Das tröstliche Ende vorwegnehmen

Gottesdienst mit Ikone in der Hospitalkirche.

 Wie man der „frohen Botschaft“ Klang und Farbe geben kann, das erfuhren rund 50 Besucher eines zweistündigen Abendmahlsgottesdienstes in der Hospitalkirche in Wetzlar. Eingeladen zur Auftakt-Veranstaltung der Themenreihe „Solus Christus – allein Christus“ zum Reformationsjubiläum hatte der Osteuropa-Ausschuss im Evangelischen Kirchenkreis Wetzlar.

„Wir feiern diesen Gottesdienst am letzten Wochenende der Epiphaniaszeit“, so Ursula Küppers, stellvertretende Ausschussvorsitzende, und fügte hinzu, dass es dabei um die Erscheinung der Göttlichkeit Jesu gehe. Noch heute feiern orthodoxe Christen an Epiphanias, dem 6. Januar, das Weihnachtsfest.

Inhaltlich kreisten die Gebete, Lieder und Auslegungen um die Sehnsucht nach Licht in den Dunkelheiten des Lebens, um den Morgenstern, dessen Glanz alle anderen Sterne überstrahlt und der das Licht ankündigt, das mit Christus in die Welt gekommen ist. Davon ist beispielsweise im Choral „Herr Christ, der einig Gottes Sohn“ von Elisabeth Cruciger zu hören. Sie hat das älteste evangelische Jesuslied 1524, in der Reformationszeit, gedichtet. Die Menschwerdung Gottes markierte für Cruciger den Beginn einer neuen Zeit, in der Leid und Tod ohne Bedeutung sind und stattdessen Trost und Heilung das Sagen haben.

Wie das aussehen kann, wurde an der Betrachtung des Gemäldes des italienischen Künstlers Raffael „Die Verklärung Christi“ von 1519/20 deutlich. Das Bild vereint  mit der Verklärung und der Heilung des mondsüchtigen Knaben zwei Geschichten aus dem 17. Kapitel des Matthäusevangeliums. Während im oberen Teil des Bildes Jesus in einer Wolke aus Licht schwebt, befindet sich im unteren Teil der Vater mit dem kranken Sohn. Das Licht Jesu trifft die Szene mit dem kranken Kind und macht deutlich, dass Leid und wirksame Hilfe nicht getrennt werden können. Dies steht für die Hoffnung auf eine lebenswerte Zukunft. Schluss- und Höhepunkt der Betrachtungen des Ausschussvorsitzenden, Pfarrer in Ruhe Ernst Udo Küppers, von Ursula Küppers (beide aus Lich) und Assessorin Alexandra Hans (Wißmar) bildete die Ikone von Michail Nikolskij, die der Künstler aus dem russischen Tambow eigens für diesen Gottesdienst angefertigt hatte und die Wolfgang Böhm (Hüttenberg) gut sichtbar präsentierte.

Die Bezeichnung „Ikone“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet soviel wie „Bild, Abbild“. Die orthodoxe Kirche meint damit die Darstellung heiliger Personen oder ihrer Geschichte im kunstvoll gemalten Bild. Wer sich in das Bild und seine Bedeutung vertieft, soll so mit der unsichtbaren Welt des Göttlichen in Verbindung gebracht werden.

Nikolskij hatte bereits 2009 in Wetzlar einen Ikonenmalkurs angeboten und Mitglieder der Osteuropa-Partnerschaft im vergangenen Jahr zu einem weiteren Malkurs in sein Studio nach Tambow eingeladen, wo zahlreiche kunstvolle Werke entstanden. Seine aktuell gemalte Ikone zeigt ebenfalls die Verklärung Christi und stellt den Gottessohn im Morgenstern schwebend dar. Dabei werden die Jünger in seiner Nähe von seinem Licht angestrahlt. Auch Christen in der heutigen Zeit solle die Hoffnung  auf die künftige Herrlichkeit eine Leuchte für den Weg durchs irdische Leben sein, das zur Weggemeinschaft mit Jesus einlädt, so Pfarrerin Hans.

„Manchmal kann es der Leser eines Kriminalromans vor Spannung nicht mehr aushalten, schlägt mittendrin die letzte Seite auf und liest nach, wie es ausgeht“, resümierte Pfarrer Küppers. „So ähnlich machen es die Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas. Sie nehmen mitten im Evangelium ein Stück vom tröstlichen Ende vorweg und lassen uns daran teilhaben.“

Mit sanften, harmonischen Klängen ließ die Petrus Kantorei Gießen unter Leitung von Marina Sagorski, einer Dirigentin mit russischen Wurzeln, die Bedeutung der Bilder und Texte aus einer zusätzlichen Perspektive aufleuchten. Es erklangen Gesänge aus der russisch-orthodoxen Liturgie, unter anderem liturgische Beiträge von Peter Iljitsch Tschaikowsky und Sergej Rachmaninow sowie das „Vaterunser“ von Nikolai Rimski-Korsakow. An der Orgel begleitete Günter Schwarz den Gemeindegesang.

Ein kleines Abendessen im Anschluss gab den Besuchern Gelegenheit, über ihre Erfahrungen im Gottesdienst miteinander ins Gespräch zu kommen.

bkl

Bild 1: Biblische und meditative Lesungen mit Auslegungen des Bild- und Liedgutes im Gottesdienst waren zu hören von (v.l.) Pfarrerin Alexandra Hans, Inge Bonkowski, Ursula Küppers, Wolfgang Böhm, Hildegunde Müller, Monika Engel und Pfarrer i.R. Udo Küppers.

Bild 2:  Diese Ikone zur „Verklärung Christi“ hat der russische Künstler Michail Nikolskij aus Tambow eigens für den Gottesdienst gemalt. Wolfgang Böhm aus Hütttenberg hält sie in Händen.

Bild 3: Der Chor  der Petrus Kantorei Gießen unter dem Dirigat von Marina Sagorski präsentierte unter anderem Gesänge aus der russisch-orthodoxen Liturgie.