Evangelische Glaubenswurzeln bedenken

Kreissynode Braunfels tagt in Edingen:

„Sich der evangelischen Glaubenswurzeln vergewissert zu haben, sie hineingetragen zu haben in ein geschwisterliches ökumenisches Miteinander und sie im Horizont der Herausforderungen unserer Zeit bedacht zu haben oder sich ihrer einfach zu freuen – das ist es, was als intensive Erfahrung bleibt“, zeigte sich Superintendent Roland Rust im Rückblick auf „500 Jahre Reformation“ überzeugt. Die Fülle der Themen werde ihn weiter beschäftigen, sagte er bei der Herbstsynode des Evangelischen Kirchenkreises Braunfels in Edingen. „Ich finde es verlockend, manchen der im vergangenen Jahr aufgegriffenen Fäden ‚vergnügt, erlöst, befreit’ weiterzuspinnen.“ Dazu ermutigte er auch die 70 Synodalen mit dem Geschenk einer Postkarte mit Worten Martin Luthers und Begriffen der Reformation. In seinem Jahresbericht, der sehr ausführlich diskutiert wurde, orientierte sich der Theologe an der 3. These der „Barmer Theologischen Erklärung“, der zentralen theologischen Äußerung der „Bekennenden Kirche“ unter der nationalsozialistischen Herrschaft von 1934.

Roland Rust, der im vergangenen Jahr alle 32 Presbyterien in seinem Kirchenkreis besucht und mit ihnen über ihre Anliegen und Themen gesprochen hatte, griff auch eine Initiative der Landeskirche auf, die das Ziel habe, den Pfarrdienst nicht als „Mädchen für alles“ zu verschleißen, sondern ihn konzentriert für das Wesentliche einzusetzen.

Im Blick auf die Einigung von Stadt, Gewerkschaften und Kirchen auf drei verkaufsoffene Sonntage im Jahr sprach er von einem gelungenen Kompromiss, der in einem guten Miteinander zwischen den Beteiligten erreicht worden sei. Deutliche Worte fand der Theologe jedoch angesichts des Bonnie-Tyler-Konzertes am Karfreitag 2018, zu dem das Stadtmarketing um eine kirchliche Stellungnahme gebeten hatte: „Wir haben uns mit theologischen Hinweisen und bezogen auf unser Verständnis des (hessischen Feiertags-) Gesetzes klar gegen die Veranstaltung ausgesprochen.“

Weiter sprach Rust von einer großen Verantwortung gegenüber den vor Krieg und Verfolgung geflüchteten Menschen und setzte angesichts des um sich greifenden Populismus darauf, „mit langem Atem für Gerechtigkeit einzutreten.“

Für die Vereinigung der beiden Kirchenkreise ist dem Superintendenten wichtig, sie als „geistlichen Prozess zu gestalten, in dem wir in dem einen Kirchenboot sitzend mit je eigenem Paddel gemeinsam auf den Retter zusteuern.“

Was den Zusammenschluss der Kirchenkreise Braunfels und Wetzlar inhaltlich bestimmen soll, war auch Thema der Gemeinde- und kreiskirchlichen Jahresberichte.Erstmals fand die Aussprache dazu nicht im Plenum, sondern in den fünf Regionalgruppen statt. Die Jugend für den Glauben zu begeistern, die Kirchenmusik zu fördern, den Kirchenkreis als „Ladestation“ für die Gemeindearbeit zu verstehen, den sozialen Dialog zu fördern, weg von der „Endzeitstimmung“ hin zur Hoffnung und von der „Schicksals“- zur Glaubensgemeinschaft, den Zusammenhalt in der Region zu stärken, Träume, aber auch Traditionen wach zu halten, waren einige von vielen Ideen und Anregungen für die inhaltliche Arbeit des künftigen „Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill“.

Zur Synodalältesten wurde in Nachfolge für den kürzlich verstorbenen Bernd Sermond (Aßlar) Alice Kahn aus Daubhausen gewählt. Zur stellvertretenden Synodalältesten bestimmte die Synode Christine Schönheim aus Leun.

 „Was treibt dich an? Was hält dich aufrecht?“ hatte Pfarrerin Tanja Kamp-Erhardt (Kölschhausen) zu Beginn der Synode gefragt. In ihrer Andacht über die Bibelstelle auf dem Siegel des künftigen Kirchenkreises, Psalm 119, Vers 116, benannte sie „Leben“ als das, was Menschen Rückgrat und Haltung gibt: „Leben heißt, jederzeit die Verbindung mit der Welt, der Natur, den Menschen, mit Gott spüren.“ Dazu gehöre die Hoffnung als Sehnsucht nach dem, wie es tatsächlich sein könne. Dies gelte auch für den neuen Kirchenkreis: die Hoffnung wach zu halten und aufrecht für das Leben in Fülle einzutreten.

Bürgermeister Hans-Werner Bender, wünschte der Kirche im Edinger Dorfgemeinschaftshaus, in dem auch die sogenannten „Lichtblick-Gottesdienste“ gefeiert werden, „Lichtblicke“ für eine gute Zukunft.

bkl

 

Andacht

Psalm 119 (EG 752.2.3)

Erhalte mich durch dein Wort, dass ich lebe und lass mich nicht zuschanden werden in meiner Hoffnung. (Ps 119,116)

Jeder Mensch hat etwas, das ihn antreibt. Die Volksbank predigt uns das seit einiger Zeit.

Ich weiß nicht, wer von den Kollegen Thomas Kabel und Epigonen im Vikariat erlebt hat. Er sollte uns beibringen, wie man sich angemessen – körperlich – in der Liturgie hält. Er war Schauspieler und seine Frage war: Was ist dein Spine?- Dein Rückgrat, deine Wirbelsäule, was ist das, was dich aufrecht hält? Was ist deine eigentliche Botschaft? Die hast du körperlich immer dabei.

Was treibt dich an? Was hält dich aufrecht?

Ich glaube, Volksbank und Schauspieler haben recht. Es ist keine Frage, ob wir etwas haben, das uns antreibt, die Frage ist, was es ist. Und wenn ich die Aufgabe für die Gemeindeberichte richtig verstanden habe, geht es um genau diese Frage: Was soll unser spine im neuen Kirchenkreis sein?

Die Volksbank macht in ihrer Werbepredigt Vorschläge, was das sein könnte: Ein Eigenheim für die ganze Familie, ein schickes Auto, Absicherung im Alter, ein Segelboot im Abendrot. Alles in schönen Bildern erzählt, alles hat irgendwie mit Geld zu tun, aber auch mit Glück und Zufriedenheit.

Ab und zu habe ich mit normalen Menschen zu tun, die nicht sonderlich in kirchliche Zusammenhänge eingebunden sind. Neulich habe ich in so einer Runde gefragt: Wonach sehnst du dich? Die Antworten waren so ernüchternd wie klar: Och, eigentlich habe ich alles, aber ein eigenes Haus, das wär schön. Selbst bei denen, bei denen es so nahe gelegen hätte, kam nicht: Ich sehne mich nach dem Ende aller Krankheit, nach dem Ende von Streit und Unverständnis, nach dem Ende von Ungerechtigkeit und davon, dass ich mich so sehr anstrengen muss, um einmal durch dieses Leben zu kommen. Nichts dergleichen. Nur die Bilder der Volksbank.

In dieser Runde wurde mir bewusst, wie exotisch wir sind und wie unverständlich für andere sein muss, was wir reden.

Erhalte mich durch dein Wort, dass ich lebe.

Leben. Das Wort, das uns aufrichtet, Rückgrat und Haltung gibt. Für das Leben stehen wir. Das Leben in Fülle. Und Ihr wisst, dass ich damit eben nicht die Bilder aus der Werbung meine. Leben in Fülle, das heißt: Mitbekommen, was ist: Sich freuen an dem, was da zum Freuen ist, traurig sein und bekümmert, über das, was es schwer macht. Ehrlich sein und klar – vor allem mit sich selbst aber auch mit allen anderen. Leben, das heißt empfinden, spüren, mitbekommen, was da ist – mitten unter uns. Leben, das heißt, jederzeit die Verbindung spüren: Mit der Welt um uns her, der Natur, den Menschen, mit Gott.

Leben. Das treibt uns an, das richtet uns auf. Leben. Das ist mein spine. Leben, das nicht aufgeht in den Geschäftigkeiten dieser Welt, Leben, das den Horizont öffnet, so dass man überhaupt erst eine Idee davon bekommt, worauf man hoffen darf, worauf es sich zu hoffen lohnt, was persönliches Glück jenseits der Fernsehbilder bedeuten kann.

Lass mich nicht zuschanden werden in meiner Hoffnung. Ich glaube, erst wenn Hoffnung dazukommt, Sehnsucht nach dem, wie es tatsächlich sein könnte, erst dann wird es Leben.

Also neuer Kirchenkreis, was ist dein spine?
Wie vielleicht für die ganze Kirche: Hoffnung und Sehnsucht wachhalten. Aufgerichtet, aufrecht für das Leben in Fülle eintreten.
Daran erinnern, dass wir an eine Wirklichkeit glauben, die weit über unsere Welt hinausgeht.
Und? Wonach sehnst du dich?

Pfarrerin Tanja Kamp-Erhardt, Kirchengemeinde Kölschhausen

 

 

 

Bild 1: Ein zentrales Thema des Jahresberichtes von Superintendent Roland Rust war der Rückblick auf das Reformationsjubiläum.

Bild 2: 70 Synodale diskutierten im Dorfgemeinschaftshaus Edingen über die Jahresberichte des Superintendenten sowie der Gemeinden und kreiskirchlichen Arbeitsbereiche.

Bild 3: Alice Kahn aus Daubhausen hat das Kirchenparlament  zur Synodalältesten im KSV bestimmt, Christine Schönheim aus Leun zur stellvertretenden Synodalältesten.