigen Wochen stößt es mir negativ auf: Die Sommerferien sind gerade erst vorbei, da findet man schon in den ersten Kaufhäusern Lebkuchen und Dominosteine in den Auslagen. – Muss das sein? So früh!

Wir haben vermeintlich gar keine Zeit mehr, in Ruhe durch das Leben zu gehen, stattdessen müssen wir von einem Angebot zum nächsten springen. Gerade sind die Sommerferien vorbei, hüpfen wir mit einem Zwischensprung über Wiesenknaller und Halloween – nicht etwa Reformationsgedenken oder Allerheiligen – auf die Weihnachtszeit mit dem Verwöhnaroma zu; von dort geht es direkt Richtung Schokoostereier, um sich dann wieder auf die Sommerzeit einzustimmen.

Einstimmen kann ich mich aber nur, wenn ich langsam die Übergänge von einer Zeit in die nächste erlebe. Schon 1909 schrieb Arnold van Gennep das berühmte Werk „Übergangsriten“, die es braucht, um die verschiedenen Lebensstadien bewusst und gut zu bestehen.

Ich meine, der Herbst ist ein solcher Übergangsritus – das sieht man an den Veränderungen in der Natur – die Felder sind abgeerntet, das Obst ist gepflückt, nach und nach verfärben sich die Wälder in bunte Töne.

Diese Übergangszeit ist dazu geeignet, auf das bisherige Jahr zurückzuschauen, vielleicht den Sommerurlaub noch mal Revue passieren zu lassen; und zugleich eine Zeit, sich langsam auf die kommenden dunkleren Monate vorzubereiten.

Wer bewusst „danke“ für das Vergangene sagt, kann mit Hoffnung auf das Kommende zugehen.

Wir werden in dieser Woche den Tag der Wiedervereinigung Deutschlands feiern. Viele hatten nicht mehr an eine Deutsche Einheit geglaubt – denn es war doch fast alles Menschenmögliche getan worden.

Aber vielleicht ist die Einheit ja nicht nur Menschenwerk!

Erinnern wir uns an die Tage im September und Oktober 1989 – Menschenwerk? Ging nicht Gott selbst durch Leipzig und war zwischen den Menschen in der Nicolaikirche, indem er Mut säte, den Willen zum Frieden und den Ruf „Wir sind das Volk“ in die Herzen von Vielen legte, die vorher verzagt und mutlos waren? Die Saat ging auf und wuchs von Montag zu Montag.

Zugleich säte er Zweifel in die Herzen von Funktionären und Spitzeln; Zweifel an den angeblichen Wahrheiten des Regimes und Gefühle des Mitleids und der Liebe. So säte der liebe Gott, und die Saat ging auf.

Das wiedervereinigte Deutschland hat am vergangenen Sonntag gewählt – vielleicht ist auch die Wahl eine Ernte, die indes nach meiner Meinung sehr dürftig ausgefallen ist. Auch heute gilt es, Gott säen zu lassen – die Saat von Menschenliebe und Respekt, von Gastfreundschaft und richtig verstandener Toleranz, von christlichem Gottesbild, dem unser Menschenbild entspringt!

Gott sei Dank! – Erntedank für die Früchte der Ernte und der menschlichen Arbeit, für das Schöne der vergangenen Monate – Urlaube, Zeiten der Erholung … – und Erntedank für ein geeintes Heimatland!

Alles hat seine Zeit – so sagt Kohelet im Alten Testament. Nehmen wir uns Zeit, um die Übergänge zu bestehen und bewusster durch das Leben zu gehen.

Ich wünsche Ihnen Zeit!

Pfarrer Dr. Christof May, katholischer Bezirksdekan

Den richtigen Partner zu finden, die richtigen Freunde oder die richtige Mitarbeiterin – das ist gar nicht so einfach. Das Volk Israel kann ein Lied davon singen. Als es sich einen König wünschte, fiel die Wahl auf Saul. Ein echter Prachtkerl: die Muskeln eines Arnold Schwarzenegger, die Schönheit eines Brad Pitt und den Charme eines Richard Gere. So ist das leider bei uns Menschen: Wir achten sehr auf die Fassade, machen uns oft aufgrund von Äußerlichkeiten ein Bild von anderen. Die Israeliten mussten erfahren, dass der äußere Schein trügen kann. Sauls Herrschaft endete in einem Desaster.

Als erneut ein König gesucht wird, kommt David zum Zuge. Sicherlich ein großartiger Dichter, begnadeter Musiker und mutiger Kämpfer. Aber auch ein Mann mit Schattenseiten. Und doch heißt es von David gleich zweimal in der Bibel: „Er war ein Mann nach Gottes Herzen“. Warum?

Erstens: David war treu im Kleinen. Als Schafhirte lernte er das Königsein bei seinen Schafen, indem er nachts allein auf dem Feld für das Wohl anderer sorgte. Ein Sprichwort sagt: „Charakter ist das, was du bist, wenn niemand hinsieht.“

Zweitens: David war demütig. Denn nach seiner Wahl lief er nicht zum nächsten Goldschmied, um dort Kronen anzuprobieren. Er bestellte keinen Stapel neuer Visitenkarten. Er kaufte keinen neuen Wagen und schrie lauthals: „Ich bin der Erwählte!“ Nein, er ging zurück zu seinen Schafen bis zu seinem Amtsantritt.

Drittens: David war ehrlich. Sein Herz war nicht anders als unseres. Er konnte Gott loben, er konnte sich aber auch der sexuellen Begierde mit einer verheirateten Frau hingeben und danach Mordpläne ausbrüten. Aber als er auf seine Schuld angesprochen wurde, da suchte er nicht nach Ausflüchten, sondern sagte: „Ich habe gesündigt gegen den Herrn“.

Gott sucht auch heute nicht den „Superman“ oder die „Powerwomen“. Gott schreibt seine Geschichte mit denen, die treu sind im Kleinen, demütig und ehrlich. Eben Menschen nach Gottes Herzen.

Manuela Bünger, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach

 

Immer wieder hört man: Frauen seien multitaskingfähig. Oft ist damit gemeint: Frauen könnten besser als Männer mehrere Dinge gleichzeitig bewältigen.

Ob das wirklich stimmt, weiß ich nicht. Was ich weiß und regelmäßig erlebe, ist, dass Menschen zur gleichen Zeit verschiedene Tätigkeiten ausführen.

Man kann im Haushalt arbeiten, bügeln, spülen, putzen und dabei Musik hören oder Fernsehen schauen.

Als Jugendliche stellte ich immer das Radio oder den Schallplattenspieler an und machte dabei meine Hausaufgaben.

Meine Mutter mahnte mich regelmäßig: Du kannst dich doch gar nicht konzentrieren!

Doch ich musste ihr widersprechen, denn damals konnte ich das.

Wenn ich heute bei der Arbeit bin, muss ich häufig gleichzeitig verschiedene Dinge bewältigen: telefonieren, den Konfirmandenunterricht vorbereiten, E-Mails beantworten, den Kalender auf den neuesten Stand bringen, der Frauenhilfe die Tür aufschließen und eine Kurzandacht für die Zeitung schreiben. Oft genug fallen Arbeiten nicht nacheinander, sondern zeitgleich an – und irgendwie muss ich den Überblick behalten.

Doch was ich in meiner Jugend konnte, gelingt mir heute oft nicht mehr.

Wenn ich mich wirklich konzentriere, kann ich nicht gleichzeitig den Nachrichten folgen.

Wenn ich eine Beerdigungsansprache schreibe, brauche ich Ruhe, dann lege ich auch schon einmal das Telefon in einen anderen Raum, damit das Klingeln mich nicht stören kann.

Wenn ich im Gespräch mit einem Menschen bin, dann stört mich ein Smartphone, das ein anderer ständig in die Hand nimmt.

Wenn ich mal nicht als leitende Pfarrerin, sondern als normales Gemeindemitglied zum Gottesdienst gehe, dann freue ich mich, wenn es einige Zeit vor Gottesdienstbeginn ruhig wird und andere nicht noch während des Orgelvorspiels weiterreden. Ich brauche das: stille werden, mich sammeln, mich auf Gott und die Feier vorbereiten.

Wenn ich bete, dann muss es leise sein, dann will ich mich von nichts anderem mehr ablenken lassen.

Im 37. Psalm, Vers 7 heißt es: Sei stille dem Herrn und warte auf ihn.

Multitasking in allen Ehren. Aber manchmal kann man nicht viele Dinge gleichzeitig tun.

Da braucht ein Mensch mich ganz. Da brauche ich Konzentration und Ruhe. Auch für Gott.

Pfarrerin Alexandra Hans, Evangelische Kirchengemeinde Wißmar

In diesen Tagen Anfang September liegen einige Ereignisse, durch die die Welt aufgeschreckt worden ist. Gerade im Moment geraten sie wieder ganz besonders ins Bewusstsein: Da ist das Olympia-Attentat 1972 in München – der Herbst 1977 – der Anschlag auf das World-Trade- Center in New-York 2001.

Es sind Ereignisse, die mit Gewalt und Terror verbunden sind, die Angst und Schrecken verbreitet und eine Spur von Leid und Schmerz hinter sich gelassen haben. Menschen waren sprachlos und geschockt angesichts der Hemmungslosigkeit und Wucht von Gewalt. Alle, die diese Momente als Zeitgenossen erlebt haben, können sich noch genau an die Situation erinnern, in der sie davon erfahren haben und wissen um die Gefühle, die sie beherrscht haben.

Und in einer Zeit, in der die Angst vor Terroranschlägen wieder ganz lebendig ist und Gewalt uns in sehr hemmungsloser Form begegnet, wird die Frage laut, wie man dieser Gefahr begegnen kann. Jenseits aller Forderungen und Überlegungen, jenseits aller offiziellen Maßnahmen, kommt es wahrscheinlich auf die innere Haltung eines jeden Einzelnen an, die dazu Entscheidendes beitragen kann im Großen wie im Kleinen.

Hilfestellung können uns dabei die Gedanken eines Menschen geben, dessen Todestag sich ebenfalls in diesen Septembertagen jährt. Es sind Albert Schweitzers Gedanken der „Ehrfurcht vor dem Leben“: So sagt er: „Die elementarste, uns in jedem Augenblick unseres Daseins zum Bewusstsein kommende Tatsache ist: Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will… Das Wesen des Guten ist: Leben erhalten, Leben fördern, Leben auf seinen höchsten Weg bringen. Das Wesen des Bösen ist: Leben vernichten, Leben schädigen, Leben in seiner Entwicklung hemmen!“

Das ist eine Erkenntnis, die der evangelische Theologe den Worten Jesu entnommen hat, der dafür gelebt hat, dass Menschen ein Recht auf ein erfülltes Leben haben, nicht abqualifiziert und klein gemacht werden. Um dieses Bewusstsein bei den Menschen zu stärken, die ihm nachfolgten, hat er ihnen mit auf den Weg gegeben: Genau so, wie ihr behandelt werden wollt, behandelt auch die anderen!“ Eine solche Haltung kann dazu beitragen, Leben zu erhalten und Leben zu fördern und Gewalt und Hass Entscheidendes entgegenzusetzen.

 Pfarrerin Cornelia Heynen-Rust, Evangelische Kirchengemeinde Biskirchen

„Dies ist der Tag, den der Herr macht; lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein.“ ( Psalm 118,24 )

 

Liebe Leserinnen und Leser,

der Sonntag ist solch ein Tag, an dem wir uns freuen und fröhlich sein dürfen, weil wir frei haben, weil wir das tun können, was uns gefällt, an dem wir mit Menschen zusammen sein können, die wir lieb haben. Wir haben Zeit, uns an Gottes wunderbarer Schöpfung zu erfreuen. Es ist ein besonderer Tag, an dem wir uns Gott zuwenden und ihm all das anvertrauen dürfen, was uns belastet, spätestens an diesem Tag.

Dafür gibt es die Gottesdienste überall in unseren Kirchen. Im Gottesdienst kann ich zur Ruhe kommen, über vieles nachdenken, vieles loslassen und in Gottes Hände legen. Sonnenblumen wenden ihre schönen Köpfe jeden Tag der Sonne zu, nehmen Licht und Wärme auf. Wir Menschen brauchen wenigstens einen Tag in der Woche, an dem wir uns der Sonne, dem Licht, der Wärme, Gott selbst zuwenden können.

Ich weiß, dass viele Menschen, die Verantwortung für andere tragen, die freundlich und hilfsbereit sind und Nächstenliebe üben, schnell an die Grenzen ihrer Kraft kommen. Manchmal neigen sie ihre Köpfe zu lange nach unten, zu dem, was schwer und belastend ist. Sie sind in Gefahr, selbst aus dem Gleichgewicht zu kommen und in die Tiefe zu stürzen.

Damit das nicht passiert, feiern wir Gottesdienste. Wir feiern Gottes Nähe, dass er uns mit unseren Lasten hält und trägt. Wir feiern die Gemeinschaft, dass wir mit anderen zusammen stehen, einander tragen und Grund zur Freude geben. In Garbenheim feiern wir heute Kirmesgottesdienst im Zelt. Wir freuen uns, die Nachbarn zu sehen, mit der Familie und Freunden hinzugehen, Vereinskameraden zu treffen, das Blasorchester zu hören, hinterher noch miteinander zu reden und zu essen und vor allem, Gott zu loben und zu danken für alles, was er schenkt.

Ellen Wehrenbrecht, Pfarrerin in Garbenheim und Niedergirmes

Wunderfinder

Eine Freundin schenkte mir ein wunderschönes Foto, auf dem ein Grashalm mit einem Wassertropfen zu sehen war, mit den Worten: “Unsere Welt ist voll kleiner Wunder und Schönheiten. Ich beginne ganz neu, sie bewusst zu sehen und mich daran zu erfreuen.“
Wie schön und wie schwer zugleich. Ist es nicht viel leichter, alles um sich herum kritisch zu betrachten, gar an allem und jedem herum zu nörgeln, in den Chor der allgemeinen Kritik einzustimmen, über das Wetter, die Politik, die Verspätung der Bahn, den Stau, das Unkraut und so weiter…? Es gibt nicht wenige Menschen, die sich selbst und anderen vermeintlich grundlos jeden Tag verderben. Sie liegen auf der Lauer nach belanglosen Dingen und Handlungen, die sie kritisieren, beklagen oder ärgern könnten. Ist etwas schön oder sogar wunderbar, scheint das nicht der Rede wert zu sein.
Den Blick bewusst auf die kleinen unscheinbaren Wunder, auf das Schöne, Gelungene und Gute zu richten, drückt ein aktuelles Lied von Alexa Feser so aus:

„Ein kleiner Punkt am rechten Rand
der Galaxy, die Welt genannt.
Wenn man den Blick auf’s Ganze lenkt,
ist jeder Tag wie ein Geschenk.
Denn aus dem Nichts, das vor uns war,
wurde mit uns ein Wunder wahr.

Bist du ein Wunderkind oder vor Wunder blind?
Sag mir, ob du verstehst, dass wir ein Wunder sind?
Diese Welt wird für Wunder immer blinder.
Wenn du sie sehen kannst, bist du ein Wunderfinder.“
Ich möchte eine Wunderfinderin werden. Ich will die kleinen Schönheiten und die wunderbaren Dinge um mich herum bewusster wahrnehmen und auch benennen.

Denn mit dem Wunderfinderblick auf die Welt um mich herum stelle ich fest, wie wunderbar und großartig sie ist, wie viel täglich klappt, wie schön das Leben mit all seinen Facetten ist. Ich will die Menschen um mich herum als gottgewollte Wunder betrachten. Bevor ich etwas oder jemanden kritisiere, könnte ich zuerst einmal etwas oder jemanden loben und bewundern. Jeder Tag ist ein Geschenk!

Ich wünschte, alle Menschen dieser Erde, ganz gleich welcher Herkunft oder Religion, hätten einen solchen „Wunderfinderblick“ auf unsere gottverdankte wunderbare Schöpfung mit all Ihren einzigartigen Geschöpfen und Schönheiten. Ich bin überzeugt:  Ungeahnte positive Chancen für den Weltfrieden lägen darin, während menschenverachtender Terror und radikalisierende Hasspredigten chancenlos blieben.

 

Beate Mayerle-Jarmer, Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik, Wetzlar 

 

 

Glaube gibt Mut

Es gibt Zeiten im Leben, die Kraft und Lebensmut rauben wollen. Ein Bekannter erlebte das. Auf der Arbeitsstelle häuften sich Schwierigkeiten, ein naher Angehöriger starb unerwartet und am Eigenheim waren teure Reparaturen unvermeidlich.

In der Zeit las mein Bekannter die Worte: „Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht.“ Diese Worte schrieb Paulus, der Mann, der den christlichen Glauben nach Europa brachte (2. Brief an die Korinther 4, 7-11). Statt  „Wir verzagen nicht“ könnte man diese Worte auch so wiedergeben: „Darum verlieren wir nicht den Mut“.

Dieser Paulus wurde in außerordentlicher Weise bedrängt: widrige Lebensumstände häuften sich, er schleppte eine Krankheit mit sich herum, hatte böswillige Gegner. Er war ein Anhänger des Jesus Christus. Wo immer er konnte, sprach er davon,  was Jesus für die Menschen bedeutet. Er gab vielen Lebenshilfe, aber andere verärgerte er mit seiner Botschaft. Deren Feindschaft ging so weit, dass sie ihm nach dem Leben trachteten.“ Wir leiden Verfolgung“, schrieb Paulus, „aber wir werden nicht verlassen!“ Es ist bewundernswert, wie dieser Mann sich ermutigen ließ und dadurch mit den Schwierigkeiten fertig wurde.

„Darum verlieren wir nicht den Mut“, sagte Paulus damals. Heute sagt das mein Bekannter. Man spürt ihm ab, wie dankbar er ist für sein Erleben. Wer sich im Glauben an Christus bindet, wird ähnliche Erfahrungen machen. Was ist das Geheimnis dieser Ermutigung? Paulus schenkte sein volles Vertrauen seinem Herrn Jesus Christus, der nach seiner Hinrichtung am Kreuz den Tod überwand und wieder lebte.  Diese  „Kraft der Auferstehung“ kann jeder glaubend im Gebet in Anspruch nehmen. Mit dieser Kraft erfüllt, gewinnen wir Mut, auch wenn die Situation, die wir zu meistern haben, außerordentlich schwierig ist.

Pastor Horst Marquardt, ehemaliger Direktor des ERF

„Man soll die Feste feiern wie sie fallen!“ Diesen Satz kennen wir. Diese Aufforderung ist uns wohlbekannt. Ein Blick in eine Lokalzeitung genügt. Wir finden darin sehr schnell eine Einladung zur Feier eines Festes.

Wenn es gelingt, bei einem Fest Menschen zusammenzuführen, Begegnungen zu ermöglichen, bei gutem Essen und Trinken Gemeinschaft zu erleben und fruchtbare Gespräche zu haben, dann kann ein Fest gelingen.

Und es gibt gewiss gute Anlässe, zu einem Fest einzuladen: Ein runder Geburtstag, eine Hochzeit, ein Betriebsjubiläum, ja selbst die Trauer um einen geliebten Menschen kann ein solcher Anlass sein. Gerade das Letztere schein aber momentan deutlich zurückzugehen („Wir gehen in aller Stille auseinander“).

Jesus hat ja auch mit den Menschen gefeiert. Bei der Hochzeit zu Kana waren er, seine Mutter und seine Jünger eingeladen. Und schließlich rettete Jesus dem Hochzeitspaar die Hochzeitsfeier, als der Wein ausging, indem er Wasser in Wein verwandelte.

Aber es gibt auch Feste, die kommerzialisiert sind, das heißt, es geht Vereinen oder auch Firmen darum, „Kasse zu machen“ und Menschen für ihre Produkte zu gewinnen – was im Falle der Autoindustrie momentan schwierig sein dürfte. Für all das müssen dann Feste herhalten. Und da wird es fragwürdig. Manche dieser Feste sind dann gelungen, wenn es möglichst laut zugeht und die Menschen „in Stimmung“ kommen. Vielleicht denken manche Organisatoren solcher Feste, – eher unbewusst -, sie könnten damit den Himmel auf Erden holen.

Aber wenn Gastronomen in Regensburg es mittlerweile ablehnen, Junggesellenabschiede in ihren Räumen feiern zu lassen und wenn es auch am „Ballermann“ in Mallorca mittlerweile Widerstände gegen Auswüchse der sogenannten Feiern gibt, dann scheint mir das ein Hinweis zu sein, dass das mit den Festen und Feiern nicht mehr so ganz stimmt.

Ich befürchte gar, dass unsere Feste- und Feierkultur unsere Gesellschaft dermaßen verändert, dass der innere Zusammenhalt verlorengeht – also das Gegenteil eintritt, was Feste eigentlichen bewirken sollen. Was bedeutet hier dann das Wort „Feierbiest“? Es stimmt mich nachdenklich!
Heinz Ringel, katholischer Pfarrer in Ehringshausen

Halleluja! Lobet den Herrn! Denn unsern Gott loben, das ist ein köstlich Ding, der den Himmel mit Wolken bedeckt und Regen gibt auf Erden. (Psalm 147, Verse 1 und 8)

Liebe Leserinnen und Leser!

Ist es Ihnen in diesem Sommer auch so ergangen? Das Fahrrad (oder so etwas ähnliches: ein E-Bike) ist verladen; der Badeanzug ist neu und entspricht der aktuellen Mode; ein gutes Buch vom Lieblingsautor ist eingepackt – alles ist bereit für den Urlaub! Und dann das: Regen, Kälte, Sturm und Gewitter beherrschen weite Teile Deutschlands und Europas. „So ein Mistwetter, und das ausgerechnet im Urlaub!“ höre ich enttäuschte Touristen schimpfen, und habe dabei das schöne Zitat von Mark Twain im Ohr: „ Jeder schimpft auf das Wetter, aber keiner tut etwas dagegen.“

Es gibt zum Schimpfen aber Alternativen (selbst erlebt): Bei einem Gottesdienst anlässlich eines Hafenfestes betet der Pfarrer vor der versammelten Gemeinde, die im Festzelt Schutz vor dem Dauerregen gefunden hat: „Lieber Gott, wir danken dir heute Morgen für den Regen, denn wenn wir ihn beklagen, hört er ja doch nicht auf.“ Die Gemeinde kichert und so mancher Urlauber fühlt sich ertappt.

Nun kann man fragen, ob solch ein Gebet wirklich angemessen ist und der Pfarrer sein Anliegen nicht direkt an die Gemeinde hätte richten können – aber geschenkt. Im Kern hat er Recht: Von Gott bekommen wir Sonne und Wärme, Regen und Kälte zu seiner Zeit. Am Wetter erfahren wir, dass wir trotz des technischen Fortschritts nicht alles in unseren Händen haben. Wir sind abhängig von Gottes Gnade und seiner Fürsorge. So sind auch extreme Zeiten der Flut oder der Dürre Mahnungen, Gott nicht zu vergessen und nicht so zu leben, als gäbe es über uns Menschen niemanden mehr.

In der Bibel wird Gott an vielen Stellen als Garant für lebensdienliche Witterung angerufen. Gott wird gepriesen, dass er den Himmel mit Wolken bedeckt und es regnen lässt. Was den Urlauber auf seinem E-Bike dann stört, wird der Ernte zum Segen und dem Hungrigen zur Nahrung. Bloß gut, dass über das Wetter nicht demokratisch abgestimmt wird, sondern dass wir es von Gott empfangen.

Oder um es in Anlehnung an Mark Twain zu formulieren: Jeder schimpft auf das Wetter, aber wir beten dafür!

Ihr Sebastian Anwand, Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen St. Paulsgemeinde Allendorf/Ulm

 

Lebensbrot

Frischgebackenes Brot. Duftend mit knuspriger Rinde. Ein Stück davon, ein Genuss. Eine köstliche und einfache Speise. Ein Glas klares und gutes Wasser oder einen guten Schluck Wein dazu.

Herrlich. Da läuft einem das Wasser im Mund zusammen.

Erinnern Sie sich noch, wann Sie das letzte Mal so etwas bewusst genossen und diesen Genuss mit anderen geteilt haben?

Hinter diesem Genuss steckt mehr. Das Bild, das entsteht, zeugt von einer Sehnsucht, an Leib und Seele wirklich satt zu werden.

Satt werden, nicht nur vom Brot allein, sondern wirklich mit Leib und Seele, das brauchen wir.

Die Bibel erzählt uns von dem täglichen Brot, das unseren Hunger stillt, das wir brauchen um satt zu werden. Das wir in der Gemeinschaft teilen, damit wir es recht genießen können.

Das Volk Israel durfte es auf seiner Wüstenwanderung erleben: Genügend Manna um für einen Tag satt zu werden.

In der Gemeinschaft mit Jesus teilten Menschen Brot und Fische. Es reichte für alle. Alle wurden satt.

Brot ist mehr als ein Grundnahrungsmittel. Im Brot wird sichtbar, es ist ein Geschenk Gottes. Er gibt. Er ist der Geber aller guten Gaben.

Das Brot, das er schenkt, wird zum Zeichen für Christus. Er wird in Bethlehem geboren, das heißt: Haus des Brotes. In „Brothausen“ wird Gott selbst Mensch.

„Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern“, sagt Jesus Christus im Johannesevangelium (6, 35). Jesus Christus selbst ist das „Lebensbrot“, das mehr ist als Brot allein. Das uns sättigt an Leib und Seele.

Jesus Christus lehrt uns einen neuen Blick in die Wirklichkeit. Er zeigt uns, wie sich hinter dem, was ist, mehr verbirgt. Das Brot ist nicht nur das Brot – es ist Brot des Lebens. Im Brot können wir den erkennen, der das Brot geschaffen hat. Den Jesus ganz liebevoll als seinen Vater anredet, mit dem er eins ist. Jesus Christus hat Anteil an beidem. An der irdischen Welt und an der himmlischen. An unseren unbeantworteten Fragen, Zweifeln, unserer Suche nach Sinn und an erfahrenem Leiden. Und er macht den Blick und den Weg frei für das Reich Gottes.

Lassen wir uns den Glauben schenken, der uns Hungerkünstlern hilft, wirklich satt zu werden.

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, Krankenhausseelsorger im Klinikum Wetzlar​

Was ist von Ihrer Taufe noch übrig? Ein Blatt im Stammbuch der Eltern. Eine Taufurkunde mit dem Bild der Kirche? Bilder im Familienalbum. Gab es vielleicht einen Taufspruch? Eine Taufkerze? Ist das Taufdatum vielleicht sogar noch bekannt? Paten vermutlich … Erinnerungen an eine gute Patentante, einen guten Patenonkel, die ihr Patenamt, ihr Versprechen – so wie sie es konnten und verstanden haben – mit viel Treue ausübten und sich verantwortlich wussten, einem ihnen anvertrauten Menschen Gutes zu tun.

Martin Luther wurde am 10. November kurz vor Mitternacht geboren und gleich am nächsten Morgen in der nahe gelegenen Petri-Kirche zu Eisleben getauft. Es gab keine Erinnerungsstücke und kein Familienfest. Und doch wurde ihm später seine Taufe zu einem der wichtigsten Ereignisse im Leben.

Der heutige Sonntag ist im kirchlichen Kalender der Erinnerung an unsere Taufe gewidmet. Denn manchmal brauche ich im Leben Energie um sagen zu können: „Und trotzdem!“ Das sind Gelegenheiten, wo ich Dummheiten gemacht habe oder andere unanständig waren, wo sich Krankheit oder anderes Unglück noch dazugesellt … „Und trotzdem darf ich da sein und Freude an meinem Leben haben!“ „Trutz“ und „Trotz“ sind mittelalterliche Worte für das, was ich in der Hand habe um mich zu wehren. Meine Taufe ist mir gegeben, damit ich mich wehren kann gegen das, was mir den Mut zum Leben nehmen möchte. Wie ist es möglich, dass die Taufe das schafft? In Gottes Namen getauft werden heißt eben nicht von Menschen, sondern von Gott selbst getauft werden. Deshalb wird die Taufe nie ungültig.

Die Bibel sagt: „Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden“ (Markus 16,16) und „selig“ bedeutet: von Sünde, Tod und Teufel erlöst zu sein und von Gott freundlich angeschaut zu werden. Dazu wäre also nicht mehr nötig als die Taufe und der Glaube, dass Gott wahr macht, was er mit der Taufe verspricht.

Unsere Vorfahren haben darum die Taufe mit einem Rettungsboot verglichen, das mir jederzeit zur Verfügung steht, in das ich mich flüchten kann. Es lohnt, sich an die eigene Taufe zu erinnern und den „Trotz“ auszuprobieren.

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar

 

 

Wort zum Sonntag, 16. Juli 2017   

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Bibel erzählt uns heute eine Geschichte vom Sämann, der aufs Feld geht um zu säen. Eine Erzählung aus längst vergangenen Zeiten. Denn heute sitzt der Bauer eher in einem klimatisierten Traktor und während er sich seine Lieblingsmusik anhört, wird die Saat maschinell und präzise in den gut präparierten Boden effizient hineingesät.

Damals war das aber anders. Da fielen schon mal viele Samen dorthin, wo sie eigentlich nicht hinfallen sollten: auf Felsen, zwischen die Dornen, oder gar auf einen Trampelpfad. Da wussten die Zuhörer sofort, dass die Saat an solchen Stellen verloren war. Ein dummer Bauer – hat sich vielleicht mancher gedacht. Wie kann einer so verschwenderisch sein und die kostbaren Samen dorthin fallen lassen, wo sie keinen Ertrag einbringen?

Diese Erzählung gewinnt an Brisanz, wenn wir erfahren, dass der „dumme Bauer“  kein anderer ist, als Gott selbst, der in seiner Großzügigkeit den Samen des erfüllten Lebens überall aussät. Oft geht die Deutung dieses Gleichnisses in eine Richtung, die die Menschen nach dem Kriterium der Beschaffenheit des Bodens aufteilt. Das heißt, auf Menschen, die hart wie ein fest getretener Weg sind, die einem Steinhaufen gleichen oder Menschen, die Disteln und Dornen freies Wachstum auf ihrem Boden gewähren.

Ist es aber nicht viel sinnvoller, wenn wir uns selbst einmal mit einem Acker vergleichen, der all diese verschiedenen Bodenbeschaffenheiten aufweist? Das Saatgut ist immer hochwertig, ob es aber einen guten Ertrag einbringt, hängt vom Boden ab, auf den es fällt. Das unscheinbare Wort WIE ist dabei sehr aufschlussreich. Denn von Natur aus sind alle Menschen für Gott ein guter Boden. Doch dieser Boden nimmt sich die Freiheit unempfänglich zu sein wie ein Fels, wie ein Trampelpfad, oder wie ein Dornengebüsch.

Entscheidend ist letztendlich, ob der Mensch in seiner Unempfänglichkeit verharrt, oder vielleicht doch entdeckt, dass  in ihm  auch jede Menge guter Boden steckt, auf den die Saat der Liebe Gottes fallen und gedeihen kann. Ja, wir selbst bestimmen,  ob aus der Saat etwas wird oder ob sie erstickt, aufgepickt, oder zertreten wird.

Herzlich, Ihr Janusz Sojka, Diakon Katholische Pfarrei Unsere Liebe Frau, Wetzlar

„Es mag ja sein, dass die USA nicht betroffen sind, aber in Wettenberg merken wir den Klimawandel“ – diese Worte hörte man nach den Unwettern vor zwei Wochen in Wißmar. In diesen Tagen blicken wir zurück auf einige Wochen mit großer Hitze und Trockenheit auf der einen und Unwetter, Hagel, überschwemmten Kellern und entwurzelten Bäumen auf der anderen Seite. Die einen fragen: Warum öffnen die Freibäder nicht schon vor 7 Uhr morgens? Die anderen klagen: Mir ist viel zu heiß.

Ja, heiße Sommer gab es auch schon in meiner Kindheit, doch die gehäuften Unwetter? Mich machen sie nachdenklich.

Und da stolpere ich über ein Bibelwort aus Psalm 119: Nimm ja nicht von meinem Munde das Wort der Wahrheit. (Ps 119,43). Etwas altertümlich und verdreht formuliert sagt dieses Bibelwort doch wohl: Lass mich die Wahrheit aussprechen. Und vielleicht meint es auch: Lass mich die Wahrheit von allen Seiten betrachten, bedenken, durchdringen, so wie ich ein kräftiges Stück Brot im Mund hin und her bewege und kaue, damit ich es verdauen kann, um gestärkt zu werden. Und hilf mir, das nicht zu verdrängen, was möglicherweise schmerzt.

Zunächst meint der Beter mit der Wahrheit das Wort Gottes. In seiner Zeit ist es noch nicht fraglich, ob Gott existiert und dass Gott Orientierung gibt, dass es also Wahrheit gibt. Und so bittet der Psalmist drängend (Nimm ja nicht…), dass er diese Wahrheit von Gottes Willen für die Welt, offen aussprechen kann, nachdem er sie erfasst hat. Bis heute ist diese Bitte für Glaubende bedeutsam. Denn oft fällt es schwer, das eigene Vertrauen in Gott in Worte zu fassen und öffentlich zu bezeugen.

In Zeiten von sog. fake news, also verfälschten oder gefälschten Nachrichten, ist diese biblische Bitte auch für viele andere Lebensbereiche jenseits des Glaubens von großer Bedeutung. In Zeiten, in denen Religions-, Meinungs- und Pressefreiheit neu unter Druck geraten, ist es wichtig, dass viele Menschen versuchen, sich ein Urteil zu bilden und sich nicht mit einfachen Botschaften abspeisen zu lassen. Egal ob es um Klimawandel, Politik oder ethische Fragen geht.

Ja, Gott, lass mich die Wahrheit, von der ich weiß, auch weitersagen. Und richte meine Gedanken so aus, dass ich auch Unangenehmes nicht verleugne. Zum Wohle der Welt.

Pfarrerin Alexandra Hans, Evangelische Kirchengemeinde Wißmar

Sommer, Sonne, laue Abende, dolce vita, Freibad, Eis, chillen, Urlaub …

 Endlich beginnen die Sommerferien! Alles, was mir spontan dazu einfällt, habe ich in die Überschrift gesetzt. Wenn wir nun die Bibel nach den genannten Begriffen durchforsten, finden wir keinesfalls Worte wie „dolce vita“, „Freibad“ und „chillen“. Auch lässt sich für Urlaub und „laue Abende“ nichts finden.Den Sommer finden wir öfter in der Heiligen Schrift, nämlich beispielsweise erfahren wir, dass der Sommer nahe ist, wenn die Zweige des Feigenbaums saftig werden und Blätter treiben. So sieht’s bei uns aus – der Sommer ist da.

Sehr oft ist die Sonne beschrieben, beispielsweise heißt es im Markusevangelium: „Am Abend, als die Sonne untergegangen war, brachte man alle Kranken und Besessenen zu Jesus.“ (Markusevangelium, Kapitel 1, Vers 32) ALLE werden gebracht. Ich stelle mir bildlich vor, wie Jesus alle Hände voll zu tun hat, er kommt kaum zur Ruhe. Und so lesen wir nur ein paar Verse weiter: „In aller Frühe, als es noch dunkel war, stand er auf und ging an einen einsamen Ort, um zu beten.“ (Markus, Kapitel 1, Vers 35) Wie sein Vater, der am siebten Schöpfungstag ausruht, braucht auch Jesus Phasen und Zeiten der Erholung.

Wir als seine Geschwister kennen das – manchmal ist es einfach genug, es reicht, wir kommen an Grenzen. Dann, genau dann ist es Zeit für Sommer, Sonne, laue Abende, dolce vita, Freibad, Eis, chillen, Urlaub …

Allerdings gilt auch hier die Kardinalstugend des Maßhaltens. Nicht übermäßiger Eiskonsum; chillen sollte nicht zur „Fauleritis“ ausarten und die lauen Abende nicht am nächsten Morgen enden. – Alles mit Maß, soviel, dass es eben genug – und nicht zu viel – ist. Bei vielen Menschen müssen die Urlaube von Jahr zu Jahr ausgedehnter, die Ziel weiter entfernt und die Kultur der Urlaubsländer exotischer werden. Man hat zwar vor Ort nichts verstanden, sich möglicherweise „den Magen verrenkt“, aber Hauptsache man war da …

Schneller, höher, weiter, exotischer – kränkelnd, müde und überfordert kehrt der gestresste Urlauber nach Hause zurück. Erholung sieht anders aus – die hat meines Erachtens zuallererst mit Vergnügen zu tun.

Wenn wir wollen, können wir mit dieser Art der Freizeitgestaltung eine gesamte Lebenstheologie entwerfen: Die Theologie des Vergnügens. Vergnügen ist nämlich das, was mir zur Genüge ist, was ausreicht, um zufrieden und glücklich zu sein. Es muss nicht die Fernreise, das Essen beim Sternekoch oder die Übernachtung im Wellnesshotel sein – das kann es zwar auch mal sein, muss es aber nicht.

Ich selbst breche am liebsten mit dem Fahrrad oder zu Fuß auf. Bereits beim Packen ist es wichtig, nicht zu viel Ballast mitzunehmen – eben das, was genügt. Wer den ganzen Tag auf den Beinen ist oder auf dem Fahrrad sitzt, dem genügen abends das Bett und das Dach über dem Kopf.

Die Theologie des Vergnügens. Vielleicht nehmen wir diesen Gedanken mit in die Sommerpause. „Froh zu sein bedarf es wenig, doch wer froh ist, ist ein König.“ Vielleicht ist es ja tatsächlich genug und bereitet Vergnügen, einfach zur Ruhe zu kommen, innezuhalten, das Leben zu genießen – ohne Anstrengung, ohne Ballast, ohne große Vorbereitung.

Gleichzeitig wächst damit das Gottvertrauen: Ich muss nicht alles planen, er wird schon seine schützende Hand über mich halten und mir so viele Sonnenstrahlen schenken, die ich zum Vergnügen brauche.

Ich wünsche Ihnen einen vergnüglichen Sommer, erholsame Urlaubstage oder -wochen und das Vertrauen, dass Gott uns führt.

Ihr Pfarrer Christof May, Braunfels

Freude durch Demut

In diesen Tagen werden in manchen Ortschaften Sonnenwendfeuer abgebrannt. Und bei einem Blick in den Kalender wird uns mit einem Male bewusst, dass die Sonne auf der Nordhalbkugel den Zenit erreicht hat und die Tage von jetzt an wieder kürzer und die Nächte länger werden. Die Sommersonnenwende hat bereits stattgefunden nämlich an dem Tag, wo im Kalender „Sommeranfang“ steht (dieses Jahr am 21. Juni).

Dieses Wort von den kürzer werdenden Tagen erinnert mich an einen Ausspruch eines Heiligen, dessen Geburtsfest wir in diesen Tagen feiern, an Johannes den Täufer (24. Juni). Denn der sagte bei einem Streitgespräch mit Juden über Jesus und sich selbst: „Er (= Jesus) muss wachsen, ich aber muss kleiner werden .“ (vgl. Johannes 3, 22ff). Wie die Tage kürzer werden – zumindest auf der Nordhalbkugel der Erde – so muss auch Johannes „kleiner“ werden. Wenn aber der Täufer Johannes „kleiner“ wird, dann kann der in ihm wachsen, für den er sich in den Dienst nehmen ließ – nämlich Jesus Christus, Gottes Sohn.

So bedeutet ein irdisches Leben aus dem Glauben: Das „Ich“ des Menschen muss kleiner werden, das „Du“ unseres Gottes muss größer werden. Das irdische Leben des Menschen soll vervollkommnet werden. Es ist nicht Sinn des irdischen Lebens, sich selbst zu produzieren und sich in der Öffentlichkeit darzustellen. Denn das kostet viel Kraft und verstellt den Blick auf den Nächsten, führt zwangsläufig zu Konflikten. Wer dagegen das Du des göttlichen Sohnes in sich groß werden lässt, der sieht die Welt mit den Augen Gottes an. Und die Mitmenschen entdecken in diesem Menschen mindestens eine Spur des göttlichen Lebens.

„Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden.“ Der Hang zur Großmannssucht und Selbstgefälligkeit ist – auch dank technischer Mittel – im Wachsen begriffen. Dabei sollte man diesen Menschen sagen, dass es völlig genügt, wenn Gott auf sie schaut. Er sieht ihr Tun. Das kann Menschen gelassen werden lassen. Die Demut – im recht verstandenen Sinne – lässt Gott im Menschen groß werden. Und das führt zur Freude – schon in diesem Leben.

Heinz Ringel, Pfarrer der katholischen Pfarrei St. Anna Biebertal

Besitzen Sie einen „inneren Pharao“? Sie wissen gar nicht, was das ist? Aber sie kennen sicher die Geschichte von Moses. Er hatte es mit einem ägyptischen Großkönig zu tun, der die Israeliten versklavt hatte. Nicht genug, dass sie Zwangsarbeit leisten mussten. Als sie einmal aufmuckten, bekamen sie kein Häcksel mehr und mussten das Stroh für die Ziegel auch noch selbst sammeln – dabei aber dieselbe Menge an Ziegelsteinen liefern.

Der Pharao ist einer, der immer antreibt und Druck macht. Leider haben viele Menschen einen solchen Pharao in sich. Besonders gern sagt dieser innere Pharao „Sei perfekt!“ Mach ja keinen Fehler!

Ich weiß, wovon ich rede, denn auch ich neige zum Perfektionismus. So brauche ich manchmal für Briefe oder Andachten, die veröffentlicht werden, unheimlich lange. Denn es soll ja keiner denken, dass ich mein Examen vielleicht in der Lotterie gewonnen hätte!

Warum habe ich diese Angst davor, Fehler zu machen? Das liegt daran, dass ich zusammen mit vielen anderen Menschen schon von früh auf gelernt habe, Fehler für etwas Schlimmes zu halten. Wenn wir als Kinder einen Fehler machten, schimpfte die Mutter, der Vater schaute missbilligend, die Klassenkameraden lachten uns aus, der Lehrer seufzte oder was auch immer. Und so haben wir früh gelernt, dass wir unter allen Umständen versuchen müssen, Fehler zu vermeiden.

Ich halte das für falsch. Ich halte es für einen Fehler, keine Fehler zu machen. Denn Fehler zu machen, ist wichtig, um etwas zu lernen. Wie oft sind Sie hingefallen, bevor Sie Laufen oder Radfahren gelernt haben? Wie oft haben Sie Buchstaben falsch geschrieben, spiegelverkehrt, verwechselt, vertauscht, bis Sie schreiben konnten? Wir alle lernen nur durch Versuch und Irrtum! Und wer aufhört, Fehler zu machen, hört auf, zu lernen, hört auf zu wachsen, hört auf, zu leben.

Das Konzept des Perfektionismus stimmt außerdem nicht mit der Realität überein. Alles kann verbessert werden. Jede Arbeit, jede Person, jede Idee, jedes Kunstwerk kann korrigiert und optimiert werden. Vollkommenheit ist eine Illusion, darum wird der Perfektionist immer auf der Verliererseite sein, egal, was er macht. Haben Sie deshalb Mut zur Lücke! Tun Sie Ihr Bestes – und überlassen Sie Gott den Rest! „Gnädig und barmherzig ist Gott, und von großer Güte“, heißt es in den Psalmen. Vielleicht können die Perfektionisten unter uns diesen Satz als Freiheitsspruch in ihr Herz aufnehmen.

von Manuela Bünger, Pfarrerin in Dorlar und Atzbach

Wer freut sich nicht auf einen Feiertag mitten in der Woche? Volkswirtschaftlich gesehen bedeutet ein Feiertag allerdings eher einen Verlust. Time is money! Zeit soll nicht ungenutzt verstreichen. Zeit muss für sinnvolle Tätigkeiten, die Gewinn und Erfolg versprechen, ausgenutzt werden. Zeit, die nur noch in materiellen Werten gemessen wird, ist für viele moderne Zeitgenossen längst alltägliche Realität.

Doch ein freier Tag mitten in der Woche ist ein Geschenk und eine willkommene Alltagsunterbrechung. Er lädt ein, inne zu halten und zur Ruhe zu kommen. Er stellt das Konkurrenzdenken, den anderen um Nasenlängen voraus zu sein, für einen Tag ab. In dieser Woche, an Fronleichnam, steht einer im Mittelpunkt, für den Zeit, Zeit für Gott und die Menschen hieß und der das Gegenteil der Lehre vom Recht des Stärkeren und der Konkurrenz lebte: Jesus, der Christus. Er lehrte die Bedeutung und Würde eines jeden menschlichen Lebens und säte unter denen, die am Rand stehen, eine unbezwingbare Hoffnung ein. Er kam nicht, um sich bedienen zu lassen, sondern den Menschen zu dienen. Er kam nicht, um zu richten, sondern um aufzurichten. Woran ein Mensch nur immer leiden mag, er kam, um es zu heilen. Wo er auftauchte, begannen Menschen spürbar freier zu atmen und Gott ihren Vater zu nennen.

Liebe, die keinen ausschließt, war sein Gebot. Er machte das geteilte Brot zum Zeichen seiner Liebe. Das ist Fronleichnam: Menschen versammeln sich um Jesus, der feierlich in der Gestalt von Brot als allerheiligstes Sakrament feierlich durch die Straßen getragen und verehrt wird. Sie machen sich mit ihm auf den Weg und bekommen zu spüren: Er verändert und verwandelt einen mit seiner Botschaft. Er macht Mut, dort zu handeln, wo es darauf ankommt, seine Gegenwart in der Welt spürbar werden zu lassen.

Dazu bedarf es eines Feiertages. Er gibt die Chance, Kraft zu schöpfen und sich neu an Jesus zu orientieren. Ein Feiertag ist freie Zeit, die erfüllte Zeit werden kann und menschlichen Gewinn verspricht.

von Studienleiterin Beate Mayerle-Jarmer, Amt für Katholische Religionspädagogik, Wetzlar 

Pfingsten ist nach Weihnachten und Ostern ein weiterer hoher Feiertag der Christen. Ursprünglich als jüdisches Erntedankfest begangen, haben die ersten Christen zu Pfingsten eine Erfahrung gemacht, die alles übertraf, was sie bis dahin erlebt hatten. Die Bibel spricht von der „Ausgießung des Heiligen Geistes“. Betroffen sind zuerst die zwölf Jünger von Jesus. Plötzlich braust ein Sturm durchs Haus. Alle sehen so etwas wie ein züngelndes  Feuer, das sich auf jeden von ihnen niederlässt. Sie werden mit dem Heiligen Geist erfüllt. Der gibt ihnen die Fähigkeit die Jesus-Botschaft  in der Öffentlichkeit zu verkünden und zwar in den jeweiligen Sprachen der Menschen aus vielen Ländern, die zum Fest nach Jerusalem gekommen waren. Zentrum ihrer Botschaft: Jesus Christus ist auferstanden. Er lebt und wirkt jetzt aus der unsichtbaren Wirklichkeit Gottes. Von dort kommt auch der “ Heilige Geist“. Aber  wer oder was ist das?  Mancher denkt an den Verstand, an geistige Eigenschaften (erfinderische Geist), an böse Erfahrungen (von allen guten Geistern verlassen) oder an Scharfsinn (geistreich). Der biblische Begriff Geist ist ein bildhafter Ausdruck  für freigesetzte Energie. „Lebensverändernde tätige  Kraft“, die Gegenwart des lebendigen Gottes, das ist der Grundgedanke, wenn in der Bibel vom Heiligen  Geist die Rede ist. Das war dort in Jerusalem gleich zu sehen. Furchtsame Menschen gewannen Mut. Unter  ihrer Schuld bedrückte Menschen  bekannten Ihre Verfehlungen  und erlebten Befreiung. Sinnlos scheinendes Leben gewann wieder eine Perspektive. Angst vor dem Sterben quälte nicht länger, Hoffnung erfüllte die Herzen.  Aus dem kleinen Häuflein von zwölf ratlosen Männern wurde eine nach Tausenden zählende Gemeinschaft, die sehr schnell  Kultur und Zivilisation prägte. Seit dem ersten Pfingstfest erleben Nachfolger von Jesus  in aller Welt, dass man in der Kraft des Heiligen Geistes erwartungsvoll, frei  und mutig durchs Leben  gehen kann.

Pastor Horst Marquardt
(ehemaliger ERF-Direktor)

Liebe Leserinnen und Leser,

was ist das Wichtigste im Leben? Die Antwort hängt wohl davon ab, in welcher Situation sich jemand befindet. Wer von einer schweren Krankheit betroffen ist, wird sagen: “Die Gesundheit ist das Wichtigste!“ Für einen jungen Menschen mag es die richtige Berufswahl, die Partnerschaft oder das Selbständigwerden sein. Jemand, der im Berufsleben bis an die Grenzen der Belastbarkeit gefordert ist, wird antworten: „Die Freizeit und die Pausen haben Vorrang!“ Und wer keine Arbeit, kein Einkommen hat, mag sagen: „Das „liebe Geld“ ist das A und O, weil ich es satt habe, jeden Cent zweimal umdrehen zu müssen, bevor ich ihn doch nicht ausgeben kann!“

Dazu sagt M. Luther in einer seiner Tischreden: „Reichtum ist das allergeringste Ding auf Erden, die kleinste Gabe, die Gott einem Menschen geben kann. Was ist´s im Vergleich zu Gottes Wort? Ja, was ist´s noch im Vergleich zu leiblichen Gaben und Schönheit und im Vergleich mit den Gaben des Gemüts? Dennoch strebt man so emsig danach! In keiner Hinsicht ist am Reichtum etwas Gutes. Darum gibt unser Herrgott für gewöhnlich Reichtum den groben Eseln, denen er sonst nichts gönnt.“ (aus: Thomas Maess, Hg., „Plaudereien mit Luther“)

Mir gefällt dieser Gedanke ausgesprochen gut, dass es nämlich viel bessere Gaben als Reichtum gibt, weil der Mensch eben nicht nach dem beurteilt wird, was er hat, sondern danach, was er ist. Er ermutigt uns, uns selbst nicht an unserem Besitz zu messen bzw. messen zu lassen, sondern andere Werte und Gaben an seiner Person zu sehen. Wenn jemand in die Enge getrieben wird und nur noch eines benennen kann, was ihm im Augenblick das Wichtigste zu sein scheint, was ihm fehlt – sei es Gesundheit, Reichtum, Freunde, Ruhe oder was auch immer – dann kann es gut tun, davon Abstand zu gewinnen, es kann befreiend und ermutigend sein, wenn einer sieht, welche Vielzahl guter Gaben ihm Gott zum Leben und zu seiner Freude schenkt.

von Ellen Wehrenbrecht, Pfarrerin in Niedergirmes und Garbenheim

„Den Himmel auf Erden!“ Das ist ein Wunsch – eine Sehnsucht, die wahrscheinlich so alt ist wie die Menschheit. Wer wünscht sich das nicht: Den Himmel auf Erden zu erleben oder zumindest einen Zustand, der dem nahe kommt?  Der Himmel ist dabei gleichbedeutend mit einem Ort, an dem es nichts auszusetzen gibt – einem Ort, an dem Wünsche erfüllt und einem von den Augen abgelesen werden. Es gibt keine Sorgen, keine Not und keine Angst. Es ist nicht immer alles so mühevoll. Es herrscht materielle Sicherheit. Man wird geliebt und fühlt sich akzeptiert. Der Umgang untereinander ist vertrauensvoll. Man kann sich aufeinander verlassen. Es ist eben alles vollkommen.

Demgegenüber steht die Erde mit allem, was das Leben so mühevoll und schwer macht: Wir sind bis an die Grenzen unserer Kraft gefordert. Täglich warten neue Herausforderungen. Man muss ordentlich kämpfen. Aber das, was man da tut, wird nicht unbedingt geachtet und anerkannt, sondern erscheint so selbstverständlich – wird eher klein gemacht, in Frage gestellt – manchmal sogar niedergemacht. Und unsere menschlichen Beziehungen sind brüchig. Wir erleben da manche Enttäuschung. Himmel und Erde, das scheinen unvereinbare Größen zu sein – sauber voneinander getrennt – weit voneinander entfernt – wie zwei fremde Welten.

Aber jetzt feiern wir am kommenden Donnerstag „Himmelfahrt“! Dieses Fest lässt uns erahnen, dass der Himmel nicht unendlich weit entfernt, fest verschlossen ist. Er ist durchlässig geworden wie das z.B. die Überschrift des Deutschen Evangelischen Kirchentages besagt, der am kommenden Mittwoch in Berlin und Wittenberg beginnt. Sie lautet: „Du siehst mich!“ Da ist ein Gott, der mich sieht, der mich wahrnimmt, der mich und mein Leben ernst nimmt – dem ich nicht egal bin. In diesem liebevollen Blick kommt ein Stückchen Himmel auf die Erde – blitzt ein Stück „Himmel auf Erden“ auf – berühren sich Himmel und Erde – sind nicht mehr unendlich weit voneinander entfernt.

Dieses Stückchen „Himmel auf Erden“: Von Gott gesehen und geachtet zu werden, kann uns begleiten – kann eine Antwort auf unsere Sehnsucht sein. Wir werden uns den Himmel nicht auf die Erde holen können. Aber ein Stückchen Himmel kommt zu uns: stärkend und Mut machend für unseren Weg auf der Erde.

von Pfarrerin Cornelia Heynen-Rust, Kirchengemeinde Biskirchen

Kämpfe den guten Kampf des Glaubens; ergreife das ewige Leben, wozu du berufen bist und bekannt hast das gute Bekenntnis vor vielen Zeugen. (1. Timotheus 6,12)

Liebe Leserinnen und Leser!

Es ist die Zeit der Konfirmationen. Vielleicht haben auch sie in diesem Jahr schon einen Konfirmationsgottesdienst besucht. So eine Konfirmation kann eine ganze Familie über Wochen beschäftigen: Konfirmationskleid- oder Anzug müssen gefunden, Einladungskarten gestaltet, Paten und Großfamilie in einer ansprechenden Gastronomie verköstigt werden. Manche Konfirmationsfeier steht mit ihrem Aufwand und ihrer Größe in keinem Verhältnis zu einer Tauffeier, was eigentlich schade ist. Denn die Konfirmation gehört nach evangelischem Verständnis ihrem Wesen nach zur Taufe und ist deshalb kein eigenes Sakrament. Mit der heiligen Taufe nimmt Gott einen Menschen – ob groß oder klein – in sein Reich auf, vergibt ihm seine Sünden und macht ihn so zu seinem geliebten Kind. Mit den Augen Gottes gesehen hat die Taufe volle Gültigkeit und Gewissheit. Bei der Konfirmation wiederholen die Jugendlichen noch einmal bewusst das Bekenntnis zu Gott, was sie durch ihre Eltern und Paten als Täuflinge bereits verbindlich getan haben. Die Taufe hat aber auch ohne die Konfirmation volle Wirkung.

Paulus schreibt an den jungen Christen Timotheus, dass das Glaubensleben seit der Taufe aber nicht immer locker und leicht ist, sondern auch ein Kampf: Ein geistlicher Kampf gegen die eigene Trägheit, die eigene Gleichgültigkeit und gegen alle Menschen und Mächte, die uns von Jesus Christus und seiner Kirche abbringen wollen. Daher steht im Zentrum der Konfirmation der segnende Zuspruch des Heiligen Geistes. Ihn brauchen junge Menschen, um diesen Kampf zu bestehen und das ewige Leben zu ergreifen. Die Konfirmation hilft uns also und rüstet uns aus mit dem Segen Gottes; sie ist aber nicht heilsnotwendig!

Vielleicht besuchen sie in diesem Jahr auch noch einen Taufgottesdienst. Und vielleicht wird diese Taufe auch ganz groß gefeiert: mit Taufkleid und der ganzen Familie. Ein Fest im Himmel ist es allemal!

 

Sebastian Anwand,  Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen St. Paulsgemeinde Allendorf/Ulm (SELK)

Hände, die Geschichten erzählen …

Hände faszinieren mich. Sie können Geschichten erzählen.

Nehmen Sie sich ein paar Minuten Zeit. Legen Sie Ihre Hände in den Schoß. Die Innenflächen zeigen nach oben. Schauen Sie sie an und hinein, ganz bewusst. Was sehen Sie? Was erzählen Sie? …

Mich erinnern sie an eine Zeit, als sie kräftig zupacken mussten. Körperlich arbeiten, Schwielen bildeten sich. Doch vor den Schwielen kamen die Blasen, schmerzhaftes Brennen. Jahre ist das her und doch bleibt ein gewisser Stolz darauf, was sie geleistet haben.

Sie haben versucht anderen Halt zu gegeben, meinen Kindern, Sterbenden, Menschen, die mir lieb und wichtig waren und sind. Damit war Zärtlichkeit verbunden, aber auch die Erfahrung, Liebgewonnenes loslassen zu müssen.

Ich sehe junge, die alte Hände halten und signalisieren, du wirst gehalten.

Kleine Hände, vertrauensvoll von größeren umfasst, die halten und tragen: Geh ruhig an meiner Hand. Ich begleite dich. Vertrau mir auf dem Weg, der vor dir liegt.

Sie begrüßen bekannte und völlig unbekannte andere Hände. Mal spüren sie einen kräftigen Gegendruck, der Stärke und Vertrauen signalisiert. Mal sind sie unsicher, wie kräftig sie selbst zupacken können.

Sie erinnern sich: Da gibt es Hände, die einmal klein und zuversichtlich in meinen gelegen haben. Und nun sind sie so groß, dass meine darin gut Platz finden und klein dagegen wirken.

Hände schreiben, malen und zeichnen. Sie gehen täglich mit ihren Fingern über Tasten.

Irgendwann lernen sie greifen und wieder loslassen. Die Finger entwickeln feineren Tastsinn.

Sie geben und nehmen.

Sie suchen und finden streichelnd liebgewonnene Menschen, um Zärtlichkeit zu geben und zu erhalten.

Manchmal suchen sie einen Platz zum Verstecken, weil sie unfair im Affekt zugepackt oder sogar geschlagen haben.

Das Leben spiegelt sich mit seinen Spuren und seinem Alter in den Händen.

 

von Pfarrer Hans-Dieter Dörr, Klinikseelsorger am Klinikum Wetzlar

Dieser Sonntag ist der Freude und der Verwunderung über die „Barmherzigkeiten des Herrn“ unseres Gottes gewidmet. So will es sein lateinischer Name zum Ausdruck bringen: „Misericordias Domini“. Im Mittelpunkt stehen der Psalm vom guten Hirten (Psalm 23) und das Evangelium, in dem Jesus sagt: „Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.“ (Johannes 10,11).

Was für eine Aussage! Die Schafe sind dem guten Hirten wichtiger als sein eigenes Leben. Wer so etwas sagt, muss sein „Schäfchen im Trockenen“ haben, muss also mit seinem eigenen Leben geborgen sein. Jesus hat sich in so einer Weise auf Gott den Vater verlassen, dass er auf die Sorge um sein eigenes Leben verzichten konnte. Und seine Auferstehung am Ostermorgen gibt seinem Vertrauen recht. Weil für ihn gesorgt ist, schlägt sich Jesus ganz auf unsere Seite. Und dabei zählt jeder einzelne.

Ein schöner Auftakt für die jetzt beginnenden Konfirmationen, bei denen es eben darum geht, dass den Konfirmanden der Rücken gestärkt wird. Denn „Konfirmand“ ist ein passives Wort und bedeutet übersetzt: jemand, der bestärkt, gefestigt werden muss. Dafür will der gute Hirte sorgen mit Taufe und Abendmahl und durch seine Gemeinde, die mit der Verkündigung des Evangeliums und durch das Gebet die jungen Menschen unterstützt. Wobei unterstützt? Bei ihrem Weg ins Leben und in den Glauben. Dabei gibt es Umwege und Irrwege, Sackgassen und Dinge, die man bereut. Das alles gehört zum Leben. Es gehört dazu, dass man, ob man will oder nicht, auch als „guter Mensch“ aus seiner Rolle fällt.

Wichtig ist nur eines: irgendwann zu entdecken, dass Gott, wenn er uns sieht, selber aus der Rolle fällt, seine Würde drangibt, auf das pfeift, was andere von ihm denken und sich auf unsere Seite schlägt. So jedenfalls erzählt es Jesus in dem Gleichnis, wo der Vater dem Sohn entgegenläuft, der nach vielen „Abenteuern“ geschafft und desillusioniert nachhause kommt. Ein Orientale, der rennt, verliert seine Würde. Wenn Gott also mir entgegenläuft und dafür auf seine Würde verzichtet … das festzuhalten, für mich und für den anderen, das ist Konfirmation.

von Pfarrer Christian Silbernagel, Kirchengemeinde Wetzlar, Bezirk Gnadenkirche


Heute ist „Weißer Sonntag“. Der Name kommt aus der frühen Kirche, wo die  in der  Osternacht Getauften und Gefirmten, die an Ostern das Abendmahl empfangen hatten, acht Tage lang ihre weißen Taufgewänder trugen. Und so heißt die Osteroktave Weiße Woche und der darauf folgende Sonntag – Weißer Sonntag.

Vielerorts wird heute die Erstkommunion gefeiert. Zahlreiche Kinder aus den Gemeinden Dom, St. Bonifatius und St. Walburgis  empfangen heute zum ersten Mal das Brot, in dem katholische Christen die leibliche Gegenwart Jesu glauben. Der Sinn dieses Mahls ist die Gemeinschaft und der Friede zwischen den Menschen. Wer das Abendmahl – das in dem jüdischen Paschamahl gegründet ist – feiert, darf niemals vergessen, dass jeder Gast bei dieser Feier einen Stellenwert des Bruders / der Schwester hatte. Man könnte sagen: In Gottes Gegenwart sind alle Menschen Schwestern und Brüder.

So etwas verpflichtet. Denn wer nicht bereit ist, seine Mitmenschen als Schwestern und Brüder anzunehmen, schließt sich von dieser Mahlgemeinschaft ja selbst aus!  Das Christsein verpflichtet zur geschwisterlichen Gemeinschaft! Der Glaube und die Gemeinschaft scheinen voneinander untrennbar und füreinander unverzichtbar zu sein.

Das ist auch die Kernaussage des Evangeliums heute über den ungläubigen Thomas. Der Skeptiker Thomas steht dabei stellvertretend für alle, die von Jesus zwar gehört, ihn selbst aber nicht gesehen und nicht berührt haben. Man könnte sich diesen Apostel als einen Menschen vorstellen, der schon oft genug durch Worte, die nicht hielten, was sie versprachen, enttäuscht wurde. Ich kann mir dabei auch gut vorstellen, dass eine solche Erfahrung vielen von uns nicht unbekannt ist!  Große Worte gehen leicht über die Lippen. Oft aber sind große Worte nur leere Worte! Entscheidend für das berühmte Thomasbekenntnis: „Mein Herr und mein Gott“ war seine Rückkehr zur Gemeinschaft.

Ich wünsche heute ganz besonders allen Kommunionkindern den Mut, in der Gemeinschaft auch dann zu verbleiben,  wenn Skepsis und Zweifel kommen.

Herzlich, Ihr Diakon J. Sojka

von Diakon Janusz Sojka