Für mehr Menschlichkeit und Barmherzigkeit

Podiumsdiskussion zur Bundestagswahl:

Auf reges Interesse vieler Menschen aus Kirche, Politik und Gesellschaft ist sie gestoßen: die Podiumsdiskussion zur Bundestagswahl im Gemeindesaal der Hospitalkirche, die der Sozialethische Ausschuss der Kirchenkreise Braunfels und Wetzlar organisiert hatte. Fast 100 Interessierte, unter ihnen der Hauptamtliche Kreisbeigeordnete Stephan Aurand, Vertreter des Ausländerbeirates, Mitglieder der Kreissynodalvorstände, des Arbeitskreises Frieden, der kreiskirchlichen Partnerschaften, weiterer kreiskirchlicher Arbeitsbereiche, des Sozialethischen Ausschusses und viele emeritierte Pfarrer haben gut zwei Stunden lang den Statements der regionalen Bundestagskandidatinnen und –kandidaten der Parteien, die im Bundes- und im Landtag vertreten sind, zugehört und eigene Fragen gestellt.

Der Einladung gefolgt waren Dagmar Schmidt (SPD), Carsten Seelmeyer (FDP), Thorben Sämann (Bündnis 90/Die Grünen) sowie Tamina Veit (Linke). Hans-Jürgen Irmer (CDU) hatte mitgeteilt, dass er nicht mit „Kommunisten und Linksradikalen“ an einem Tisch sitzen werde, wie Pfarrer Stephan Hünninger (Laufdorf), stellvertretender Vorsitzender des Sozialethischen Ausschusses, bei seiner Begrüßung erläuterte. Auch die Teilnahme eines anderen Vertreters der lokalen CDU sei von Irmer abgelehnt worden. „Als Sozialethischer Ausschuss haben wir uns entschieden, die Veranstaltung trotzdem stattfinden zu lassen“, sagte Hünninger unter dem Beifall der Anwesenden.

Nach einer Vorstellung der Direktkandidaten durch Moderator Klaus Pradella vom Hessischen Rundfunk ging es um die brennenden aktuellen Themen wie die Sozialpolitik, Langzeitarbeitslosigkeit und Mindestlohn, Rente, Erneuerbare Energien, Elektromobilität und um die Flüchtlingspolitik. Während der FDP-Kandidat Carsten Seelmeyer sich für eine Steuerreform auch für den Mittelstand und eine Eindämmung der Bürokratie einsetzen möchte, plädierte Tamina Veit (Linke) angesichts prekärer Arbeitsverhältnisse für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Dagmar Schmidt, seit 2013 Bundestagsabgeordnete für die SPD hingegen meint: „Für jeden Menschen kann man einen produktiven Platz in der Gesellschaft finden.“ Dafür, dass Langzeitarbeitslose leichter einen Job finden, will sie sich engagieren. Ein Grundeinkommen sei dann nicht notwendig. „Wir müssen die Menschen im Blick haben, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Andere, die mehr als genug haben, müssen ihren Beitrag leisten und in die Verantwortung genommen werden“, erklärte Student der Zahnmedizin Thorben Sämann (Grüne), mit 23 Jahren der Jüngste in der Runde. Der ehemalige Vorsitzende der „Grünen Jugend Hessen“ ist zudem der Meinung, dass auch Unternehmer in die Kranken- und Rentenversicherung einzahlen sollten. Das sieht der Reiseverkehrskaufmann Carsten Seelmeyer anders: „Man kann nicht jeden zwingen, in die Rentenversicherung einzuzahlen. Jeder Unternehmer sollte das selbst entscheiden.“ Ohnehin werde die Gesellschaft älter und gesünder, sodass man länger als bis 63 oder 67 arbeiten könne. „Ich werde dafür bestraft, dass ich wegen Unfall, beziehungsweise Krankheit nicht 40 Jahre lang arbeiten konnte“, erklärte demgegenüber Tamina Veit. Die 60-jährige Rentnerin, die selbst im Rollstuhl sitzt, ist mit einer kleinen Erwerbsunfähigkeitsrente auf Zuschüsse angewiesen.

Die Flüchtlingspolitik betreffend plädierte Dagmar Schmidt dafür, legale Einreisewege zu schaffen, Familiennachzug zu ermöglichen, die Länder zu unterstützen, aus denen Flüchtlinge kommen und eine gemeinsame Asyl- und Flüchtlingspolitik in Europa aufzustellen. Das sieht auch Seelmeyer so: „Ungarn und Polen dürfen sich nicht aus der Verantwortung ziehen.“ Doch wenn sich die politische Lage in den Herkunftsländern verbessere, sollten die Geflüchteten zurückgeführt werden. „Für mich ist es schmerzlich, zu erleben, dass Menschen, die hierher kommen, als Störenfriede angesehen werden, nicht als Mitmenschen“, erzählte Tamina Veit aus persönlicher Erfahrung. Und Thorben Sämann möchte sich für mehr Menschlichkeit und Barmherzigkeit stark machen: „Wir müssen die Fluchtursachen bekämpfen und für eine faire Handels- und Außenpolitik und Friedenspolitik eintreten.“

Mit getrockneten Mangos, Schlüsselanhängern und je einem kleinen Blumenstrauß bedankte sich Stephan Hünniger am Ende für das Engagement der vier Bundestagskandidaten.

bkl

Bild 1: Die vier Bundestagsdirektkandidaten (v.r.) Tamina Veit (Linke), Dagmar Schmidt (SPD), Thorben Sämann (Grüne) und Carsten Seelmeyer (FDP) waren bei der Podiumsdiskussion zu aktuellen Themen im Gemeindesaal der Hospitalkirche zu hören. Stephan Hünninger (l.) begrüßte sie, Klaus Pradella moderierte.

Bild 2: Fast 100 Interessierte sind zur Podiumsdiskussion gekommen, die der Sozialethische Ausschuss der Kirchenkreise Braunfels und Wetzlar organisiert hatte.

Bild 3: Ausdrucksstarke Statements gab es von den Kandidaten.